Praktikum in Brasilien: Hendrik Reinhardt verbessert in Fortaleza das Trinkwasser

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Fortaleza - der Ort, an dem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Brasilien gegen Ghana spielen wird. Und eine Stadt mit Dritte-Welt-Charakter. Der Freiburger Hendrik Reinhardt macht dort gerade ein Auslandspraktikum. Wie er zusammen mit einer Doktorandin versucht, die Trinkwasserversorgung vor Ort zu verbessern:



Es ist heiß, verdammt heiß. Mir fällt mein Schatten auf, der genau unter mir ist. Ungewöhnlich, seinen Schatten direkt unter sich zu sehen. Ich schaue auf und sehe die Sonne senkrecht über mir stehen. Rechts von mir kauern sich ein paar Ziegen in dem Schatten eines kümmerlichen Baumes zusammen, während vor mir das alte Mütterchen, bei dem wir gleich zu Mittag essen werden, genüsslich in ihrer Hängematte hin und her schwingt und mich angrinst.


Wir, das sind die Doktorandin, bei der ich mein Praktikum mache, zwei Masterstudenten aus Fortaleza und ich, das noch weiße, nach dem Wochenende rotbraune Würstchen aus Deutschland. Immer mal wieder fahren wir für mehrere Tage ins Landesinnere von Ceará, eine semiaride Region, die dieses Jahr zum dritten Mal in Folge unter einer Trockenheit leidet. Wir messen Pegelstände verschiedener Wasserreservoirs (wobei es da zum Teil nichts mehr zu messen gibt), untersuchen die Wasserqualität und inspizieren sogenannten Green System Modules.

Dass das Trinkwasser vor allem auf dem Land sehr knapp sein muss, merke ich zum ersten Mal daran, dass wir erst noch unser eigenes Trinkwasser in 5 bis 20 Liter Kanistern im Supermarkt kaufen müssen, bevor wir überhaupt aufbrechen. Die meisten Hütten dort haben eigene Zisternen in denen sie das Regenwasser sammeln, bleibt der Regen aus gibt es noch ein paar kleine Stauseen, wobei hier die mangelnde Wasserqualität ein sehr großes Problem ist.

Ein Dorf ohne Frischwasseranschluss hat logischerweise auch kein Abwasseranschluss, und so landen neben den Fäkalien der unmittelbar angrenzenden Viehwirtschaft auch häufig die Abwässer aus den Hütten über kleinere Umwege in diesen Stauseen. Hier setzen diese Green System Modules an, die häusliche Abwässer sammeln und verwerten sollen. Allerdings müssten diese regelmäßig gewartet werden, doch dazu fehlt das Geld.

Da dies auf Dauer keine Lebensbedingungen sind, wandert schon seit Jahren ein Teil der Bevölkerung in die großen Städte ab. Städte wie Fortaleza, eine Stadt mit Dritte-Welt-Charakter in einem Schwellenland. Noch vor 25 Jahren hatte die Stadt knapp 1,7 Millionen Einwohner, heute sind es bereits mehr als 2,5 Millionen Einwohner - ein Zuwachs von über 47 Prozent. Zum Vergleich: Freiburg ist in dem Zeitraum von 1987 bis 2013 von circa 179.000 auf 218.000 Einwohner angestiegen, also nur um circa 22 Prozent. Und wir alle kennen die Wohnungslage in unserer Stadt.



Unnötig zu erwähnen, dass die hiesige Infrastruktur nun an vielen Ecken und Kanten hinterherhinkt. Bietet da nicht so ein Mega-Event wie die Fußball-WM die Möglichkeit, die Situation für die Bevölkerung zu verbessern, ihr Leben angenehmer zu machen? Sind die Proteste gegen die WM in Rio de Janeiro und São Paulo etwa ungerechtfertigt?

Ich hoffe, ich erzähle den meisten hier nichts Neues, wenn ich sage „Nein“. Natürlich wird hier in den öffentlichen Personennahverkehr investiert. Ich sehe, wie eine neue Straßenbahn gebaut wird, die Flughafen, Stadion und Hotels verbindet. Für die Spiele sollen sogar extra Buslinien eingerichtet werden, doch Korruption und Erpressung lähmen, verlangsamen und verteuern diese Projekte, erzählt mir ein Professor an der Uni. Auch frage ich mich nach dem Nutzen für die breite Bevölkerung einer Bahnlinie zwischen den genannten Hot Spots, genauso wie ob die neuen Buslinien nach der WM aufrechterhalten werden (können).

Auf meinem Weg zur Uni laufe ich an Baustellen vorbei, laut Bauplan sollen hier Wohnhäuser entstehen, die Grundmauern sind fertig, doch Arbeiter sehe ich keine. Auf dem Weg zum Strand laufe ich an weiteren Baustellen vorbei. Hier wird fleißig gearbeitet. Ich schaue auf den Bauplan und sehe die neuen, schönen Hotels die hier fertiggestellt werden sollen. Mir wird deutlich vor Augen geführt, dass der kurzlebige internationale Tourismus während der WM leider Vorrang hat, die Bevölkerung darf weiter in ihren Favelas leben. Ach, und dann wären da noch die steigenden Lebenshaltungskosten (die, ich gebe zu nicht zwangsweise mit der WM zusammenhängen). Wenn mein Einkaufswagen nicht nur mit Reis und Bohnen gefüllt ist, zahle ich hier gerne mal deutsche Preise dafür. Das wiederum erinnert mich dann wieder daran wie günstig wir in Deutschland unser tägliches Brot kaufen können.

Und trotz aller Umstände, oder gerade deswegen, werde ich hier überall herzlich aufgenommen: Sei es bei meinem Kommilitonen, bei dem ich die zwei Monate wohnen darf, oder bei den Leuten im Dorf ohne Wasseranschluss, in dem die Uni tätig ist. Ich bin mir sicher, auch während der WM werden die meisten Brasilianer die Touristen mit einem Lächeln begrüßen - sei es, weil diese wenigstens ein bisschen Geld wieder einbringen, oder weil es einfach ihre Mentalität ist.



Zur Person

Hendrik Reinhardt wurde vor 25 Jahren in Freiburg geboren. Er studiert in Frankfurt Physische Geographie im 6. Semester, verbringt den Sommer aber so oft wie möglich in Freiburg. In seiner Freizeit geht er gerne raus in die Natur zum Wandern und Sport machen. Zur Zeit macht er ein Auslandspraktikum an der Universidade Federal do Ceará (UFC) in Fortaleza.



 

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