Philipp Poisel im Jazzhaus: Der melancholische Jung-Romantiker

Gina Kutkat & Ruben Sakowsky

Für die einen ist er ein am offenen Herzen operierender Romantiker, für die anderen ein sich zwischen Schwermut und Melancholie erschöpfender Pathetiker, der den Kopf nicht aus den Wolken bekommt: Philipp Poisel. Gestern spielte der 27-jährige Singer/Songwriter im ausverkauften Jazzhaus. Wie's war:

Für die allermeisten ist der 27-jährige Philipp Poisel immer noch ein niedlicher Schmusesänger, der mit seinen Texten genau das auszudrücken vermag, was auch allen anderen öfters mal durch den Kopf geht. Es fällt nicht schwer, sich in seine Lieder reinzufühlen. Poisel singt schließlich über  Dinge und Situationen, die jeder schon mal erlebt hat: die Liebe, das Leben, Pläne und Hoffnungen, Heim- und Fernweh.

Besonders der Generation von 12 bis 14-jährigen Mädels hat es der 27-jährige Künstler angetan. Anders lässt sich der Riesenansturm von jungen, aufgehübschten Mädchen, die mit leuchtenden Augen und im Minutentakt nachgelegtem Lipgloss am Donnerstagabend vor der Bühne des Jazzhaus stehen, nicht erklären.*Seufz* „Der ist ja so süß.“



Philipp Poisel sieht mit seinem verträumten Blick, den verstrubbelten Haaren und den weichen Gesichtszügen nicht viel älter als der Durchschnitt des sehr jungen Publikums aus. Doch wer die Biografie des Grönemeyer-Zöglings kennt, der weiß, dass Philipp Poisel in den vergangenen Jahren ein gehöriges Maß an Lebenserfahrung und musikalischen Fähigkeiten erworben hat.

Beides hat er in sein aktuelles Album transportiert, das einen großen Teil der Setlist ausmacht, die er im Jazzhaus präsentiert. Die 12 Songs auf „Bis nach Toulouse“ hat er selbst komponiert und getextet und mit fähigen Musikern eingespielt. Auch im Jazzhaus ist die Band dabei und verhilft Poisel, der lange auch alleine mit seiner Gitarre auftrat, zu einem satten Bandsound. Eine memorierbare Melodie, Gitarre, (Kontra-)Bass, Keyboard, Schlagzeug und Gesang sind hier zum gleichatmigen Balladenpop vereint.

Eröffnet wird das Konzert mit „Für keine Kohle dieser Welt“, ein Song über die Freiheit, die sich Poisel immer bewahren möchte. „Für keine Kohle dieser Welt/ für keinen Schatz gab ich die Freiheit/gab ich mein Platz vorm Himmelszelt.“ Die Texte sind die Quintessenz Poisels Musik - auch im aktuellen Liveprogramm. In „Bis nach Toulouse“ nimmt er sein Publikum mit auf Reisen, erzählt von Fernweh und der Sehnsucht nach Zweisamkeit. „Wenn’s mir zu viel wird/ dann steige ich aus / dann steige ich ein / in meinen Wagen.“



Davon, dass das Leben oftmals anders verläuft als man glaubt, kann Philipp Poisel ein Lied singen. Pläne, die sich zerschlagen, Krankheiten, die sich in den Weg stellen, Geliebte, die sich irgendwann wieder entlieben. All das hat der Sänger aus dem beschaulichen württembergischen Ludwigsburg auch schon erlebt. Zum Beispiel die Konfrontation mit dem eigenen Ende nach Diagnose eines Hirntumors - zum Glück ein medizinischer Irrtum – die sich in dem Song „Froh dabei zu sein“ entfaltet. „Auch wenn das Leben manchmal traurig ist, bin ich froh dabei zu sein.“

Philipp Poisel und seine Musik sind schwermütiger geworden. Vorbei die unbeschwerten Zeiten, als das Leben eine einzige Reise war und der vor Offenheit strotzende Poisel seine Emotionen in hübschen Songs vertonte. Die neuen Stücke haben die Leichtigkeit und Fröhlichkeit des ersten Albums verloren, die Uptempo-Nummern sind noch weniger und der Jung-Romantiker ist zum Melancholiker geworden.

Sich damit abzufinden, fällt dem Publikum schwer. Da sind die vielen jungen Mädchen, die an seinen Lippen hängen und all seine Texte mitsingen, als gäbe es einen Wettbewerb. So gehören auch die Schmachtfetzen vom ersten Album „Halt mich“ und „Mit jedem deiner Fehler“ zu den beliebtesten Momenten des Abends, der sich ob der großen Anzahl von ruhigen und sanften Liebessongs so nahe an der Schmalzgrenze bewegt, dass es einen erschaudern lässt.



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