Pommes, Papa, Euro-Krise: Stromae in der Rothaus-Arena

Marius Buhl

Formidable: Am Donnerstagabend war der belgische Superstar Stromae in der Rothaus-Arena zu Gast. Mit dabei: Riesenhits wie "Alors on danse", schrägste Outfits und jede Menge versteckter Botschaften. Einziges Manko: Die Fans wollten nicht tanzen.



Am Ende erlaubt sich Stromae dann noch eine kleine Gemeinheit: Auf die Melodie seines Chartstürmer-Songs „Papaoutai“ dichtet der Belgier: „Ou t’es, Freiburg, ou t’es?“ – also: „Wo bist du, Freiburg, wo bist du?“


So ganz hat Stromae Freiburg nämlich nicht gefunden an diesem Abend, obwohl er alles gegeben hat: Bei „Te Quiero“ hat er fast geweint, bei „Formidable“ hat er einen betrunkenen Verlassenen gespielt, bei „Tous les mêmes“ hat er roten Lippenstift aufgetragen und eine Frau gemimt, dazwischen hat er Witze erzählt und bei ausnahmslos jedem Song, hat er seine Storchen-Beine verdreht, bewegt und geschwungen, dass Michael Jackson begeistert gewesen wäre. Fünf verschiedene Outfits hat er getragen, Witze erzählt, vor den Fans seine Socken gewechselt, grandiose Videosequenzen an die Wand geworfen, die Beats knallen lassen.



Und trotzdem: Die Halle hat ihn angeschaut, klatschend, singend, staunend, filmend, nur getanzt haben sie nicht so richtig, nur ein wenig gewackelt. Was ziemlich verwundert, wenn man bedenkt, dass Hits wie „Papaoutai“ und „Alors on danse“ zu Europas Großraumdiskotheken gehören wie das Koks auf dem Männerklo.

Überhaupt Europa: Am Donnerstagabend war Stromae das, was Politiker etwas verschwurbelt europäische Integration nennen. Paul van Haver, wie Stromae richtig heißt, ist Belgier, sein Name Stromae ist ein französisches Verlan für Maestro (Verlan: Jugendsprache, bei der Silben verdreht werden).

Stromaes Songs heißen „Humain à l’eau“ oder „Moules et frites“, französisch also, zwischendrin spricht er aber auch mal spanisch. Die Zuschauer in der Rothaus-Arena: Ein paar Schweizer, frankophone Freiburger, wenige Belgier und Italiener, und, natürlich, jede Menge Franzosen. Als Stromae die Fans zu Beginn fragt, ob er mit Ihnen auf Deutsch, Englisch oder Französisch sprechen soll, schreien alle bei Französisch.  



Das zieht Stromae dann durch, spricht nur noch Französisch und das ziemlich schnell - im Publikum gruppieren sich daher immer wieder nicht ganz so sprachsichere Freiburger um ihre französischen Nebensteher und fragen nach der Übersetzung. Alles kommt so nicht an, das ist manchmal schade. Andererseits aber auch ziemlich lustig: Denn nicht alle verstehen, von was Stromae da eigentlich singt.

„Alors on danse“ ist zum Beispiel eine ziemlich düstere Sicht auf die Euro-Krise, in „Papaoutai“ wird der Vater, der nie da war, angefleht, und „Moules et frites“ handelt nur vordergründig von Muscheln und Pommes, eigentlich geht’s um Safer Sex. Wie Kuckuckseier legt Stromae so dem Freiburger Publikum seine traurigen Lieder ins Nest und lässt sie dazu strahlen, klatschen und johlen.

Doch nicht nur diese Ambivalenz seines Musikstils, die er selbst mal „Suicide Dance“ genannt hat, fasziniert. Es ist seine Person, sein Habitus, sein Auftreten. Stromae wirkt wie eine Kunstfigur, ausgedacht. Er sieht unglaublich gut aus, aber auf eine kindliche Art und Weise, er könnte mit langen Haaren als Frau durchgehen, androgyn.

Seine Bewegungen sind abgehackt, mechanisch und trotzdem von unglaublicher Eleganz. Sein Kleidungsstil: Völlig überdrehte, körperbetonte Vintage-Polos, immer wieder auch Hemd und Schlips, einmal trägt er einen schwarzen Hut und nimmt das Mikrofon als Gehstock. Zusammen mit den Video-Installationen kommt man sich in einem Stromae-Konzert daher vor, wie in Wes Andersons Kino-Hit „The Grand Budapest Hotel“. Surreal.



Warum Freiburg dennoch nicht tanzen wollte, ist vielleicht so zu erklären: Die visuellen Reize, Stromaes Witze zwischen den Stücken, die Texte, seine Person an sich, brauchen so viel Aufmerksamkeit, dass für Tanzen keine Zeit bleibt. Wobei das ziemlich nach Ausrede klingt.

Vielleicht lag es auch einfach an den verschiedenen Stileelementen seiner Musik: Auf die balladenaertigen Chansons tanzt man eben anders als auf die knallenden Refrains, bei den Hiphop-Elementen aber wiederum anders als bei den Rumba-Parts.

Vielleicht beschreibt es aber auch eine Zeile aus dem Lied „Formidable“ am Besten: „Stromae, t'étais formidable, Freiburg, t’étais fort minable.“ [Stromae, du warst vorzüglich, Freiburg, du warst sehr schwach.]





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