Packend und erschütternd: Die One-Woman-Show "Girls & Boys" im Theater Freiburg

Matej Snethlage

Im Theater Freiburg läuft derzeit das One-Woman-Stück "Girls & Boys". Es erzählt die Geschichte einer Frau mit scheinbar perfektem Leben. Der Blick hinter die Fassade zeigt jedoch, dass nicht alles so rosig läuft.

"Ich habe meinen Mann in der Passagierschlange eines Easyjet-Flugs kennengelernt, und ich muss sagen: Der Kerl war mir auf Anhieb unsympathisch." So steigt die Figur der Schauspielerin Angela Falkenhahn in das anderthalbstündige Theaterstück "Girls & Boys" über das Leben ihrer namenslosen Protagonistin ein. Nach einer Phase der, euphemistisch gesagt, sexuellen Auslebung, reist sie durch Europa, findet einen erfüllenden Beruf in der Dokumentarfilm-Branche und einen scheinbar perfekten Mann. Außerdem wird sie Mutter von zwei Kindern: Benni und Lina. Doch auf dem Höhepunkt ihrer Karriere wird ihr Leben aus den Fugen gerissen und eine Tragödie nimmt ihren Lauf.


Das Theaterstück Girls & Boys kommt aus Großbritannien. Das Stück, das aus der Feder von Dennis Kelley stammt, wurde Anfang des Jahres in London uraufgeführt. Der Schauspieler Eike Weinreich nahm sich des Stoffes an und inszenierte in Freiburg mit seinem Regiedebüt seine Version des von Kellys, den man am ehesten als Autor von "Orphans" oder der TV-Serie "Utopia" kennt, geschriebenen Werks.

Girls & Boys ist ein feministischer Monolog

Girls & Boys ist ein Ein-Frau-Stück, ein durchgehender Monolog einer Person, die ihre Lebensgeschichte erzählt. Das geschieht in minimalistischer Kulisse: zwei übergroße Teppiche, einer rosa, einer blau, die sich von der Decke hinab auf den Boden erstrecken, sind neben einem zylinderförmigen Schemel in der Mitte der Bühne das gesamte Bühnenbild. Angela Falkenhahns Charakter bewegt sich zwischen den drei Bühnenelementen hin und her und spielt mit der Raumvorstellung der Zuschauer.

Anfangs ist die Atmosphäre entspannt und humorvoll, der Beginn orientiert sich an einem Stand-Up-Comedy Auftritt. Dadurch wird die Protagonistin dem Zuschauer schnell sympathisch und man lernt einen angenehmen, wenn auch nicht reibungsfreien Charakter kennen. Die Handlung erzählt die Protagonistin größtenteils. Aber immer wieder streut sie kleine Alltagssituationen, beispielsweise mit den Kindern, spielend ein. Bei diesen spricht nur die namenlose Frau ihren Teil der Dialoge, die Kinder werden schlichtweg nicht dargestellt. Dadurch ist die Geschichte aufs Extremste fokussiert: Es geht nur um die Frau.

Die Geschichte nimmt einen düsteren Lauf

Im letzten Drittel nimmt die Geschichte dann einen düsteren Dreh: Es beginnt mit finanziellen Problemen, die Firma ihres Mannes geht insolvent. Während sie selbst in ihrer Karriere durchstartet, versinkt er in Selbstmitleid und Einsamkeit. Die Handlung bewegt sich spiralförmig hinab, mit einer Konklusion, die an die Nieren geht und keinen Zuschauer unberührt lässt.

Doch auch schon vorher fesselt das Werk: Anfangs witzig und leicht, später spannend. Gegen Ende bricht dann die harte und erbarmungslose Realität ein. Über die gesamte Laufzeit hängt man an den Lippen von Angela Falkenhahn, nur im Mittelteil wird das Stück für kurze Zeit etwas dröge – der Erfolgsgeschichte der namenlosen Protagonistin zu folgen ist zwar unterhaltsam, bietet jedoch nicht genügend Substanz, um damit etwa die Hälfte des Theaterstücks zu füllen. Gegen Ende nimmt die Handlung wieder enorm an Fahrt auf.

Die Geschichte an sich könnte man als stereotypisch und klischeehaft bezeichnen, doch durch die innovative Inszenierung und das packende Schauspiel gewinnt die, bis auf die letzten Minuten, vorhersehbare Geschichte, Tiefe und Spannung. Die minimalistische Kulisse und die Protagonistin als einzige sichtbare Figur verdichten die Stimmung weiterhin und erzeugen im Zusammenspiel das Porträt einer gebrochenen Frau. Boys & Girls ist ein Theaterstück mit einer wichtigen Aussage und einer großartigen Schauspielerin. Es ist kein Gute-Laune Stück, nach dem man noch ein Bierchen trinken geht, sondern eines, welches nicht aus dem Kopf des Zuschauers verschwinden will.
Was: Girls & Boys
Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus
Wann: Sonntag, 23.12., 19 Uhr, Samstag, 5.1., 20 Uhr, Donnerstag, 10.1., 20 Uhr, Sonntag, 27.1., 19 Uhr, Samstag, 16.2., 20 Uhr

Tickets: ab 8 Euro, Website Theater

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