fudder-Interview

Produzentin von "A Plastic Ocean": "Frauen sind die Hüter des Planeten"

Inanna Tribukait

2013 erschien der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm "A Plastic Ocean". Fudder-Autorin Inanna hat sich mit Produzentin Jo Ruxton auf Englisch beim Water Festival über den Film, die Umweltbewegung und das Plastikproblem unterhalten.

Weder Umweltaktivismus noch Journalismus ist immer einfach – auf welche Hindernisse bist du während der Filmproduktion für "A Plastic Ocean" gestoßen?

Die Finanzierung war sicherlich das größte Hindernis und Problem. Als ich bei der BBC gearbeitet habe, habe ich ein Budget bekommen und wusste von Anfang an, wie viel Geld ich für was zur Verfügung hatte, also musste ich eigentlich nur noch meinen Job machen. Aber dieser Film war mein eigenes Projekt und wir mussten nach jedem Shoot Geld für den nächsten auftreiben.
Zur Person

Jo Ruxton wohnt in Cornwall in England und ist CEO der Plastic Oceans Foundation. Bevor sie den Film "A Plastic Ocean" produzierte, arbeitete sie für die BBC und den WWF und arbeitete unter anderem an der BBC Serie "A Blue Planet" mit.

Und dann ist natürlich noch das Wetter ein ganz großes Problem beim Wildtierfilmen. In Frankreich hatten wir einmal eine Crew da, die aus Honkong oder Amerika angereist war, aber das Wetter hat nicht mitgemacht und am Ende hatten wir nur einen statt drei Tage Zeit, um das zu filmen, was wir brauchten.



Und als wir in Sri Lanka gefilmt haben, hatten wir nur Probleme. Die Regierung hat uns zwei Tage vor Filmbeginn die Genehmigung entzogen, Walen Gewebeproben zu entnehmen, die beweisen würden, dass sie Plastik zu sich nehmen. Als wir filmen wollten, waren da lauter unregulierte Whale Watching Boote, die die Wale verschreckt und ihre Plastikflaschen und Süßigkeitenpackungen einfach über Bord geschmissen haben. Erst am letzten halben Tag, als wir schon beinahe am Umdrehen waren, rief unsere Meeresbiologin "Da sind sieben Wale", und wegen eines Sturms war eine riesige Insel an Plastik genau da, wo die Wale sich zum fressen versammelt hatten. Wenn ein Blauwal den Mund aufmacht, dann schluckt er 75.000 Liter Wasser, und wir hatten dann Aufnahmen davon, mit all dem Plastik im Wasser. Das war unsere Story.

Dem Telegraph hast du einmal gesagt, dass dir gesagt wurde, dass er schwer würde, als ältere Frau besonders erfolgreich zu sein. Was ist da dran?

Ja, das ist so passiert. Ich habe zwölf Jahre bei der BBC gearbeitet, und ich hatte überlegt, ein eigenes Projekt zu starten oder da zu bleiben. Mir wurde gesagt, dass es für mich als ältere Frau schwierig werden würde, mein Projekt umzusetzen. Sie sagten, erst bekommt ein junger Mann den Job, dann ein alter, dann eine junge Frau, dann eine alte. Also habe ich gekündigt, weil mir diese Einstellung nicht gefallen hat. Als ich den Film dann geschrieben hatte, zeigte ich ihn bei der BBC. Die meinten dann, dass sich das niemand anschauen wollen würde, weil niemand sich für die Umwelt oder Plastik interessiert.

"Wiederholt wurde mir gesagt, dass fünf Minuten auf Youtube alles sind, was man dafür braucht." Jo Ruxton
Auch während der Produktion, als ich Probleme mit der Finanzierung hatte, dachte ich immer wieder ’Vielleicht sollte ich mir einen echten Job suchen, für den ich bezahlt werde’, aber wenn man so alt ist wie ich, bekommt man nicht mal mehr Bewerbungsgespräche. Also musste ich weitermachen. Ich wurde auch immer wieder gefragt, warum ich das Ganze in Spielfilmlänge drehen wollte. Wiederholt wurde mir gesagt, dass fünf Minuten auf Youtube alles sind, was man dafür braucht.

Heutzutage sind die Anführer von der Umweltbewegung oft Frauen: Greta Thunberg in Schweden, Alexandria Ocasio-Cortez in Amerika, Luisa Neubauer in Deutschland. Glaubst du, dass der Einsatz für den Planeten in gewisser Weise auch was mit dem Geschlecht zu tun hat?

Ich denke definitiv, dass Frauen die Hüter des Planeten sind. Ich habe, bevor ich bei der BBC arbeitete, für den WWF gearbeitet und die meisten Leute in meinem Büro oder bei internationalen Konferenzen waren Frauen. An der Spitze saßen aber meistens Männer. Auch, wenn ich mir NGOs anschaue, dann sind die meisten Mitarbeiter Frauen. Vielleicht liegt das daran, dass Frauen einen weiteren Fokus haben,und Männer andere Ziele und Prioritäten – wobei das natürlich eine absolute Verallgemeinerung ist. Ich habe viele, unglaubliche, aktive Männer getroffen, die in verschiedenster Weise Dinge verändern. Aber ich habe definitiv beobachtet, dass es öfter Frauen sind, die sich um die Umwelt kümmern.

Vorhin habe ich nach den Hindernissen während des Filmprozesses gefragt. Würdest Du sagen, dass diese kleiner geworden sind?

Ich habe nicht gemerkt, dass das Fundraising einfacher geworden wäre, das ist sicherlich noch die größte Herausforderung. Wir haben mit unserer Organisation mehr Aufmerksamkeit bekommen, also vielleicht ein bisschen einfacher, aber das wird sich zeigen, wenn ich an meinem nächsten Film arbeite.

"Keiner kann mehr verleugnen, dass die Situation so wie sie jetzt ist, absurd ist." Jo Ruxton
Auf der anderen Seite sagen alle immer, wie schwierig es ist, den Leuten das Problem klar zu machen, insbesondere Politikern, dabei ist das eigentlich gar nicht so schwer. Wir haben alle zu diesem Problem beigetragen, weil uns vor siebzig Jahren jemand gesagt hat, dass Plastik ein Wegwerfprodukt ist und niemand das hinterfragt hat. Ich bin da genauso schuldig wie jeder andere. Aber wenn man einem Politiker von Mikroplastik in Körperpeelings erzählt, dann sagen sie auch "Was? Da ist Plastik drin? Natürlich müssen wir dagegen Gesetze erlassen". Wir waren alle gemeinsam auf einer verrückten Reise, aber keiner kann mehr verleugnen, dass die Situation wie sie jetzt ist absurd ist. Ich glaube das ist das, was die Dinge verändern wird.

Hier in Deutschland wird auch oft das Argument angebracht, dass, egal wie viel wir hier regulieren, alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, wenn Länder in Asien oder Afrika nicht mitmachen. Wie würdest Du diesen Menschen antworten?

Ich kann dieses Argument verstehen, aber in der westlichen Welt haben wir unseren Plastikmüll an Länder verkauft, von denen wir wissen, dass sie kein System zur Müllentsorgung haben. Wir schicken es ihnen und dann ist es nicht mehr unser Problem. Weil sie keine Infrastruktur haben, werfen sie den Müll in die Flüsse und die Flüsse führen ins Meer und dann sagt jeder, dass es nicht unsere Schuld ist, sondern die von Afrika oder Asien. Aber wir müssen die Verantwortung dafür übernehmen, weil wir ihnen den Müll verkaufen. Ich glaube das ist, was sich verändern muss.

Zwar ist Deutschland ein Vorreiter, was Recycling angeht, aber je länger ich in mich mit diesem Problem beschäftige, desto mehr denke ich, dass Recycling nur die allerletzte Lösung sein kann. Selbst im Idealfall kann Plastik nur vielleicht zehn mal durch einen Recycling-Prozess gehen, dann endet es als unflexibler, harter schwarzer Plastikklotz, aus dem man vielleicht noch Bänke machen kann. Aber wie viele schwarze Plastikbänke wollen wir auf diesem Planeten haben?

Und wir produzieren immer noch mehr Plastik jedes Jahr, oder?

Voraussagen zufolge soll die Plastikproduktion immer noch weiter ansteigen. Recycling stoppt die Plastikproduktion nicht. Man muss zunächst Plastik verweigern, überdenken, neu entwickeln und ersetzen. Plastik zu recyclen ist besser als die Mülldeponie, oder es einfach so wegzuwerfen oder zu verbrennen, aber die Lösung für das Plastikproblem ist es sicher nicht.

Es kann ja fast ein Vollzeitjob sein, sich nachhaltig zu verhalten: Plastikverpackung vermeiden, nachhaltig Essen, Reisen, und so weiter. Wie viel denkst Du, kann man von Normalbürgern erwarten und was sollte von Politikern und Unternehmen getan werden?

Es muss eine Kombination aus beidem sein. In den meisten Fällen können schon einfache Dinge einen großen Unterschied machen, zum Beispiel feste Seife statt flüssige in Plastik zu kaufen. Das sind einfache Schritte, die oftmals auch billiger sind. Ich glaube übrigens auch, dass Plastikwasserflaschen in Ländern, in denen Trinkwasser aus dem Wasserhahn kommt, verboten werden sollten. Warum haben wir sie überhaupt, das ist absolut lächerlich. Als zeitweise Lösung für Länder, in denen es noch kein sauberes Trinkwasser gibt von mir aus, aber bei uns? Wenn man darüber nachdenkt, wie schlecht diese Dinge für den Planeten sind, ist es absolut verrückt, weiterhin Plastikflaschen zu verkaufen, wo es nicht notwendig ist.

"Was ist der Preis dafür, die Ozeane so krank werden zu lassen, dass sie nicht mehr funktionieren?" Jo Ruxton
Wer sich darüber beschwert, dass das unpraktisch ist, der muss sich darüber klar werden, dass der Ozean jeden einzelnen Wassertropfen zur Verfügung stellt, den wir haben, jede Tasse Tee, jeder zweite Atemzug. 50 Prozent unseres Sauerstoffes kommen aus dem Meer, es nimmt den Großteil unseres CO2 auf. Was ist der Preis dafür, die Ozeane so krank werden zu lassen, dass sie nicht mehr funktionieren? Unsere Unbequemlichkeit oder ein paar extra Cents müssen das doch wert sein oder? Für mich gibt es da keine Frage.

Und was für Lösungen gibt es sonst noch?

Wo ich herkomme, in Cornwall, geht alles in die Verbrennungsanlage. Im Moment ist die Luftverschmutzung durch Plastikverbrennung niedrig genug, dass die WHO sich keine Sorgen macht, aber es gibt Pläne, in ganz Großbritannien Verbrennungsanlagen aufzubauen. Ist das genug, um sich Sorgen zu machen? Für mich schon.

Es gibt eine neue Methode, in der ich viel Potential sehe, es heißt ReNew ELP. Da wird Dampf genutzt und im Prinzip verwandelt es Plastik und Autoreifen zurück, sodass man Öl daraus gewinnen kann, was für Benzin oder neues Plastik verwendet werden kann. Das Gute daran ist, dass es kaum schädliche Emissionen in die Atmosphäre hat. Außerdem ist es Upcycling, weil man etwas besseres als Plastik daraus machen kann, nämlich wieder das ursprüngliche Öl, das heißt so wunderschöne Orte wie das Great Barrier Reef oder die Arktis und Antarktis müssen nicht für Fracking genutzt werden. So lange wir noch Öl benutzen, können wir damit Öl aus unserem Müll gewinnen. Eine Anlage kostet außerdem nur 22 Millionen Pfund ein Bruchteil von diesen Verbrennungsanlagen, die kosten 260 Millionen Pfund.

Wir haben ein Projekt auf einer winzigen Indonesischen Insel, Timor-Leste, dass mit dieser Methode das erste plastikneutrale Land der Welt werden will. Ich sehe darin viel Hoffnung.

Mehr zum Thema: