Pudel, Panzer, Psychopathen: Poetry-Slammerin Sophie Passmann hat ein Buch geschrieben

Daniel Laufer

Sophie Passmann organisiert die Poetry-Slam-Abende im Café Atlantik. Jetzt hat sie ihr erstes Buch geschrieben: "Monologe angehender Psychopathen oder: Von Pudeln und Panzern". fudder-Redakteur Daniel Laufer hat sie getroffen - und zum Slam mitten auf der KaJo geladen:



Beim Shoppen vor sechs Jahren fiel Sophie Passmann im Bermuda-Dreieck das Veranstaltungsplakat auf: "Poetry-Slam". Daheim gab sie den Begriff in die Google-Suchleiste ein, Google spuckte einige Videos aus: Junge Männer und Frauen standen darin auf Bühnen vor Mikrofonen und trugen selbst geschriebene Texte vor, oft behandelten sie alltägliche Themen. "Ein paar Monate lang habe ich mir das angeschaut", sagt Passmann. "Irgendwann dachte ich: Das kann ich auch. Also bin ich mal hingegangen."


Heute steht die mittlerweile 20-Jährige in einem Café gegenüber dieser Plakatwand. Sie trägt eine weiße Bluse zu gelben Nikes und bestellt einen Grüntee. Es ist Mittagszeit, meistens kommt sie jetzt von der Arbeit. Passmann macht ein Volontariat bei dem Offenburger Privatsender Hitradio Ohr, sie moderiert dort die Morgenshow, außerdem die Late-Night-Show des Theater Freiburg. Einmal im Monat veranstaltet sie den Slam-Abend im Freiburger Café Atlantik. Der Name Passmann war im Fernsehen zu sehen, auf zdf.kultur, bei arte oder dem SWR, längst steht er über nationalen Bühnen und jetzt auch auf einem kleinen gelben Büchlein, mit dem Titel: "Monologe angehender Psychopathen oder: Von Pudeln und Panzern".

Meilenstein für Meilenstein

"Es hat immer diese Meilensteine gegeben, bei denen ich gedacht habe: Wenn du das erreicht hast, dann hast du's geschafft", sagt Passmann. Mal außerhalb von Baden-Württemberg aufzutreten, nahm sie sich anfangs vor, oder ihren Namen mal auf einem Plakat zu lesen. "Irgendwann sagt jemand: Wir machen eine Anthologie, druck' mal einen Text. Da denkst du wieder - krass, was soll jetzt noch kommen?"

Mitte 2013 trat Passmann dann bei einer Konferenz in Frankfurt auf. Sie trug einen Text vor, anschließend sprach ein Mann sie an. Er hat beim Berliner "Archiv der Jugendkulturen Verlag" gearbeitet - noch am Abend schickte sie ihm aus ihrem Hotelzimmer Texte. Einige Wochen vergingen, dann meldete sich der Mann zurück. "Wir machen ein Buch", habe er gesagt. "Schick' noch zwölf Texte."

Also setzte sich Passmann hin und schrieb, etwa die Hälfte der "Monologe" hat sie auf Slams noch gar nicht gelesen. Außerdem hielt sie die Entstehungsgeschichten fest - das sei die eigentliche Arbeit gewesen. "Manchmal kommen Leute auf die Idee, Slammer dafür zu bezahlen, Texte zu bestimmten Themen zu schreiben - eine super Idee", steht zum Beispiel in der Einleitung zu "Mama sagt". Ob das ernst gemeint ist, kann der Leser für sich selbst entscheiden.



Im September dieses Jahres erschien auf 104 Seiten schließlich Passmanns Erstling. Auflage und Verkaufszahlen kennt die Autorin nicht. "Aber ein Bekannter hat mir ein Foto aus einem Geschäft in Berlin geschickt: Mein Buch liegt neben Martin Walser, Herta Müller, Nelson Mandela und Julia Engelmann." Passmann hat das Bild auf ihre Webseite hochgeladen. Der Durchbruch? "Ich glaube, der Buchhändler, der diese Aufteilung gemacht hat, hatte einfach wenig Ahnung", sagt sie.

Passmann hat das Buch für diejenigen geschrieben, die ihre Auftritte gesehen haben und die Texte danach noch einmal nachlesen wollen. "Mein Verleger und ich hatten auch diskutiert, ob wir eine CD aufnehmen müssen", sagt Passmann. Sie wollte das nicht. "Es gibt aber einige Slammer, die das machen - Julia Engelmann zum Beispiel."

Julia Engelmann hat der Szene geholfen

Engelmann ist ein Phänomen, das die Slam-Szene Anfang des Jahres durchgerüttelt hat. Das Video, in dem sie in einem Bielefelder Hörsaal ihren Text "Eines Tages, Baby" vorträgt, avancierte zum Youtube-Hit. Millionen Menschen lauschten, wie Engelmann übers Erwachsenwerden sinnierte. Die 22-Jährige trat in Fernsehtalkshows auf und rührte Moderator Jörg Pilawa zu Tränen.

Doch nach einigen Wochen kippte die Stimmung - wer das Video anfangs selbst noch verbreitet hatte, fand es jetzt uncool. "Die Menschen im Internet sind grausam - auch völlig albern grausam", sagt Passmann. Engelmann habe ihr leidgetan. "Das ist eine sehr nette Frau, die sehr vernünftig und erwachsen mit dem Hype umgegangen ist." Sie kenne Engelmann schon lange, so, wie man sich innerhalb der Szene eben kennt.

Rund 300 aktive Slammer gibt es in Deutschland, schätzt Passmann - etwa fünf davon kommen aus dem Freiburger Raum. Profitieren konnten sie von Engelmann alle: "Der Hype hat der Szene viel gebracht", sagt Passmann. "Man muss jetzt nicht mehr erklären, was Slam ist."

Jutebeutel mit Kafka-Zitaten

Die Veranstaltungen sind seit Engelmanns Erfolg besser besucht, viele Jugendliche haben seither angefangen zu slammen. "Die Leute, die nie zu Slams gegangen sind, denken vielleicht, dass da vor dem Engelmann-Hype noch bärtige Hipster standen, mit ihren Jutebeuteln, auf die ironische Franz Kafka-Zitate gedruckt waren. Aber das waren ganz normale Lehramtsstudenten, die teilweise auch über die miesesten Mario Barth-Witze gelacht haben." Poetry-Slam sei jetzt einfach etwas populärer geworden, so Passmann. "Er war aber nie elitär, nie exklusiv und auch nie besonders cool."

"Mein Buch heißt 'Monologe angehender Psychopathen', weil ich mich in gewisser Weise über ein bestimmtes Gefühl in vielen Texten lustig mache - auch in meinen eigenen", sagt Passmann. "Ich bin ein Fan von Pathos und dem Schreiben über das Erwachsenwerden. Dennoch kotzt es mich an, wenn ich zehn Texte an einem Abend höre und mir bei acht davon anhören muss, wie schwierig es ist, wenn man im dritten Semester noch nicht weiß, was man mit seinem Leben machen will."

Ob Sophie Passmann selbst so ein angehender Psychopath ist? Sie lächelt, überlegt. "Es gibt viele Banalitäten, die sehr schön und sehr pathetisch sind und viel Spaß machen. Aber im Sinne meines Buches bin ich kein angehender Psychopath", sagt sie, zögert dann aber. "Oder vielleicht doch? Ich weiß nicht. Schwierige Frage."

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[Foto und Video: Daniel Laufer]