Rapport von Süd, Haupt, Nord und Ost: Vier Blickwinkel auf das SC-Spiel gegen Schalke 04

Marius Buhl

Der SC Freiburg hat am Samstag gegen den FC Schalke 04 mit 0:2 verloren. fudder-Redakteur Marius Buhl hat sich das Spiel von allen vier Tribünen angeschaut und jeweils einen Fan beobachtet: Handy-Maidle, Sektschlürfer, Krakeel-Weib und Jeansjacken-Schalker.



Südtribüne, Minute 1 bis 20:

Sie sitzt auf dem Stehplatz, direkt unter einem Stahlträger, immer im Blickfeld ihres Papas. In der Hand hat sie dessen Smartphone. Mit einem Affen springt sie durch den Urwald, klettert und rennt. Sie liebt es, schaut sich aber immer wieder irritiert um, wenn die Fans sich aufregen oder jubeln, weil Stuttgart hinten liegt zum Beispiel. Müsst ihr so laut sein? Nach wenigen Minuten kassiert der SC Freiburg das 0:1, die vielleicht 5-Jährige interessiert das aber überhaupt nicht. Ayhan war’s, mit einem schönen Schlenzer, nicht unhaltbar allerdings. Mensch, Oli, du wirst doch nicht mental schon in Hoffenheim sein?

Den kleinen Fan interessiert auch das nicht. Geht er halt, wir finden schon einen neuen Torwart, scheint sie zu sagen. Und überhaupt: Warum regt ihr euch denn alle so auf? Geht doch eh um nichts mehr heute, die Saison war doch super gut, wir können stolz sein auf die Jungs und uns zurücklehnen. Den Schalkern das Tor gönnen. Mal relativistisch sein. Kurz schaut sie auf, vergewissert sich, das Papa noch da ist. Der fachsimpelt mit einem Kollegen: “War der Ball haltbar?” Dann winkt er seiner Kleinen kurz zu, die dreht sich zufrieden um. Chance Ginter. Level geschafft.



Haupttribüne, Minute 23 bis 45:

Da sitzt er, der Prototyp Haupttribünen-Fan. Blauer Mantel bis zum Boden, braun gebrannt, um die 60 Jahre alt. Seine Bulgari-Uhr zeigt kurz vor vier, als ich mich neben ihn setze, ihm zur Begrüßung kurz zu nicke. Er reagiert nicht. Professionelle Coolness, vermutlich bei vielen Immobilien-Geschäften trainiert. Er in der Denker-Pose, ich als Beobachter.

Es ist schon besonders beeindruckend, wie wenig ihn das Spielgeschehen interessiert. Denn der SC hat keine Lust auf Niederlage, besonders Günter nicht. Umdribbelt ein paar Schalker als wäre er Messi bei einem Gastpiel in St.Peter, legt schön quer auf Klaus, der legt das Ding deutlich am Tor vorbei. Huiuiui, ich bin schon aufgesprungen, habe schon gejubelt. Und was macht der Immobilien-Piranha? Verzeiht keine Miene, weiterhin Denker-Pose.

Nächste Szene, Huntelaar-Volleykracher aus 25 Metern, das war knapp. Mit einer Boaaa-Glück-gehabt-Handbewegung will ich das Eis zwischen mir und ihm brechen, doch der Mann ist stoisch. Er reagiert einfach nicht. Warum kommt so jemand zu einem SC-Spiel?

Vermutlich ist es das “Ich-war-auch-da”. Vermutlich werden die richtig großen Geschäfte während der Halbzeit-Pause abgeschlossen, vermutlich darf man da nicht fehlen. Auch wenn man sich dann 2x45 Minuten ein Spiel anschauen muss, was einen nicht interessiert. Wobei, 45 Minuten? Es ist die 40. Minute als sich der Mantelträger mit einem letzten Blick auf die Bulgari und einem bedächtigen Siegelring-Streichler Richtung Katakomben verabschiedet. Halbzeit-Sektchen. Was er verpasst: Zuckerpass Darida, Mehmedi am Tor vorbei. Das darf doch nicht wahr sein.

Nordtribüne, Minute 45 bis 60

Ich sehe sie und weiß, dass ich bei ihr genau richtig bin. Sie: blond, ziemlich korpulent und mit einer Stimme, dass die Trommelfelle der Umstehenden längst geplatzt sind. Sie redet nicht, sie schreit. Sie ist ziemlich betrunken. Sie sieht mich und legt den Arm um mich. Schüttet mir Bier an. Wuuuuuuuuuuuuuuu! Mehmeeeeediiiii! Auf der Nordtribüne ruft sie, da ist es am besten, alles andere kannst du vergessen. Wenn der Baumann nicht bleibt, ist er für sie gestorben. Oliiiii!

Auch sie kriegt gar nicht richtig mit, was auf dem Spielfeld geschieht. Schreit mir ins Ohr, dass Schmid diese Aktion da unten schon wieder ganz schön vermasselt hat. Das Problem: Schmid ist in der Halbzeit raus, Kerk hat ihn ersetzt. Haben ja fast dieselbe Frisur. À propos Frisur: Mehmedi hat die Beste, krakeelt sie in mein anderes Ohr, der sieht so süüüß aus.

Auf dem Feld passiert wenig, Mittelfeldgeschiebe, Abtasten nach der Pause, Freiburg bemüht, mehr aber auch nicht. Meiner Nachbarin reicht das nicht: "Hau den Ball vor", ruft sie, "schieß’ ein Tor." Als sie merkt, dass es damit erstmal nichts wird, zündet sie sich ein Zigarettchen an, boxt mir in die Seite und ruft: "Mach doch auch mal mit, wir singen jetzt." Schreit’s und hüpft los. "Allleeealleeee ooohooo…" Schnell auf die Gegengerade.

Gegengerade, Minute 70 bis 90.

Jeansjacke, vernarbtes Gesicht, ein Bier in jeder Hand. Richtig, ich bin im Schalker Block. Der wurde heute ausgeweitet, der ganz linke Teil der Gegengerade ist fest in blauer Hand. Und ziemlich singkräftig: “Kennst du den Mythos vom Schalker Markt, die Geschichte, die dort begann, der FC Schalke wurde Legende, eine Liebe, die niemals endet.” Auch mein Jeansjacken-Schalker singt, aus vollem Hals. Beim Wort “Liiiiebee” legt er sämtliche ihm zur Verfügung stehende Verve in seine Stimme, der Kopf puterrot, die Hände mit den Bierbechern nach oben gestreckt.

Das Skurrile: Neben ihm sitzen Freiburger, er bildet quasi die Grenze zwischen singenden Schalkern und dem Freiburger Gegengerade-Familien-Idyll. Der Schalker muss sich, wenn er nach rechts blickt, vorkommen als würde er auf dem 80. von Oma Luise “Die Internationale” anstimmen. Lustigerweise ist ihm das aber komplett egal, er singt und freut sich. Als Freiburg dann den Anschlusstreffer schießt, rastet er aus; als er merkt, dass der Schiedsrichter Abseits gibt, reißt er jubelnd die Arme hoch. Als ich “Fehlentscheidung” in seine Richtung rufe, wird er böse, erklärt mir mit erhobenem Zeigefinger die Abseitsregel, dann singt er wieder. “...eine Liebe, die niemals endet.”

Fazit

Die Motive, sich ein Fußballspiel anzuschauen, sind ziemlich unterschiedlich. Was aber alle gesehen haben: einen leidenschaftlichen, wenn auch leider glücklosen SC Freiburg. Die Rückrunde war trotzdem fantastisch. Danke, lieber SCF!





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