Paata Khurodze: Zwischen Kaukasus und Emmendingen

Sebastian Klaus

(Vorder-)Asien-Serie, Teil 5: Rechts im Bild sehen wir Paata Khurodze (28), wie er sich in seiner georgischen Heimat gerade einem christlichen Ritual unterzieht. Im Alltag arbeitet Paata als Arzt in Emmendingen. Uns hat er etwas über sein zweites berufliches Standbein in Georgien erzählt, das momentan leider ein wenig wackelt.



Ich treffe Paata Khurodze (28) in seiner Wohnung. Eine 16er-WG im Stühlinger. Wir sitzen auf bequemen Ledersesseln im geräumigen, überraschend aufgeräumten Wohnzimmer. Die Wände sind voll mit Fotos von aktuellen und weggezogenen Bewohnern der WG. Im Radio dudelt Echo FM. Eine typische Studentenbude. Nur ist Paata kein Student mehr, sondern Arzt.

Seit einem Monat arbeitet er als Assistenzarzt in Emmendingen. Deshalb wird er bald ausziehen, sich eine größere Bleibe suchen. Wahrscheinlich wären die meisten seiner Patienten überrascht, wenn sie erführen, wie ihr behandelnder Arzt lebt. Noch überraschter wären sie wohl, wüssten sie von Paatas Zweitjob. In Tiflis führt er ein Reisebüro und zeigt Touristen in seiner Freizeit die entdeckenswerten Seiten seiner Heimat Georgien.



Zu seinem Team gehören vier Kollegen, alles Studenten (Paata ist der zweite von links auf dem Bild). Auf seinen Touren braucht er keine Karten, so gut kennt er das Land. Touristen können bei ihm wählen zwischen Wandern, Bergsteigen oder sogenannten Biertouren. Das sind Besuche von rituellen Festen in den Bergregionen, bei denen viel Bier getrunken wird.

Die erste Tour, die Paata leitete, buchte eine siebenköpfige Familie Anfang 2003. Georgische Juden. Sie wuchsen in Georgien auf und wanderten nach Israel aus, nachdem die Sowjetunion aufgelöst wurde und 1991 Unruhen im Land ausbrachen. Die Familie wollte später ihre alte Heimat, ihre Dörfer und Häuser besuchen und schauen, wer dort inzwischen wohnt. Paata mietete einen Kleinbus und fuhr mit ihnen eine Woche lang durchs Land. Alles ganz einfach.

Die „Biertouren“ entpuppen sich als Renner bei den Touristen. Sie führen durch die Berge des Nordkaukasus. Es gibt keinen Strom, viele Dörfer sind im Winter komplett verlassen. Seit Jahrhunderten leben die Menschen in dieser Gegend von der Schafzucht. Sie leben nach uralten Gesetzen und Traditionen. In der Umgebung jedes Dorfes steht der Chati, eine heilige Stätte. Ritueller Opferort für Schafe und Ziegen. Kirchen sind in dieser abgelegenen Region selten. So konnten sich auch im streng christlichen Georgien heidnische Bräuche und Riten halten. Der Dorfälteste hat das Sagen.



Auf Biertour: Zunächst steht der Tourist frühmorgens mit den Dorfbewohnern auf und wandert mit ihnen zum Chati. Dort angekommen, zündet der Dorfälteste eine Kerze an und spricht ein Gebet. Dorfbewohner bringen Opfertiere, denen der Älteste, nachdem er erfragt hat, wofür genau das Opfer bestimmt ist, langsam die Kehle durchschneidet. Danach werden die Tiere gekocht, in riesigen Töpfen, die das Essen für über 250 Personen fassen. Denn zu den Opferfesten wird es voll: auch entfernte Verwandte aus Tiflis kommen.

Neben dem Gebetsort werden Decken ausgelegt, auf denen sich die Männer niederlassen. Die Frauen machen das Gleiche in einiger Entfernung zum Chati. Es herrscht strenge Geschlechtertrennung. Der Älteste schenkt den Pilgern Bier in die Krüge. Erst den Männern, dann den Frauen. Es wird geschlemmt. Bier fließt in rauhen Mengen und viele der Männer schaffen den Abstieg ins Dorf nicht mehr. Sie übernachten noch am Ort und kommen erst am nächsten Morgen verkatert ins Dorf zurück. Der Alkohol und ein Feuer wärmen sie über Nacht. Ihre Frauen und Kinder haben bereits lange zuvor das Fest verlassen.

Im September 2004 erhält Paata eine E-Mail aus Saudi-Arabien. Eine Gruppe Geschäftsleute kündigt sich an. Wie sie auf Paata aufmerksam geworden sind, weiß niemand. Sie wollen den Kasbek besteigen. Das ist Georgiens dritthöchster Berg (5047 Meter), bei Alpinisten sehr beliebt.



Ein vergletscherter Riese. Der Sage nach wurde hier Prometheus von den Göttern an die Felswand gefesselt, nachdem er ihnen das Feuer gestohlen hatte. Der Kasbek liegt in der Region Chewi, wo Paatas vier Kollegen herkommen. Ein Heimspiel.

Zunächst geht es mit den 30 Saudis in Kleinbussen ins Dorf Gergeti, von dort zu Fuß weiter ins Basislager: eine ehemalige Meteorologische Station der Sowjets auf 3.600 Metern Höhe. Zwei Tage bleiben sie dort, um sich zu akklimatisieren. Am Morgen der Abreise dann die Überraschung: Die Saudis sind umhüllt in Quamis, knöchellange weiße Gewänder. Schön anzusehen, aber völlig ungeeignet für eine gefährliche Kletterpartie.

Paata stellt die Gruppe vor die Wahl. Entweder passende Wanderkleidung oder das Unternehmen fällt aus. Nur 12 Saudis entschließen sich für einen Klamottenwechsel und für eine Fortsetzung der Tour. Der Rest geht unverrichteter Dinge zurück nach Tiflis. In fünf Stunden erreicht Paatas Gruppe den Gipfel. Für die Kameras schlüpfen die Araber wieder zurück in ihre Gewänder, die vom Schnee kaum zu unterscheiden sind.

Genau zwei Jahre später ist Paata wieder in der Gegend. Diesmal wandert er allein. In der Nähe des Gergeti-Klosters trifft er auf zwei Polen, die alleine den Kasbek besteigen wollen. Sie besitzen weder Wanderkarten noch einen Führer. Paata rät ihnen vom Aufsteig ab, aber sie lassen sich nicht umstimmen. Die Wetterverhältnisse sind ungünstig, es regnet und die Schneeschmelze setzt ein. Eine Bergwacht gibt es nicht. Paata reist zurück nach Tiflis. Bergsteiger finden die Polen eine Woche später erfroren im Schnee.



Nach dem Unglück macht Paata nur noch eine kleine Tour. Er beendet sein Medizinstudium in Tiflis und entschließt sich, nach Deutschland zu gehen. Ende 2007 kommt er nach Freiburg. Zunächst lernt er in einer Sprachschule Deutsch, dann leistet er sein praktisches Jahr am Schwarzwald-Baar-Klinikum in Villingen-Schwenningen. Seit einem Monat arbeitet er als Assistenzarzt in Emmendingen.

Im August 2008 begann der Kaukasuskrieg. Seitdem ist das Reisebüro in Tiflis geschlossen. Temporär, wie Paata betont. Die Lage im Land ist einfach noch zu angespannt, um Touristen die Schönheit Georgiens zu zeigen. Im kommenden März will er in die Heimat reisen, um mit seinen Kollegen zu besprechen, wie das weitergehen soll mit dem Reisebüro. "Ich will es auf keinen Fall aufgeben", sagt er.

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Foto-Galerie: Paatas Impressionen aus Georgien

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