ProDoc: Eine Stimme für die Doktoranden an der Uni Freiburg

Manuel Lorenz

Promovierende können an der Uni Freiburg nicht mitreden. Jedenfalls nicht als Promovierende. Eine Handvoll Freiburger Doktoranden wollen das jetzt ändern. Und haben deshalb die Initiative ProDoc gegründet.



Eigentlich gibt es sie an der Universität Freiburg gar nicht: Promovierende. Es gibt Studierende, es gibt wissenschaftliche Mitarbeiter – aber Promovierende? Haben keinen Status. Und keine Stimme – weder in den Fakultäten, noch im Senat oder in anderen Gremien. Promovierende sind entweder als Studierende eingeschrieben, oder fungieren als wissenschaftliche Mitarbeiter. Oder sie gehören der Universität in gar keiner Weise an, gehen einem regulären Beruf nach und schreiben ihre Dissertation in ihrer freien Zeit.


Wie viele Doktoranden genau an der Universität Freiburg promovieren, weiß man daher nicht. Bis vor kurzem tauchte ein Promovierender erst dann in einer Statistik auf, wenn er seine Promotion angemeldet hatte. Verzeichnet wurden nur die Abschlüsse, nicht aber die Abbrüche. Und die liegen laut Schätzungen des Instituts für Hochschulforschung bei über 50 Prozent.

All das stört Andreas Hartmann. Der 32-Jährige schreibt seit knapp drei Jahren an seiner Dissertation über die Modellierung von Wasserressourcen in Gegenwart und Zukunft. Er ist Mitglied der Graduiertenschule „Environment, Society and Global Change“ an der Fakultät für Forst- und Umweltwissenschaften der Universität Freiburg. Und er bekommt ein Stipendium vom Evangelischen Studienwerk Villigst – einem der großen bundesweiten Begabtenförderwerke. Als Studierender war er in der Fachschaft Geographie/Hydrologie aktiv, saß im Fakultätsrat, in der Studienkommission und in einer Berufungskommission für eine neue Professur. „Ich hab schon ein bisschen mitbekommen, was läuft“, sagt er. „Promovierende haben aber ganz andere Probleme als Studierende.“ Zum Beispiel ihren Status, ihre Krankenversicherung, ihre Finanzierung.


[Andreas Hartmann, einer der Initiatoren von ProDoc]

Probleme, auf die durch den Fall Guttenberg im Frühjahr 2011 endlich auch die Öffentlichkeit aufmerksam wurde. Und die Universität Freiburg, die sich daraufhin ganz besonders damit beeilte, eine Rahmenpromotionsordnung zu verfassen. Diese soll vor allem Standards festlegen und ein Qualitätsmanagement einführen. Im Februar 2012 soll sie in den Senat kommen und dann für alle beteiligten Fakultäten verbindlich sein; ein Promovierendenvertreter hat an ihr nicht mitgewirkt.

Auch auf Landesebene tat sich im vergangenen Jahr etwas. Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Die Grünen) traf sich im November in Stuttgart mit Vertretern der großen bundesweiten Promovierenden-Netzwerke. Sie diskutierte mit ihnen darüber, wie die Qualität von Promotionen an den Hochschulen des Landes verbessert werden kann. Allein, auch hier fehlten sie: Promovierendenvertreter der baden-württembergischen Universitäten oder gar des Landes. Warum? Ganz einfach: Weil es sie gar nicht gibt.

Andreas Hartmann war im November auch in Stuttgart dabei – als einer von drei Vertretern der Promovierenden-Initiative. In dieser Funktion nimmt er auch alle vier Monate an Treffen teil, wo Promovierende sich schon seit langem über ihre Probleme austauschen. „Dadurch machte ich mir Gedanken darüber, wie man so etwas auch in in Freiburg umsetzen könnte.“ Bereits Ende 2010 hatte er gemeinsam mit einer Handvoll Mitpromovierender angefangen, solche Strukturen auch in Freiburg aufzubauen. Zuerst an seiner Graduiertenschule, dann eine Stufe höher, an seiner Fakultät.

Das funktionierte – jedenfalls inoffiziell. Die Studierenden überließen den Promovierenden einen Kandidaturplatz für den Fakultätsrat, wo mittlerweile ein gewählter Promovierendenvertreter sitzt – „aber halt als Studierender“, wie Hartmann anmerkt. Und die Fakultät unterstützte die Promovierenden bei ihrer Vernetzung, sodass heute ein fakultätsübergreifender E-Mailverteiler existiert und regelmäßig Treffen stattfinden, auf denen die Promovierenden der Fakultät sich austauschen können.

Als die Auswahlkommission der Landesgraduiertenförderung in Freiburg dann im Sommer 2011 einen Promovierendensprecher suchte, wandte sie sich an die Doktoranden der Fakultät für Forst- und Umweltwissenschaften. Denn: „Es hatte sich herumgesprochen, dass wir Vertreterstrukturen haben“, so Hartmann. „Aber als Promovierende einer einzelnen Fakultät konnten wir ja unmöglich den Sprecher für die gesamte Uni stellen.“ Und so gründete er ProDoc – gemeinsam mit seinen Fakultätskolleginnen und -kollegen Julia Sohn, Hooman Latifi, Julian Haas und Ghazi Al Dyab. Später kam noch der Politikwissenschaftler Marcel von der Maßen dazu.


[Von link nach rechts: Julian Haas, Julia Sohn und Andreas Hartmann]

Seitdem hat ProDoc eine Facebook-Gruppe und ein Blog eingerichtet, viele E-Mails geschrieben und zwei Treffen abgehalten. Das Ergebnis: In fast allen Fakultäten sitzen jetzt Doktoranden, welche die Anliegen von ProDoc aktiv teilen. Außerdem konnte die Initiative die Unterstützung der Internationalen Graduiertenakademie (IGA) gewinnen. Die IGA berät Doktoranden rund um die Promotion und bietet ihnen unter anderem ein umfangreiches überfachliches Qualifizierungsprogramm an. ProDoc unterstützte sie, indem sie der Initiative ihren E-Mailverteiler zur Verfügung stellte und ihnen in Sachen Universitätskommunikation beratend zur Seite stand. „Wir finden es gut, dass die Promovierenden sich vernetzen wollen“, sagt Silke Knaut, Geschäftsführerin der IGA. „Sie wissen selbst am besten, was sie brauchen. Und dementsprechend gestalten wir unser Angebot.“

„Natürlich würden wir uns wünschen, bei promotionsrelevanten Themen mitzubestimmen“, sagt Hartmann. Um aber Stimmrecht in den Universitätsgremien zu bekommen, müssten die Promovierenden als eigene Statusgruppe anerkannt werden, was eine Änderung des Landeshochschulgesetzes notwendig macht. Und Hartmann glaubt nicht, dass das in naher Zukunft passiert. „Daher wünschen wir uns vorerst, dass wir an der Diskussion beteiligt werden, um zuzuhören und zu beraten.“ Eine Mitsprache ohne Stimmrecht also.

Silke Knaut ist da optimistischer. „Der Wissenschaftsrat hat solch eine Statusgruppe schon 2002 empfohlen.“ Und der Universitätsverband zur Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland (UniWiND), dem außer der Universität Freiburg noch 26 weitere deutsche Universitäten angehören, hat eine eigene Arbeitsgruppe zu diesem Thema gegründet, die im Oktober 2012 ihre Ergebnisse präsentieren wird. Außerdem begrüßt auch die Universitätsleitung die Initiative grundsätzlich. „Die Bildung einer Promovierendenvertretung ist ein logischer Schritt“, sagt Heiner Schanz, Vizerektor der Universität Freiburg.

Immerhin weiß die Universität mittlerweile mehr über ihre Doktoranden. Um ihre Klientel besser kennenzulernen und zu erreichen, regte die IGA bereits Anfang 2009 die Erfassung und Registrierung aller Freiburger Promovierenden an, die dann 2010 vom Rektorat beschlossen wurde. Dies ermöglicht ein umfassendes Qualitätsmanagement in der Doktorandenausbildung. Wie viele von ihnen sind weiblich, wie viele international? Wie finanzieren sie sich? Wie lange brauchen sie für ihre Dissertation? Und wie viele von ihnen brechen ab? „Je mehr wir über unsere Promovierenden wissen, desto besser können wir sie unterstützen“, so Knaut.

Heute geht die IGA davon aus, den Großteil der Freiburger Doktoranden erfasst zu haben. Mit den rund 330 (Zahn-)Medizinern, die jährlich promovieren, sind es über 2800. Damit wären sie an der Universität Freiburg die größte Fakultät. Und das ohne Stimme.

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[Bild 1: Robert Kneschke / Fotolia.com; Bild 2 und 3: David Cibis]