Prüfungsstress statt Partyspaß? Wie Erasmusstudenten in Freiburg leben

Roland Greifeld, Christoph Herzog & Fabian Liebisch

Rundreisen durch Europa, nichts in der Uni zu tun und jeden Tag Partys. Als besonders anstrengend gilt das Leben als Erasmusstudent nicht. Doch viele der Internationalen Studierenden in Freiburg kämpfen mit der neuen Umgebung und den neuen Studienanforderungen.



Angekommen in einem fremden Land. Meistens nicht viel mehr Informationen als die Adresse, unter der man wohnen wird. Im Wohnheimzimmer ist die Enttäuschung oft groß. „Ich hatte mehr erwartet“, sagt Ilie, 21 (Bild unten)

, Erasmusstudent aus Rumänien. „Zuhause zahlte ich 40 Euro pro Monat für ein tolles Zimmer in einem schönen Haus. Hier wohne ich auf 12m² in einem Hochhaus und zahle dafür fünf mal so viel.“



Noch schlimmer war der erste Tag von Salva aus Valencia: „Als ich in meinem Wohnheim im Vauban ankam, war der Hausmeister nicht da und ich wusste nicht, wo ich schlafen sollte. Zum Glück habe ich einen deutschen Studenten kennengelernt, der mich für die erste Nacht in seiner WG aufnahm.“

Das Problem: die Studierenden werden von ihren Heimatuniversitäten nicht ausreichend auf den Aufenthalt in Freiburg vorbereitet.

Hilfe können die ausländischen Studierenden beim International Club des Studentenwerks bekommen. Der Club bietet neben Länderabende und Ausflüge vor allem das sogenannte Buddy-Programm an, das Pannen, wie die von Salva verhindern kann. Dabei wird schon vor Ankunft Kontakt zwischen dem ausländischen und einem deutschen Studierenden hergestellt. So können bereits vorab wichtige Fragen beantwortet werden; in Freiburg kann der Buddy bei der Eingewöhnung helfen.

Rund 160 Studierende nehmen pro Semester am Buddy-Programm teil; bei insgesamt 4500 Internationalen Studierenden an den Freiburger Hochschulen weniger als 3 Prozent. Ilie und Salva haben beide keinen Buddy, und können sich nicht mehr daran erinnern, das Angebot überhaupt bekommen zu haben. Andreas Vögele, Leiter des International Clubs, sieht Verbesserungsbedarf: “Am Wichtigsten wäre eine bessere Zusammenarbeit der Hochschulen in Freiburg untereinander. So könnten wir mehr internationale Studierenden erreichen.“



Was die Studierenden hingegen meist schon an der Heimatuni bekommen, ist der Studienplan. Und der trifft sie oft härter als angenommen. „In Spanien ist Jura einer der leichtesten Studiengänge“, sagt Salva. „Hier ist es einer der härtesten. Darauf war ich nicht vorbereitet. Dabei ist die Sprache nicht das Problem. Ich habe zwölf Jahre Deutsch auf einer deutschen Schule gelernt. Ich habe gedacht, dass ich jeden Tag Partys feiere, aber das kann ich vergessen.“ Vorzugsbehandlung für Erasmusstudenten? Fehlanzeige. Salva ist schon durch einige Prüfungen gefallen.

Auch Ilie geht es ähnlich. “Für mein Studium der Molekularbiologie bin ich jeden Tag acht Stunden in Uni und Labor. Das ist viel mehr als ich in Rumänien arbeiten musste.“

Einige Klischees stimmen aber doch. „Das Beste am Erasmusjahr ist das Reisen“, sagt Salva begeistert. „Ich war schon in Berlin, Frankreich, Italien und der Schweiz. Im Frühling will ich noch nach Stockholm und nach Belgien. Es ist toll in der Mitte Europas zu leben.“

Und mittendrin schaffen sich die Erasmusstudenten in Freiburg ein Stück Heimat. Das fällt leichter als gedacht. Kulturschocks sind nicht die Regel. Die zukünftigen Freiburger haben sich oft durch Erfahrungsberichte von Kommilitonen, YouTube-Videos und Wikipedia oder sogar Vorab-Besuche über ihre neue Heimat informiert. Außerdem bieten alle Freiburger Hochschulen Einführungswochen an, bei denen sich die Internationalen Studierenden kennenlernen können.



Ilie vermisst zwar seine Familie ab und zu, aber er hat viele neue Freunde gefunden, die ihm die Zeit in Freiburg versüßen. „Außerdem ist es ja nur für ein Jahr. Da nimmt man einiges in Kauf.“ Für Salva ist es schon beinahe etwas viel Heimat in der Fremde. „Ich habe erwartet, dass ich viele deutsche Freunde finde und so mein Deutsch verbessern kann. Stattdessen bin ich fast nur mit anderen Spaniern befreundet. Ich habe zwar viele neue tolle Freundschaften, aber ein paar mehr Deutsche wären auch nicht schlecht.“

In seiner WG bekommt er auch noch die negativen Aspekte des Zuhause-Lebens zu spüren. „Als ich am Anfang einmal mein Geschirr in der Küche stehen ließ, hatte ich kurz danach einen Zettel an der Tür kleben auf dem stand, dass ich mein Zeug putzen soll.“



Roland Greifeld (26, Geschichte & Medienwissenschaft), Christoph Herzog (21, Germanistik & Politikwissenschaft) und Fabian Liebisch (21, Embedded Systems Engineering) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen haben sie im Wintersemester an einem Grundlagenkurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Markus Hofmann und Carolin Buchheim angeboten haben. Der Text ist im Rahmen dieses Kurses entstanden.

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