Ralf Kohl: Zur Sache, Kanzler!

David Weigend

Ralf Kohl, 43, hat die erfolgreichen 1990er Jahre des SC Freiburg grundsolide geprägt. Wir haben ihn in seinem Sportfachgeschäft in Sankt Georgen besucht. Die Ansichten des Kanzlers - zum SC heute im Vergleich mit der Aufsteigerelf von 1993, zu seinem Nachfolger Daniel Schwaab und zur Entwicklung der Freiburger Fanlandschaft.



Herr Kohl, haben Sie das Spiel des SCF gegen Ingolstadt verfolgt?

Nein. Ich habe nur das Endergebnis gehört.

Gehen Sie noch ins Dreisamstadion oder schauen Sie sich den SC lieber im Fernsehen an?

Das ist unterschiedlich, je nachdem, wie es die Zeit zulässt. Ich war diese Saison drei, vier Mal im Stadion. Die Montagsspiele schaue ich mir im Fernsehen an. Eine Dauerkarte habe ich nicht, aber mein Sohn hat eine. Er ist 18 und steht immer auf Nord.

2007 fungierten Sie noch als Trainer beim SV Opfingen. Warum haben Sie aufgehört?

Das Geschäft hier ist so vereinnahmend geworden, dass ich keine Zeit mehr habe für einen Trainerjob. Bei den A-Jugendlichen von Opfingen bin ich aber immer noch ein wenig als Co-Trainer tätig.

Wie finden Sie die derzeitige Mannschaft des SCF?

Ich beobachte das Geschehen beim SCF mittlerweile aus einer gewissen Distanz. Natürlich sehe ich, dass viele junge, talentierte Spieler in der Mannschaft sind. Schuster, Flum, Schwaab. Und ich weiß, dass Robin Dutt ein sehr guter Trainer ist. Auch menschlich gesehen ist er ein klasse Typ. Ich habe mit ihm den Trainerschein in Karlsruhe gemacht. Dort habe ich ihn als sehr symphatischen, eifrigen Menschen kennengelernt.



Wie unterscheidet sich der heutige SCF von der Mannschaft aus der Aufstiegssaison 1992/93, der sie damals angehört haben?

Der Charakter unserer Mannschaft damals war in gewisser Weise ähnlich. Viele unserer Spieler kamen aus der Oberliga. Man konnte unsere Spielstärke schwer einschätzen. Stocker hat immer gesagt: „Hauptsache nicht absteigen.“ Volker Finke hat es verstanden, aus diesem Haufen junger, unerfahrener Spieler ein richtiges Team zu bilden. Dass wir zwei Jahre danach gleich aufgestiegen sind, damit hat niemand gerechnet. Im aktuellen Kader haben nur zwei, drei Spieler Bundesligaerfahrung. Da sehe ich schon eine Parallele zum Team vom 92/93.



Welche Qualitäten waren im 93er-Team ausschlaggebend für den Aufstieg?

Mit Sicherheit das Kurzpass-Spiel, ein System, das damals noch relativ neu war, verbunden mit dem Versuch, Überzahlsituationen zu schaffen. Das hohe Laufpensum. Jedoch darf man wie gesagt nicht vergessen, dass die Ausgangssituation damals eine andere war. Der SC der Saison 2008 / 2009 hat sich das Ziel „Aufstieg“ von Anfang an auf die Fahnen geschrieben. Bei uns hat nie jemand vom Aufstieg geträumt oder geredet.

Wie finden Sie es, dass der 09er-SC von Anfang an den Aufstieg als Ziel definiert hat?

Ich kann das durchaus verstehen. Nachdem der SC jetzt drei Jahre lang am Aufstieg vorbeigeschrammt ist, war klar, dass man im vierten Jahr versuchen muss, wieder hochzugehen. Andernfalls kann doch so ein Club den Etat gar nicht mehr halten. Gleichwohl kann man solch einen Aufstieg natürlich nicht erzwingen.



Können Sie sich an den Moment im Jahr 1993 erinnern, als der Aufstieg feststand?

Ehrlichgesagt, nein. Das war ja eine Mammutsaison. 24 Mannschaften, wir waren glaube ich vom ersten Spieltag an bis zum Schluß auf einem Aufstiegsplatz. Mit über hundert Toren auf unserem Konto war relativ früh klar, dass wir irgendwie aufsteigen. Eigentlich ist mir der verhinderte Abstieg am 7. Mai 1994 viel besser in Erinnerung, unser 2:0 Auswärtssieg in Duisburg. Das war fast noch schöner als der Aufstieg davor.

SC-Fans, die damals im Wedaustadion dabei waren, bekommen heute noch feuchte Augen, wenn sie von diesem Nachmittag erzählen.

Das war der Wahnsinn. 15.000 mitgereiste Anhänger, die nach Abpfiff den Platz gestürmt haben. Sowas vergisst man nicht. Wir Spieler mussten gegen Ende flüchten, da wir Angst hatten, erdrückt zu werden. Und was danach in Freiburg los war, unvorstellbar. Die Stadt stand Kopf. Überall feiernde Menschen. Es hatte keiner mehr damit gerechnet, dass wir drinbleiben.



Welche Position haben Sie in dieser Saison eigentlich genau gespielt?

Rechter Verteidiger. Wobei wir damals nicht diese Viererkette gespielt haben, wie das jetzt der Fall ist. Wir hatten eher eine Fünferkette.

Aber im Grunde spielten Sie die Position, die heute Daniel Schwaab besetzt.

Richtig. Ich beobachte ihn auch im Speziellen, wenn ich mir ein SC-Spiel anschaue. Ist doch klar, dass man auf seinen Nachfolger achtet und schaut, wie er diese Position spielt.

Was macht er anders als Sie?

Nicht allzu viel. Er läuft sehr viel und versucht auch, nach vorne zu agieren, zur Grundlinie zu kommen und Flanken zu schlagen. Daniel ist aber stärker an die Defensive gebunden als ich damals, da diese Viererkette anders konzipiert ist. Ich hatte mehr Freiheiten nach vorne.



Und Jens Todt war der Scheibenwischer.

Genau. Er hat die Zentrale gespielt, war der Mann für alles vor der Abwehr. Dann hatten wir ein Fünfermittelfeld und meist nur eine Sturmspitze, Uwe Spies oder Harry Decheiver. Aber das ganze Gefüge war sehr flexibel.

Wie haben Sie Volker Finke als Trainer erlebt?

Vom Fachlichen her war er genial. Die Trainingseinheiten hat er mit Achim Sarstedt perfekt koordiniert. Auch vom Menschlichen her waren die ersten vier bis sechs Jahre absolut top. Irgendwann hat man dann gemerkt, dass der ganze Medienrummel und die Euphorie auch Herrn Finke etwas verändert hat.



Ihre Trennung vom SCF lief nicht ganz harmonisch ab, oder?

Eigentlich war vereinbart, dass ich nach Abschluss meiner Aktiven-Laufbahn Jugendtrainer beim SC werden sollte. Ein Vertrag mit dreijähriger Laufzeit war schon unterschrieben. Kurz vor Saisonbeginn hat sich dann beim FV Weinheim ein Spieler verletzt auf der Position, die ich spielen konnte. Weinheim ist quasi mein Heimatverein und die Verantwortlichen haben sich bei mir mit einer Anfrage gemeldet. Das habe ich so dem SC Freiburg mitgeteilt. Daraus resultierten dann einige Brüche zwischen dem SC und mir. Logischerweise hat sich dann auch die Sache mit dem Jugendtrainer zerschlagen.



Wie ist Ihr Kontakt zu den ehemaligen Mannschaftskollegen?

Die sind ja in alle Himmelsrichtungen verstreut. Zu Maxi Heidenreich habe ich noch sehr guten Kontakt, er wohnt noch hier. Ebenso Uwe Wassmer. Martin Spanring ist im Europapark, den trifft man hin und wieder mal. Uwe Spies und Thomas Schmidt sind in der Ulmer Gegend, Jens Todt ist irgendwo in Stuttgart unterwegs.

Und die Zeyerbrüder?

Der Andi ist sehr bodenständig, das weiß man ja. Er hat als Schweißfachingenieur den Betrieb seiner Eltern übernommen, Zeyer Stahlbau in Neresheim. Sein Bruder Michael ist früher eher so ein Wandervogel gewesen. Irgendwann hat er mal in Schottland gespielt. Wo er mittlerweile ist, weiß ich nicht.

Wer hat Ihnen eigentlich den Spitznamen „Kanzler“ gegeben?

Martin Braun. Er kam morgens mal gutgelaunt ins Training. Vielleicht hat er sich vorher politische Nachrichten angeschaut, ich weiß es nicht.



Sie verkaufen Trikots und Sportbekleidung. Welches SC-Trikot finden Sie am schönsten?

Das Adidastrikot aus der Saison 1998 / 99, Sponsor BfG Bank. Das habe ich auch über der Kasse aufgehängt. Drüber hängt ein Schal vom SC-Fanclub Hohentwiel, bei denen waren wir mal zur Weihnachtsfeier eingeladen. Nun ja, ich kenne auch schon das Design des neuen Nike-Shirts für die kommende Saison. Sieht frisch aus.

Wie hat sich in Ihren Augen der Support der SC-Fans im Laufe der Jahre verändert?

Wir haben damals miterlebt, wie sich eine euphorische Stimmung in Freiburg gebildet hat. Das war etwas Neues für die Stadt. Ich erinnere mich noch an 15.000 SC-Fans, die zum ersten Auswärtsspiel in der Ersten Liga nach München mitgereist sind. Diese Euphorie hat über Jahre angehalten. Doch der Abstieg, der verpasste Wideraufstieg und der Bruch mit Volker Finke hat einiges schwieriger gemacht. Die Ansprüche vieler Fans werden hingegen größer. Nach dem Weggang von Finke hat man ja gedacht, dass noch weniger Fans ins Stadion kommen. Aber durch die gute Arbeit von Robin Dutt kommen sie wieder zurück. Wenn der Sportclub jetzt aufsteigt, womit ich rechne, wird man auch wieder volles Haus haben.



Welche Fanaktion ist Ihnen noch am besten in Erinnerung?

Das Wunderkerzenspiel gegen Borussia Dortmund am 11. Dezember 1993. Sensationell, da habe ich Gänsehaut bekommen. Zehn Minuten vor Schluss stand es 4:1 für uns. Wir haben fast nur noch auf die Zuschauer geschaut. Irgendwann brannten 20.000 Wunderkerzen im Stadion.

Wer steigt außer dem Sportclub noch auf?

Nürnberg auf Zwei. Mainz kommt in die Relegation, wird dann aber scheitern.