Reisetipps für Bern

Bernhard Amelung

Lasst Euch diesen Artikel nicht entgehen: Ein Bernkenner gibt uns liebevoll zusammengestellte Tipps für den perfekten Aufenthalt in dieser oft unterschätzten Stadt. Nicht mal zwei Zugstunden von Freiburg entfernt, kann man in Bern Shoppen, Bummeln, Party machen und Museen besuchen, dass es eine reine Freude ist. Auf gehts an die Aare!



Idere Ittume

Der einfache Berntourist eilt meist von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Bärengraben, Rathaus, Münster, Zeitglockenturm und Bundeshaus, immer schön den Gassen folgend. Die Berner Altstadt hat jedoch weitaus mehr zu bieten.

Ausgangspunkt für Alternativen ist der Bärengraben. Die Aare auf der Nydeggbrücke überquert, bringen uns die 157 Stufen der Nydeggtreppe hinab in die Tiefe. Jetzt sind wir idere Ittume, in der Matte, wie Berns berühmt-berüchtigter Stadtteil in seiner eigenen Sprache, dem Matteänglisch heißt. Fischer, Flößer, Fuhrleute, Mühlen, Gerbereien, Wirtschaften und so genannte Badhäuser prägten das Bild dieses Stadtteils über Jahrhunderte hinweg.



In letztgenannten Häusern wurden teilweise auch Bordelle betrieben, die auch Giacomo Casanova als Stätte der Vergnügung gedient haben sollen. Heute leben und arbeiten Kunstschaffende, Studenten, Architekten, Werbehipster und andere „guet situierti Lyt“ in den kernsanierten Häusern. Hierher verirrt sich kaum ein Tourist.

Um wieder nach oben zu gelangen und die Pflichtfotos vom Münster, dem Rathaus und dem Bundeshaus machen zu können, bieten sich folgende Möglichkeiten an: Die Mattentreppe mit ihren 183 Stufen – ein wahrer Bußgang. Kettenraucher und Bewegungsmuffel benutzen besser das „Sänkeltram“, den Standlift zur Münsterplattform. Oder, nach einem gemütlichen Spaziergang der Aare entlang, Europas kleinste Standseilbahn, das Marzilibähnli.



Ir Kafipouse – Ein Kaffee zwischendurch

Längst kein Geheimtipp mehr und dennoch mein Favorit unter den Cafés: das Adriano’s. Seine Lage am Theaterplatz, gegenüber der „Zytglogge“ und des „Hôtel de Musique“, ist absolut zentral. Ideal als Anlaufstelle vor oder nach einem Stadtbesuch sowie auch zwischendurch.

Bei Adrian Iten und seinen Mitarbeitern kommt selbst der anspruchsvollste Connaisseur auf seine Rechnung. Täglich wird der verwendete Kaffee frisch geröstet, zur Auswahl stehen verschiedene Mischungen sowie sortenreine Spitzenkaffees aus Ostafrika, Südamerika und Südostasien. Dazu Croissants, Brioches und die legendären Panini: Ciabatta-Brot vom Ängeli-Beck mit auserlesenen Zutaten vom Rohmilchkäse bis hin zu Veltliner Bresaola belegt. Ein Traum!

Und warum eigentlich immer Kaffee? Lässt sich doch seit über 25 Jahren im ersten Stock des Länggass-Tee bei Katrin und Gerhard Lange eintauchen in die Welt des Tees. Zusätzlich zum Verkauf der edlen Blätter bieten die Langes und ihr Team die Möglichkeit, diese zu verkosten.

In Begleitung eines frischgebackenen Scones mit Clotted Cream und Erdbeerkonfitüre könnte man beinahe vergessen, dass man in Bern ist. Einfach in die Buslinie 12 in Richtung Länggasse einsteigen und bis zur Haltestelle „Mittelstrasse“ oder „Unitobler“ fahren. Von dort sind’s nur noch wenige Schritte in die Länggassstrasse 47.



Z’Mittag und z’Nacht – Essen und trinken

Ist die Zeit knapp, liegt auch in Bern der Gang zum Chinesen, Türken oder Italiener nahe. Mein liebster Chinese heißt Tong Fong. Der winzigkleine Schnellimbiss liegt mitten in der Stadt, an der Brunngasse, nähe Zytglogge, und wird vom Gros der Leute trotzdem übersehen. Der Laden ist penibel sauber, die Bedienung zuvorkommend freundlich, das Essen schmeckt vorzüglich. Reis- und Nudelteller gibt’s für weniger als 10.- sFr., Frittiertes und Gebackenes kostet ca. 5.- sFr.



Wer lieber Döner mag, muss etwas mehr Zeit aufwenden. Es geht stadtauswärts, nach Bümpliz-Süd, mit der S-Bahn oder der Buslinie 13. Dort, an der Burgunderstrasse 23, liegt das Ristorante Venezia. In Bern besser bekannt als „’S Umut“ oder einfach nur Umut. Denn hier servieren die Brüder Umut und Ulas Demirci Berns besten Kebapteller überhaupt. In zwei Größen, für 10.- oder 13.- SFr.



Beeilen sollte sich, wer noch in den Genuss der Küche des wohl angesagtesten Lokals der Stadt kommen möchte. Das Im Juli an der Militärstrasse 42a im Breitenrainquartier wird im März seine Pforten schließen. Grund? Ein nicht beigelegter Streit zwischen Verpächter und Besitzer. Seit seiner Eröffnung 2003 wurde es innert kurzer Zeit zum Renner der Berner Bourgeois Bohemiens, doch davon einmal abgesehen: hier schmeckt’s wirklich gut! Ich werde es vermissen.

Weitere Adressen:

  • das Restaurant Zum blauen Engel, Seidenweg 9b, exquisite Küche in bourgeois-trashiger Atmosphäre
  • das Restaurant Gaumentanz, Gerechtigkeitsgasse 56
  • das Restaurant Zimmermania an der Brunngasse 19, im 19. Jahrhundert noch üble Kaschemme für licht- und arbeitsscheues Gesindel, heute edles Restaurant mit an Frankreich orientierter Küche.


Hochkultur und Fine Arts

Berns kulturelle Blütezeit sei, sofern die Stadt überhaupt eine hatte, im 15. und 16. Jahrhundert zu verorten, als sich das Herrschaftsgebiet des Stadtstaates bis zum Genfersee erstreckte. Seither dämmere die Stadt in einem komatösen Kulturschlaf, der lediglich durch Einzelereignisse in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren unterbrochen wurde. Also auch längst vorbei.



So jedenfalls behaupten es böse Zungen. Diese pessimistische Grundhaltung ist gänzlich unberechtigt. Stadttheater, Altes Schlachthaus (Theater), das Theater an der Effingerstrasse, Casino-/Konzertsaal, Kunstmuseum, das sogenannte Museumsquartier rund um den Helvetiaplatz mit Kunsthalle, Historischem und Naturhistorischem Museum sowie seit Juni 2005 das von Renzo Piano erbaute Zentrum Paul Klee bieten Hochkultur zur Genüge.



Eis ga zieh – Etwas trinken gehen

Wer gerne sieht, viel lieber noch gesehen wird, der ist im „Lorenzini“, „Bellini“ oder „DüDü“, wie die Berner das Du Théatre nennen, richtig. Nicht mein Ding. Viel lieber statte ich dem Les Amis an der Rathausgasse 63 einen Besuch ab. Es öffnet täglich erst ab 17 Uhr und hierher kommt, wer seine Ruhe braucht, wer neue Leute kennenlernen oder mit Freunden ungestört ein paar Bier kippen will.

Man fühlt sich sogleich wohl, es ist eng, leicht verraucht und trotz einer Glasfront irgendwie dunkel. Der Barkeeper lehnt meist lässig rauchend an der Bar, den schwarzen Hut tief in die Stirn gezogen, um die Augenringe von der Nacht zuvor ein wenig zu kaschieren. Die Getränke schenkt er mit solch lockeren Bewegungen ein, dass, wer ihn nicht kennt, fürchten muss, er lasse die Flaschen und Gläser augenblicklich fallen.

Musik? Dezent im Hintergrund, meist Rock und Northern Soul, von alten Elvis-Songs bis hin zu Psychedelic Rock aus den späten Siebzigern. Funk und Soul darf’s auch mal sein. Im Untergeschoss ist ein kleiner Club, Wohnzimmer genannt, mit Parties und Live-Konzerten an den Wochenenden.

Weitere Adressen: Bar Cinématte, Schwellenmätteli



Usgang gah – Nachtleben

Das Berner Nachtleben ist – allen Unkenrufen zum Trotz – sehr abwechslungsreich. Stehpartygehabe und Handtaschen-House werden mit Clubs wie „Lorenzini“, „Du Théâtre“ oder „Liquid“ abgedeckt. Hier bleiben die Hemden bis weit in die Nacht bügelfrisch.



Heiße, laute und dunkle Partynächte werden hingegen in Locations wie der Dampfzentrale, dem Gaskessel, Wasserwerk oder dem Dachstock der alten Reitschule veranstaltet. Diese Clubs fahren kein monotones Programm. Drum’n’Bass-Nächte wechseln sich ab mit Nu-Rave-Abenden, zwischendurch gibt’s Techno- und House-Parties erster Güte. Nicht selten werden ganze Label oder wenigstens zwei Headliner gebucht, wie beispielsweise an der Playhouse-Nacht am 27. Dezember 2008 mit Roman Flügel & Heiko M/S/O.

Sein Augenmerk richten sollte der Berner Partygänger jedoch auf einen Namen: Zukie173. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich ein Berner DJ-Urgestein und passionierter Plattensammler. Seine Vinyl-Sammlung ist unerschöpflich und kaum einer weiß in Bern seine Sets so abwechslungsreich zu gestalten wie er. Mit einem Wort: ä geilä Siech! Unterwegs ist er unter anderem im Wasserwerk, der Bar Lötschberg oder in dem seit 2006 neu eröffneten Club Formbar. Dieser versteht sich selbst als experimentelle Plattform für jedwedes Genre elektronischer Musik. Also: watch out for Zukie173.

Übernachten

Günstig, sowohl preislich als auch von der Lage her übernachtet, wer eines der äußerst gefragten Zimmer in der Jugendherberge unterhalb des Bundeshauses bekommt. 33.- SFr. (ggf. zzgl. 6.- Tagesmitgliedschaft) pro Nacht, Frühstück inklusive. Beste Alternative dazu: das Backpackers im Hotel Glocke an der Rathausgasse 75. Ein 2er Dormitory mit Etagendusche kostet SFr. 41.-, kleiner Nachteil: kein Frühstück. Vorteil: in Spazierentfernung zum Adriano’s, das ab 7 Uhr morgens geöffnet hat sowie ins „Les Amis“.

Preisgrenzen nach oben gibt’s in Bern keine, selbst die kleinste Pension ist sehr teuer, ab etwa 100.- SFr. pro Nacht. Für Romantiker bieten sich die Love Rooms imHotel Belle Epoque eingangs der Berner Altstadt an.



Vergliiche, uswähle, zueschlah – Einkaufen

Wählt man den Zeitglockenturm als Orientierungspunkt, teilt sich die Stadt in zwei Bereiche. Heimat des traditionellen Handwerks, der Kunstgalerien und winzigen Modeboutiquen ist die untere Altstadt, entlang der Gerechtigkeits- und Kramgasse.

Dort gibt es alles, vom Käsespezialisten bis hin zum Fachgeschäft für Petroleumlampen und Lampenschirme. Filialen der bekannten Ketten siedeln hingegen in der oberen Altstadt. Benetton, Mango, Zara – alles vertreten. Erfreulicherweise sorgen Fachgeschäfte und kleine Boutiquen dafür, dass das Stadtbild nicht langweilig wirkt.

Erste Anlaufstelle für italienische Mode ist das Casaluci; junge Mode im Spannungsfeld Berlin – Barcelona (-Bern) bieten die Institutionen für Streetwear Olmo und Kitchener. Besonders für junge Frauen interessant: die Kellerboutique im Ryffligässchen. Hier gibt’s auf kleinstem Raum, was frau zwischen Kollwitzplatz und Kastanienallee trägt.



Meet the locals

Drei Hotspots: Erstens die Münsterplattform, im Volksmund zur „Pläfä“ abgekürzt. Sie ist der Balkon der eidgenössischen Hauptstadt, sonnenverwöhnt von morgens bis abends. Im kleinen Pavillon lassen sich allerlei Spiele und Literatur ausleihen, ein kleiner Ausschank bietet Bier und Kaffee an und schon lässt sich der Alltag inmitten Jung und Alt vergessen.

Zweitens der Bärenplatz, kurz Front genannt. Der klassische Treffpunkt Berns. In unmittelbarer Nähe zum Bundeshaus gelegen, reiht sich ein Café ans andere. Werden mit den ersten warmen Sonnenstrahlen Tische und Stühle nach draußen verlegt, beginnt der Balzbetrieb. Sich präsentieren, auschecken, kuppeln. Nichts für ruhige Momente zu zweit.

Drittens ein Sommerklassiker: das Marzili-Schwimmbad, „s’Marzili“. Das größte und traditionsreichste Berner Aarebad, Schauplatz eines Tatorts (SF DRS, 1995, „Rückfällig“), wird von der Burgergemeinde getragen. Der Eintritt ist daher umsonst. Hier lassen sich Berns Schönheiten wunderbar betrachten. Für Abkühlung sorgt die kalte Aare.



Bern für Romantiker

Enge Gässchen, plätschernde Brunnen, mittelalterliche Treppen – die ganze Altstadt ist ein einziger reizvoller Platz. Der Rosengarten, in den Reiseführern als besonders romantisch hervorgehoben, ist zur Peak Time jedoch nur bedingt zu empfehlen. Zu überlaufen, da Anlaufstelle aller Busreisenden und nachts beliebte Cruising-Zone.

Längst kein Geheimtipp mehr und dennoch märchenhaft schön: das Landgut Elfenau mit seinen verträumten Parkanlagen. Wo einst die russische Großfürstin Anna Feodorowna lustwandelte, führt auch heute noch so manch ein Spaziergang zu verträumten Stunden.

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