Peer Gynt: Ein norwegischer Traum

Lorenz Bockisch

Am Samstag Abend hat im Großen Haus des Stadttheaters Freiburg die neue Spielzeit begonnen. Mit der Premiere des "Peer Gynt" von Henrik Ibsen kommen sämtliche Sparten des Theaters zu ihrem Recht: Neben den herrlich skurrilen Puppen und dem Schauspielensemble gaben das Philharmonische Orchester Freiburg und der Opernchor des Theaters die herrlich romantische Musik von Edvard Grieg zum Besten.



Peer Gynt ist der Sohn einer ehemals reichen Bauernfamilie im Norwegen des 19. Jahrhunderts. Der verstorbene Vater hat das ganze Vermögen verprasst und die Witwe Aare hängt an ihrem Sohn Peer, ihrem Ein und Alles. Dass dieser ein Träumer, Lügner und Kneipenschläger ist, durchschaut sie zwar, dennoch vergöttert sie ihn.


Alles beginnt damit, dass Peer von seiner Mutter erfährt, dass die wohlhabende Bauerntochter Ingrid, die er hätte haben können, einen anderen heiratet. Also macht er sich auf, die (in dieser Inszenierung sehr orgienhaft interpretierte) Hochzeitsfeier zu besuchen. Dabei trifft er auf seine einzige Liebe Solvejg, doch das ist ihm erst mal nicht bewusst und egal. Noch in der Nacht entführt er die Braut, um sie nach einer heißen solchen gleich wieder sitzen zu lassen.



Wegen dieser Tat geächtet muss Peer seine Heimat verlassen und beginnt eine Odyssee durch die reale und die Märchenwelt. In beiden begegnet er sehr abstrusen Gestalten und Frauen, mit denen er kurze, aber nicht immer folgenlose Verhältnisse beginnt.

Durch Nordafrika reisend wird er Beduinenfürst, Sklavenhändler und Archäologe, immer auf der Suche nach seinem Traumberuf: Er will Kaiser werden. Doch das Glück bleibt ihm nicht treu, und so verliert er sein zwischenzeitlich beträchtliches Vermögen, lässt sich von hübschen Damen ausnehmen (herrlich: die Verona-Feldbusch-haft dümmliche Beduinentochter Anitra), kommt sogar in ein Irrenhaus (wo er kurzzeitig zum Kaiser erklärt wird) und findet ganz am Ende doch wieder nach Hause, in die Arme von Solvejg, die all die Jahre auf ihn gewartet hatte.

So krude die Geschichte von Henrik Ibsen – in dem wunderbaren Deutsch von Christian Morgenstern – ist, so abstrakt wurde sie auch umgesetzt: Um die Märchenwelt und die fremden Länder, durch die Peer kommt, darzustellen, wurde ein surreales Puppenensemble zusammengestellt und vor allem bewegt, wegen dem allein schon sich ein Besuch des "Peer Gynt" lohnt.

Hinzu kommt die romantisch-schwelgende Bühnenmusik von Edvard Grieg, die von dem auf der Bühne sitzenden Orchester wunderbar weich die gespielten Szenen um- und untermalt. Heutzutage kennt man die Peer-Gynt-Musik leider nur noch aus einer Margarinewerbung oder als Klingelton.



Dass man in dieser Inszenierung jedoch jedes Mal sehen muss, wie sich die Schauspieler, die stets zwischen Bühne und Orchester sitzen, sich umziehen und auf den nächsten Auftritt vorbereiten, ist sehr gewöhnungsbedürftig. Doch wahrscheinlich gehört das zum modernen Regietheater dazu.

Nicht unter diese Kategorie fällt aber ein Aspekt bei Hauptdarsteller Albert Friedl: Er könnte seiner Artikulation einen Klang verleihen, der auch die hinteren Reihen erreicht. Seine schauspielerische Leistung blieb davon jedoch unbenommen. In der letzten Szene des dritten Aktes stirbt seine Mutter in Peer Gynts Armen. In diesem Moment wirkt das Stück so mitreißend, dass man selbst den Drang verspürt, man müsste doch mal wieder die eigene Mutter anrufen.



Nach einem 3 ½ -stündigen Theaterabend muss man das Team des Theaters Freiburg zu einer sehr gelungenen Inszenierung beglückwünschen: Dieser „Peer Gynt“ ist ein mehr als würdiges Stück zur Saisoneröffnung, das noch viele Aufführungen und noch mehr Zuschauer verdient.

Mehr dazu:

Originaltext bei Gutenberg.de
Spielplan beim Theater Freiburg

Tickets für 7€ bis 39 € (freitags bis 48 €)

Eine, die Treue hielt, - und einer, der vergaß.
Einer, der ein Leben verspielt, - und eine, die wartend saß.
O, Ernst! - Und nimmer kehrt sich das um!
O, Angst! - Hier war mein Kaisertum!

(Peer Gynt, 5. Akt)