Reaktionen auf das Rattenexperiment: Morddrohungen, Hacker-Attacken und eine Strafanzeige

Daniel Laufer

Auf der Webseite von Florian Mehnert aus dem Markgräflerland soll man am 25. März eine Ratte erschießen können - per Mausklick. Der Künstler will so gegen den Einsatz von Drohnen protestieren. Damit hat er einen Shitstorm erzeugt:



Florian Mehnert nennt sich Künstler, er will aufrütteln und er will provozieren. Im Fokus seines neuesten Projekts steht eine Ratte. Sie soll ein Besucher erschießen können - per Mausklick. Seit Samstag läuft auf der Mehnerts Webseite ein Countdown, enden wird er am 25. März um 19 Uhr. Schon jetzt schlagen die Empörungswellen hoch.


Auf dem Lauf der Pistole hat Mehnert eine Kamera installiert, das Bild überträgt er in Echtzeit ins Internet. "Elf Tage" heißt das Projekt - wer mag, kann sich aber bereits vor Ablauf der Frist einloggen und die Pistole fernsteuern. Nur scharf ist die Waffe noch nicht.

Mit seinem Experiment will der Künstler gegen die Überwachung und den Kampfeinsatz von Drohnen protestieren. "In Deutschland werden Drohnen-Piloten trainiert, von deutschem Boden aus fliegen Amerikaner Drohnen in Kriegsgebieten. Man vertut sich auch mal - dann sterben Zivilisten." Jeden Tag würden Laborratten gequält, als Platzhalter für den Menschen - deshalb habe er auch für "Elf Tage" eine Ratte gewählt. Woher er das Tier hat, spiele keine Rolle. "Das ist eine namenlose Laborratte."

In einer Umfrage richtet sich Mehnert an die Besucher seiner Seite: "Soll die Laborratte am Leben bleiben?" Jedem Zehnten ist das Schicksal der Ratte "egal", rund ein Viertel antwortet mit Nein. Mehnerts Erklärung dafür: "Der Mensch traut sich aus der Anonymität heraus viel - in seiner Grundhaltung ist er sehr tötungswillig und aggressionsbereit."

Anfragen von der BBC und der New York Times

Der 45-jährige Künstler lebt im Markgräflerland. Bereits in der Vergangenheit zog er die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Für sein Projekt "Waldprotokolle" installierte Mehnert 2013 Wanzen - unter anderem im Schwarzwald. Die Aufnahmen, Gespräche von Spaziergängern, veröffentlichte er anschließend im Internet. Später fertigte er eine umstrittene Videoinstallation an: Er zeigte die Aufnahmen gehackter Smartphone.

Jetzt hat das Medienecho auf seine Arbeit eine neue Dimension erreicht. Selbst der britsche Sender BBC und die Zeitung New York Times hätten bereits angefragt, sagt Mehnert. Im Internet ist ein Shitstorm entstanden, minütlich erhalte er Emails, darunter Morddrohungen - viele davon aus England. "Sie beschimpfen mich als Nazischwein und sagen, sie killen mich."

Wo genau im Markgräflerland der gebürtige Kölner lebt, möchte er nicht im Internet oder in der Zeitung lesen, denn er fürchtet um seine Sicherheit. Schon jetzt bleibe es nicht bei Drohungen: Ein Hacker versuche immer wieder seine Webseite lahmzulegen, mit zwischenzeitlichem Erfolg. Auch dem Polizeipräsidium Freiburg ist das Experiment bekannt: Eine Privatperson hat Mehnert angezeigt - wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz. "Eine Streife hat vor Ort erste Ermittlungen eingeleitet", so der diensthabende Polizeiführer am Sonntag gegenüber fudder.



"Man muss die Welle der Empörung als Erfolg betrachten", sagt Mehnert keine 24 Stunden nach Beginn des Experiments. Immerhin habe er eine Diskussion losgetreten. "Jetzt muss ich den Fokus richtig ausrichten. Bei dem Shitstorm geht es um den vermeintlichen möglichen Tod der Ratte. Diese Ratte kann aber tausende Leben retten, wenn die Menschen jetzt handeln und ihren Protest gegenüber der Drohnen-Technologie äußern."

Mit den Zuschriften, die er erhalten hat, ist Mehnert deshalb noch unzufrieden. "Diese Menschen interessiert nur, ob ein aggressiver Computerspieler nach elf Tagen diese Ratte erschießt - oder nicht."

Mehnerts Experiment erinnert an die Aktion "Die Guillotine". Vor drei Jahren ließen zwei Kunststudenten aus Berlin im Internet über den Tod eines Schafes abstimmen. Am Ende kam heraus: Die beiden hatten nie wirklich die Absicht gehabt, dem Tier etwas anzutun.

Handelt es sich auch bei Mehnerts Experiment nur um eine Farce und das Leben der Ratte ist gar nicht wirklich in Gefahr? "Ich will das nicht dementieren", sagt Mehnert dazu. "Die Waffe ist allerdings echt und die Vorrichtung absolut tauglich, die Ratte zu töten."