Plätzchenbacken in der Neuner-WG

Julia Sommer

Mehl und Puderzucker an der Backe, Teig aus der Schüssel schlecken, da kommen Kindheitserinnerungen hoch. Sechs Freiburger Studentinnen haben in der WG-Küche des Händelwohnheims Vanillekipferl, Schoko-Ausstecherle und Co gebacken, unter den skeptischen Blicken ihrer männlichen Mitbewohner. Was dabei rausgekommen ist, hat Julia dokumentiert.



Eine Neuner-WG im Händelwohnheim, fünf Jungs und vier Mädels; ein langer Flur, von dem die einzelnen Zimmer abgehen und eine große Küche. Typisch Wohnheim, aber doch auch gemütlich, vor allem in der großen Küche. Dort haben sich Simone, Desi, Yvi und Hannah aus der Wohngemeinschaft versammelt, um gemeinsam zu backen. Weihnachtsstimmung? Fehlanzeige. Auf dem Küchentisch steht kein Adventskranz, es gibt keinen Adventskalender und anstatt Weihnachtsmusik läuft eine alte Ace-of-Base-CD.


Die einzigen Hinweise darauf, dass Vorweihnachtszeit herrscht, sind der Geruch von Glühwein, der durch die Küche zieht und ein Berg an Backutensilien.



Den vier Mädels aus der WG haben sich Nachbarin Sina und Freundin Christina angeschlossen. Sie wollen mitmachen beim Plätzchenbacken. „Wir wollen Vanillekipferl, Zigarrenrollen und Schoko- Ausstecherle machen. Keine Rezepte von der Oma oder der Mama, da ist der Erwartungsdruck viel zu hoch und man ist meist enttäuscht, weil die nicht so gelingen, wie man sie kennt. Die Rezepte haben wir im Internet rausgesucht“, sagt Simone (22) mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Also lieber einfachere Rezepte, bei denen nicht so viel schief gehen kann.



Die Mitbewohner sitzen auf dem Sofa und beäugen skeptisch, ob das mit den Plätzchen was wird. Stellvertretend für den Rest der anwesenden Jungs sagt Matze: „Ich backe nicht, ich hasse Backen.“

Zwar habe jeder aus der WG schon mal Plätzchen gemacht, aber ein erfahrener Profi, der sich durch Fingerfertigkeit auszeichnet, scheint nicht anwesend zu sein. Als Simone und Desi bemerken, dass sie den Traubensaft für den Teig der Zigarrenrollen vergessen haben, nehmen sie stattdessen einfach Apfelsaft.

Sowieso gestaltet sich die Weihnachtsbäckerei eher unkonventionell: In jeder Ecke der Küche befinden sich unterschiedliche Backbaustellen. Mal hantiert eine alleine, mal alle sechs gemeinsam. Auf verschiedenen Zetteln stehen die Rezepte mehr oder weniger ausführlich notiert. Auf Desis Zettel für Vanillekipferl sind nur die Zutaten aufgelistet. „Den Rest hab ich im Kopf, ich hab schon mal Vanillekipferl gemacht und sonst improvisier' ich eben.“



Je nachdem, wie die Brötle werden, wollen sie die Bäckerinnen auch verschenken, alternativ nur selbst verzehren.

Die Mädels mixen, kneten und rollen aus. Nach 18 Minuten sind die drei unterschiedlichen Teige fertig, die erste Ladung landet im Ofen. Die amerikanische WG Mitbewohnerin Hannah (21) möchte unbedingt ein Plätzle-Back-Foto von sich, das sie an ihre Oma nach Wisconsin schicken will: „Zuhause backe ich mit meiner Oma, aber mehr für Thanksgiving. She will be so proud!"



Der Backeifer erhält einen kleinen Dämpfer, als das erste Blech nach kurzer Backzeit aus dem Ofen geholt wird. Die Teigkleckse auf dem Blech sind zu dick geraten, so dass Simone sie nicht  um einen Kochlöffelstiel wickeln kann. „ Dann sind es eben keine Zigarren-Rollen, sondern Zigarettenpapier“, sagt Simone.

Genaue Maß- und Zutatenangaben sind beim Backen eben doch nicht so unwichtig und vermutlich ist der Apfelsaft Schuld an der missratenen Form. Die Mädels machen aus der Not eine Tugend und verzieren die Plätzchen mit bunten Perlen und Schokolade.  



Die nächsten Plätzchen kommen aus der Röhre: Vanillekipferl und Schokoausstecherle, mmh, fein! Der leckere Duft breitet sich in der Küche aus und nun ist die Stimmung doch irgendwie weihnachtlich und familiär, trotz (oder gerade wegen?) Ace of Base.

Simone sagt: „Sobald es kalt wird, bekomme ich Bock zu backen. Dann raff' ich mich einmal auf, weil es ja schon recht aufwendig ist. Dann hab' ich aber auch wieder genug für ein Jahr.“

Auch bei den anderen lässt die Motivation etwas nach. Der Teig für Vanillekipferl und Ausstecherle nimmt einfach kein Ende. Yvi stöhnt auf: „ Jetzt hass' ich Ausstecherle, irgendwann nervts“.



Nach knapp zwei Stunden sind alle Plätzchen fertig und schön verziert. Dank der vielen Helferinnen ist die Küche in kurzer Zeit wieder blitzblank, jedenfalls für WG-Verhältnisse. Rote Backen und stolze Gesichter allenthalben. Die Plätzchen sind so gut geworden, dass sie auch als Geschenk taugen. Mal sehen, ob es dazu überhaupt noch kommen wird. Die vielen Mitbewohner haben das Gebäck schon gerochen.

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