Rapport von Nord: SC Freiburg gegen GD Estoril Praia

SC-Rapporter

Jung, unerfahren, glücklos: Der SC Freiburg ist schon wieder an sich selbst gescheitert – trotz einer guten Leistung gegen Estoril Praia. Warum der Rapporter dank portugiesischen Studentinnen und badischen Dauernörglern trotzdem einen fantastischen Abend hatte:

 

L’Aperitif

Es war wieder soweit. Donnerstagabend, Wetter- und Fußballgott waren Kumpel, gingen heute gemeinsam Fußballschauen in Freiburg. Ein Festtag für badische Fußballfreunde. Die Kür, das Amuse Gueule, der Gruß aus der Küche, die Euro-League. Der Rapporter strahlt, tippt 4:0. Es sollte anders kommen.

Unsere Taktik? Der Überraschungseffekt! Nicolai Lorenzoni und Vladimir Darida von Anfang an, die Wurststände hatten was zu quatschen: "Lorenzinoo, Laronzeeeni, Lironzaaaani". Wie auch immer. Jedenfalls jung, deutsch, Fußballschule, das volle Programm. Alle sind begeistert. Der Altersdurchschnitt unserer Jungs lag jedenfalls wieder irgendwo zwischen „Ich-komm-jetzt-ins-Kagan“ und „Ich wohn-nicht-mehr-bei-Mama.“  

Der erste Gang

Der SC beginnt da, wo er letzte Saison aufgehört hat, frisch, spritzig, mit guten Ideen, mitreißend. Die 14.500 Fans sind im Boot, das Spiel gefällt allen. Besonders Darida: Von dem erhoffen sich ja alle viel und er zeigt auch warum: kluge Pässle, ein scharfes Auge, vielleicht das, was dem SC in den letzten Spielen noch gefehlt hat. Er hat vor allem eines: Glück.

Denn: Darida schießt, Abwehrspieler fälscht ab, Torwart in der falschen Ecke. Tor. Jubel. Beste Euro-League Stimmung im Stadion. Die Nordtribüne steht natürlich trotz Sitzschalen, es wird gesungen: „Internationaaaaaaaal!“ Der Rapporter hat sich mitten in eine Horde portugiesischer Erasmus-Studentinnen verirrt, die - warum auch immer - auf Nord stehen. Aber es gefällt ihm da. Der Rapporter trägt T-Shirt, die Portugiesinnen Wollmützen und Handschuhe. Andere Länder, anderes Temperaturempfinden.

Der SC spielt wirklich gut, vor allem die neuen bringen mächtig Zug ins Spiel. Die Bubi-Abwehr steht: Lorenzoni, Ginter, Höhn und Hedenstad. „Internationaaaaaaal“.  Zufriedener Rapporter. Selbst die Dauer-Grantler in Jeansjacke hinter mir sind fast verstummt vor so viel Leidenschaft. Nur eins haben sie anzumerken: „Mir müsse halt jetzt mol noch e zweites Tor schieße, sonschd geht’s wieder de Bach runter.“ Sie sollten Recht behalten. Leider.

Der 2. Gang

Dem Rapporter und allen anderen Fans im Stadion wird wohl nie klar werden, was mit unseren Buben in der Halbzeit passiert ist. Irgendwas muss sie erschreckt haben, irgendwas hat ihnen Angst gemacht. Jedenfalls war alles anders in der zweiten Hälfte. Schon kurz nach Wiederanpfiff war es so weit: Ein Portugiese allein vor Oli Baumann, ein Spitzer, mitten ins Tor, ach was, mitten ins Freiburger Euro-League-Herz.

Darwinistischer Fußball. Wir hatten ihnen schon fast den Kopf abgebissen, den Portugiesen. Aber sie haben ihn noch mal raus gezogen, an unseren Reißzähnen vorbei und haben zurückgebissen. Dem Baumann durch die Beine. So bitter.

Aber dann begann der Hauptteil des Spiels. Portugiesische Lässigkeit traf badischen Zorn. Es ist ein Aufeinandertreffen zweier Kulturen, es ist Europa im besten Sinne. Wahrscheinlich hat niemals eine Mannschaft so lange auf Zeit gespielt wie Estoril. Ab der Minute des Tores für Estoril, fanden es dieselben höchst erquicklich, sich einfach mal Zeit zu lassen. Beim Einwurf. Beim Abstoß. Einfach mal langsam machen, einfach mal hinsitzen, kurz eine Verletzung vortäuschen.

Auch der Trainer machte mit: Einwurf für Freiburg, Hedenstad will den Ball haben. Aber der portugiesische Trainer ist schneller. Er hat ihn, tänzelt kurz vor Hedenstad, tut dann so als übergäbe er den Ball und lässt ihn dann, ups, einfach nach hinten wegfallen. Das ist der Startschuss!

Die Grantler sind erwacht. Sie schimpfen jetzt: über portugiesisches Zeit-Management, („Busse kommen dort ja auch nie pünktlich“) und über die eigene Bubi-Abwehr. Die ist so verunsichert, dass sie gefühlt 100 Rückpässe zu Oli Baumann spielt, der nach Streichscher Maxime dann versucht, das Spiel von hinten heraus aufzubauen, statt den Ball - wie von den „Fans“ gefordert - nach vorne „zu klopfen“.

Schön, dass der Rapporter das Spiel mit den Portugiesinnen anschauen kann. Ich übersetze ihnen die badischen Wortfetzen, die von hinten nach vorne schwappen („der hat scho gelb“), und sie amüsieren sich köstlich. Sie versuchen mitzusingen, sie klatschen für beide Mannschaften. Und sie tragen Wollmützen. Ach Portugal, wie bist du wunderschön.

Die 80. Minute

Wunderschöner Angriff des SC über links, der Ball wird zurück gespielt und trudelt jetzt langsam, ganz langsam Richtung Elfmeterpunkt. Zeitlupenmodus. Kein Abwehrbein weit und breit. Das Stadion schweigt, man kann den Atem von Coquelin hören, der in großen Schritten auf den Ball zu jagt, um den frei liegenden Ball ins Tor zu schießen.

Die Fans stehen auf, recken schon die Arme in die Luft, gleich, gleich ist hier ein Tollhaus. Coquelin ist am Ball, er kann diesen Ball nur einnetzen, der Ball fliegt, der Torwart auch. Und dann zack, als hätte jemand die Zeitlupe wieder ausgeknipst, geht alles rasend schnell.

Der Torwart hält, Coquelin sackt zusammen, das Geschrei auf den Tribünen geht los. Jesus Christus, war das eine Torchance!  

Die Königinnen des Abends

Eindeutig die Portugiesinnen: Wie sie in gebrochenem Deutsch versucht haben Fansongs mitzusingen - großartig. Wir singen: „Denn wir brauchen keine Arbeit, keine Frauen, kein Geld, denn für uns bist du das größte auf der Welt!“

Skurille Welt. Muito obrigada, ihr habt den Abend perfekt gemacht!

Das Dessert

„Wichtig isch, dass mer am Sunndig gwinne! Nit hit!“ Recht hat er der Mann in Jeansjacke, der vorhin noch wie wild über Coquelin hergezogen hat. Vielleicht hat ihn die Lehrstunde in portugiesischer Lässigkeit sanfter werden lassen. Wobei, eher nicht: „Hätte mer doch Hannover Uefa-League spiele losse. Unsre Kerle henn jo doch kei Luschd!“

Es heißt Europa-League, aber egal, und unsere Kerle waren zumindest am Anfang und am Ende gut. Nur unerfahren. Aber gut gemacht haben sie es. Gekämpft haben sie auch. Gegen einen unangenehmen Gegner, gegen die hohen Erwartungen und gegen Fans, die am Ende 21-jährige Debütanten auspfeifen. Schämt euch!

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