Rainer Dausch vom Deutschen Seminar protestiert seit ein paar Wochen im Hawaiihemd – warum?

Julia Hein

Rainer Dausch sitzt an der Pforte zum Deutschen Seminar – seit ein paar Wochen im Hawaiihemd. Damit möchte er auf die Möglichkeit aufmerksam machen, die Vorlesungszeiten zu verschieben. Julia Hein hat ihn befragt.

Täglich hat der seit 2006 an der Pforte tätige Bibliotheksmitarbeiter Rainer Dausch ein Lächeln für die Studierenden auf den Lippen und ist immer für ein Pläuschchen offen. Manche kennen ihn als Herrn Dausch, andere nennen ihn liebevoll "den Hawaiimenschen", da er diesen Sommer nur in trashigen Hawaiihemden zur Arbeit geht. Dahinter steckt aber weniger eine modische Überzeugung als vielmehr ein Anliegen im Interesse der Seminarbesucher. Julia Hein hat mit ihm gesprochen.


Was genau hat es mit den Hawaiihemden auf sich, die Sie seit einigen Wochen täglich tragen?

Die Hawaii-Aktion entstand aus der alljährlichen Klage über die Hitze in den Seminarräumen, unter der im Sommer Lehrende und Studierende gleichermaßen leiden. Bei der schwülheißen Luft müssen diese acht bis zehn Semesterwochenstunden zu zwanzigst oder dreißigst in den stickigen Räumen verbringen. Als äußeres Zeichen des Protests gegen die Nichtverlegung der Semesterzeiten trage ich nun bis zum Ende des Semesters täglich ein Hawaiihemd.

"Einzelne Studierende und Dozenten sind mir schon gefolgt und selbst im Hawaiihemd erschienen."

Wie sollten die Semesterzeiten Ihrer Meinung nach geändert werden?

Das Problem ließe sich beheben, indem die Semesterzeiten in Deutschland an die internationalen Semesterzeiten angepasst würden, die zum Beispiel auch in der Schweiz oder in Frankreich gelten. Das Sommersemester würde dann Ende Mai oder Anfang Juni enden. Beim Wintersemester würde es sich eher um ein Herbstsemester handeln, das von September bis Weihnachten dauern würde. Besonders für internationale Studierende wäre diese Anpassung von Vorteil. Im Rahmen des Bologna-Prozesses stand dieser Vorschlag 2008 schon einmal auf der Tagesordnung der Hochschulrektorenkonferenz, wurde aber abgelehnt.

Konnten Sie mit Ihrer Aktion bisher eine Wirkung erzielen?

Bisher fielen die Reaktionen von den Besuchern des Seminars durchweg positiv aus. Einzelne Studierende und Dozenten sind mir schon gefolgt und selbst im Hawaiihemd erschienen. Zustimmung wurde auch dadurch ausgedrückt, dass mir ein paar Mitarbeiter und Studierende versprochen haben, Zuhause in ihre Schränken nach Hawaiihemden zu suchen – bisher besitze ich immerhin vier. Für eine größere Wirksamkeit sollte ich vielleicht noch eine Basthütte aufbauen und die Pforte ein wenig verzieren.

"Wenn abends fast niemand mehr in der Bibliothek ist, lasse ich manchmal leise klassische Musik an der Pforte laufen"

Haben Sie ein Geheimrezept, wie Sie sich während der langen Stunden an der Pforte Ihre gute Laune bewahren?

Vor kurzem habe ich meine Begeisterung für klassische Musik, Oper und Theater entdeckt. Wenn abends fast niemand mehr in der Bibliothek ist, lasse ich manchmal leise klassische Musik an der Pforte laufen, die eine sehr entspannte und beruhigende Atmosphäre verbreitet.

Wo sehen Sie die Vorteile einer Arbeit, bei der Sie täglich mit jungen Menschen zu tun haben?

Der Umgang mit den Studierenden ist definitiv das Besondere an meiner Tätigkeit. Als ich mit der Arbeit an der Pforte begann, sagte mir ein emeritierter Professor: "Sie haben Glück, sie arbeiten immer mit jungen Menschen." Und das stimmt: Man merkt, wie einen das belebt. Im Grunde bleibt man dadurch immer spontan. Der Umgang untereinander ist sehr freundlich und sympathisch. Gerade eben wurde ich Zeuge davon, wie ein früheres Seminarende ein paar Studierenden ein Lächeln aufs Gesicht gezeichnet hat. Am Freitag möchte mir sogar eine Studentin zum Abschied ein Ständchen auf ihrem Cello bringen.

"Ich sehe mich sozusagen als der einfache Arbeiter im Weinberg des Wissens."

Sie arbeiten an einem Ort des Wissens und pflegen ständig den Kontakt zu Professoren und Studierenden – haben Sie das Gefühl, durch Ihre Arbeit klüger zu werden?

Es reizt mich besonders, mich im Gespräch ein bisschen gefordert zu fühlen, denn im akademischen Bereich wird bekanntlich gerne das gepflegte Wort geführt. Während der Arbeit verbringe ich häufig Zeit im Internet, woraus ich manchmal einen Spaß mache und sage, dass ich aus beruflichen Gründen auf das "weltweite Wissen" angewiesen sei. Eine Latein-Studentin hat mir einmal den Spruch "Dimidum quidem exuratum sapientae, tamen semper sententia certa" übersetzt, der zu meinem Motto geworden ist: Ein gepflegtes Halbwissen, aber immer eine dezidierte Meinung. Ich sehe mich sozusagen als der einfache Arbeiter im Weinberg des Wissens.

An der Pforte wirken Sie immer wie die Ruhe selbst. Gibt es auch etwas, das Sie aus der Fassung bringt?

Ungemütlich werde ich nur, wenn die Bibliothekszeit sich abends dem Ende zuneigt und manche noch völlig zeitvergessen über ihren Büchern sitzen. Alles in allem lassen sich Probleme mit Menschen hier aber meistens lösen. Wenn gegen die Bibliotheksregeln verstoßen wird, muss ich auch mal jemanden rausschmeißen, aber das ist in all den Jahren nur einmal vorgekommen.