Rap ist ihr Ding: Jugendliche aus Weingarten und Haslach nehmen in der Wiehre Hiphop-Songs auf

Marius Buhl

Das Musikprojekt "Perspektive Sound" der Mobilen Jugendarbeit Weingarten soll musikbegeisterte Jugendliche fördern, die sich keinen Musikunterricht leisten können. Im Rahmen des Programms haben Teenager aus Haslach und Weingarten Rap-Songs geschrieben; am Montag wurden die Songs aufgenommen. Ortstermin im Tonstudio:



Ali Fawaz runzelt die Stirn. Er mustert die goldene Schallplatte für 100.000 verkaufte Alben, die an der Wand des Tonstudios „Sportstudio Freiburg“ in der Turnseestraße hängt. „Reamonn, das hab ich noch nie gehört“, sagt er. „Was machen die so für Tracks?“ Die Zeiten, da die Popband mit dem Freiburger Bassisten Philipp Rauenbusch Hits wie „Supergirl“ veröffentlicht haben, sind schon eine Weile vorbei.


Als Supergirl im Jahr 2000 die Nummer 1 war, war Ali kein Jahr alt. Heute ist der 15-Jährige mit einer ganzen Crew Jugendlicher ins Studio des Ex-Reamonn-Musikers gekommen um zum ersten Mal einen eigenen Song aufzunehmen.



Sechs Jungs und Mädels drängen sich im engen Aufnahmeraum des Studios. Mehrere Macbooks stehen herum, an der Wand hängen E-Gitarren, das Licht ist gedimmt. Die Jugendlichen kommen größtenteils aus Weingarten oder Haslach, einige von ihnen nehmen dort Angebote der Mobilen Jugendarbeit Weingarten in Anspruch.

Das Projekt „Perspektive Sound“ hat sie heute hier ins Studio gebracht. Initiiert hat das Jana Kuhlmann, Studentin an der Evangelischen Hochschule Freiburg, die zur Zeit ein Praktikum bei der Mobilen Jugendarbeit absolviert. „Mir ist aufgefallen, dass viele der Kids dort sehr musikalisch sind, aber wegen Geldmangel nie gefördert worden sind“, sagt die 21-Jährige. „Ihnen wollte ich eine Stimme geben.“ Finanziert wird das Angebot durch die Oberle -Stiftung.

Ali war von Anfang an beim Projekt dabei. Als sich die Jungs und Mädels zum ersten Mal getroffen haben, hatte er bereits einen Songtext geschrieben. „Mit dem waren wir aber noch nicht ganz einverstanden“, sagt Simon Becher, der mit Ali und Julian Hill den Song „Neubeginn“ entwickelt hat. „Wir mussten noch einiges daran ändern.“

Die drei Mädels der Gruppe, Alisa Sulkoska, Kathlin Aluboulu und Juwena Stüber haben einen eigenen Song getextet: „Verloren“. Dass sie rappen wollen, war allen schnell klar. „Rap ist unser Ding“, sagt Ali. „Ich höre nichts Anderes.“



Bedächtig setzt der 15-jährige die Kopfhörer auf. Er nickt im Takt, wartet bis der Beat einsetzt. Dann rappt er los, etwas unsicher noch, bis er merkt, dass alle anerkennend nicken.

Ali rappt lauter, sicherer: „Fernsehen ist käuflich, Medien sind nur noch Werkzeug des Teufels, Manipulation rund um die Uhr, ein Blick in die BILD und ich bin reif für die Kur.“ Dass der Text eine Message hat, findet Ali wichtig: „Wir wollten nicht nur einfach so irgendwas labern. Wir können mit unserem Track etwas aussagen, vielleicht auch auf Youtube und so.“



Jana Kuhlmann ist begeistert von der Arbeit der Jugendlichen. Ganz wichtig war ihr die Gruppeneinteilung: „Bei dem Projekt will ich Musik als Verbindung zwischen Jugendlichen aus verschiedenen Milieus, Kulturen und Altersgruppen verwenden und beobachten wie sie zusammenführt.“

Eines schafft die Musik ganz sicher: Die Jugendlichen setzen sich mit Reimformen auseinander, mit Rap-Tempo, mit dem klaren Sprechen der Worte.



Dabei helfen ihnen auch Peter Stöcklin und Sebastian Scheipers. Die beiden Musikern aus Freiburg arbeiten im Tonstudio und gehören zu den Initiatoren des ähnlichen Projekts „Musik macht Schule“, über das Jana Kuhlmann auf sie aufmerksam wurde. „Wir sind in Behinderteneinrichtungen, gehen in Schulen, versuchen gezielt finanziell schwache Kinder zu unterstützen“, sagt Stöcklin. Sein Kollege Sebastian Scheipers hat die Beats gebastelt, Stöcklin hat die gerappten und gesungenen Passagen gemischt und zu einem Song zusammengefügt. „Uns hat die Arbeit richtig Spaß gemacht“, fasst er zusammen.

Zum Schluss will Ali dann doch mal was von diesen Reamonn hören. Er sucht bei Youtube, „Supergirl“ klickt er an und hört einige Sekunden aufmerksam zu. Dann lacht er, dreht den Ton leise: „Was ist das denn für Musik? Ich mach mal was Gutes jetzt hier!“ Er sucht eine Weile, dann klickt er einen neuen Song an; aus den Boxen dröhnt jetzt ein Song des deutsches Gangsta-Rappers Kollegah.

Ali nickt mit dem Kopf.


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