Ohne Flugzeug um die Welt (9): Freiburger Filmpaar trampt von Freiburg nach Pakistan

Florian Kech

Gwen Weisser und Patrick Allgaier wollen per Anhalter um die Welt. An der Grenze zu Pakistan stehen sie vor einer schwerwiegenden Entscheidung. Sollen sie die Einreise wagen? Die Reportage über die bisherige Expedition der Flugverweigerer:



Die Skrupel bringen sie seit Tagen um den Schlaf. Gwen Weisser und Patrick Allgaier wollen von Iran nach Indien. Der Haken: Dazwischen liegt Pakistan, eines der gefährlichsten Länder der Welt. Nachdem ein Taliban-Führer von einer US-Drohne getötet wurde, sagen Beobachter der Islamischen Republik einen „blutigen November“ voraus. Diese Meldung hat den beiden gerade noch gefehlt. Wen auch immer sie in den vergangenen Wochen auf der Straße oder in Internetforen gefragt haben, fast alle rieten ihnen von der Einreise ab.


Das Paar aus Freiburg befindet sich am kritischsten Punkt seiner langen Reise. Es ringt mit sich. Dabei könnte alles so einfach sein. Sie müssten nur in ein Flugzeug steigen. Als sie aufbrachen, haben die beiden allerdings ein Gelübde abgelegt.



Seit fast neun Monaten sind Gwen Weisser und Patrick Allgaier unterwegs. Am Karfreitag haben sie sich von ihren Familien und engen Freunden verabschiedet. Bei den Weissers in Buchenbach erklommen sie noch einmal gemeinsam die Burgruine Wiesneck, wo Gwen als Kind oft übernachtet hat, manchmal sogar allein. Als Mutprobe hat sie das nie empfunden. Jetzt will die 21-Jährige zusammen mit ihrem Freund (30) die Welt entdecken.

Nicht alle in der Familie sind begeistert von der Idee. Am schwersten fällt der Abschied Patrick Allgaiers Mutter. Alle haben sich noch einmal in den Arm genommen an jenem Vormittag im Frühjahr, wissend, dass sie sich für einen sehr langen Zeitraum nicht mehr spüren werden.Wie lange die Reise dauern wird, ist unbekannt. Etwa zwei Jahre, schätzen sie, vielleicht aber auch drei oder vier. Auf keinen Fall wollen sich die beiden zeitlich festnageln lassen. Ihre Rucksäcke sind gefüllt mit dem zivilisatorischen Mindeststandard: Minizelt, Gaskocher, Messer und Löffel (keine Gabel), zwei Schlafsäcke, je zwei Hosen, zwei Pullis, zwei T-Shirts, eine Jacke, zwei Paar Schuhe, Socken, vier Unterhosen, Kamera und Laptop. Das Allernötigste auf den Schultern, stiefeln sie los, vor ihren Füßen liegt die Welt.

Die Pakistan-Frage haben sie lange verdrängt

Mehr als die Hälfte ihres Jahrgangs habe sich nach dem Abitur ins Ausland verabschiedet, sagt Gwen Weisser. Dass dies so einfach möglich ist, nennt sie ein „Privileg meiner Generation“. Das Angebot ist gewaltig: Work in Travel, Aupair oder Work and Holiday. Mit dem „Around the world“-Ticket kann man den Planeten schon ab 1399 Euro umrunden. Fünf Kontinente in vier Wochen – die Welt im Schnelldurchlauf. Sie legen großen Wert darauf, sich vom Massentourismus moralisch nicht abzuheben. Niemand solle denken, sie fühlten sich als die besseren Reisenden. Und dennoch muss das Ticket um die Welt obszön klingen für jemand, der eine so romantische Idee des Reisens verinnerlicht hat wie das Paar aus Freiburg. Es hat sich bewusst für den Landweg entschieden. „Beim Fliegen geht immer etwas verloren“, sagt Gwen Weisser und meint das „Gefühl für Distanz“. 



Sie wollen die Übergänge nicht überfliegen, sondern an Ort und Stelle erfahren, schmecken und erriechen. Sie staunen über die fließenden Grenzen, wie sich Hautfarbe und Gesichtsform langsam ändern, die Küche sich wandelt, Düfte und Gewürze ein anderes Aroma annehmen. Diese Erfahrung des Dazwischen lehrt, wie die Kulturen miteinander verwoben sind.

An der Grenze nach Pakistan werden die Reiseromantiker auf eine harte Probe gestellt. Patrick Allgaier tut sich weiterhin schwer mit der Vorstellung, in ein Land einzureisen, in dem immer wieder Touristen verschleppt oder Anschläge verübt werden. Er hat sich informiert: Der Seeweg nach Indien ist hoffnungslos. Dafür hebt in Oman regelmäßig ein Flieger nach Mumbai ab. Nur 80 Euro würde der Flug kosten. Das Angebot klingt für Allgaier verlockend. Aber von ihm stammt eben auch das Bonmot: „Fliegen ist wie mogeln“.

Selbst wenn sie sich nur um diese verhältnismäßig kurze Etappe herum mogelten, wäre ihr globales Projekt irgendwie gescheitert, sagen sie sich. Man kann es vergleichen mit einem Taucher, der auf halber Strecke kurz auftaucht, um Luft zu holen. Lange haben sie die Pakistan-Frage zu verdrängen versucht, was unterwegs nicht schwer fiel. Erst spät haben sie das Visum beantragt. Wie lange sich die pakistanische Botschaft Zeit lässt, wissen sie nicht. „Wenn wir die Papiere bis Weihnachten nicht erhalten, ist das ein Zeichen“, sagt Gwen Weisser. Dann soll es eben nicht sein.

In Freiburg hat Patrick Allgaier als Kameramann gearbeitet. Als er im Januar 2013 nach Dreharbeiten im Ausland in Frankfurt landete, erfüllte ihn die Gewissheit, bald kein Flugzeug mehr betreten zu müssen, mit großer Vorfreude.

Flugangst war nicht der Auslöser

Nicht, dass er unter Flugangst leiden würde. Er versprach sich vielmehr eine Befreiung von der technischen Abhängigkeit. An der pakistanischen Grenze droht diese Befreiung sich nunmehr zur Belastung zu verkehren. Doch seine Freundin und er haben sich vor der Abreise auf Vorsätze verständigt. Dazu gehört neben dem Flugtabu der Konsumverzicht. Am Tag wollen sie maximal fünf Euro ausgeben. Das ist ihnen bislang auch gelungen. Auf der ersten Etappe vom Schwarzwald nach Moskau benötigen sie keinen einzigen Cent. Sie reisen per Anhalter, erkundigen sich an Tankstellen nach abgelaufenen Lebensmitteln, werden Virtuosen des Teilens. Meistens schlafen sie im Zelt.

Wenn sie bei Privatleuten übernachten, revanchieren sie sich, indem sie für die Gastgeber badisch kochen oder diesen bei der Hausarbeit helfen. „Wir schnorren uns nicht durch“, macht Gwen Weisser klar. Vereinzelte Kritik gab es dann trotzdem, wohlgemerkt nicht vor Ort, sondern aus der Heimat. In ihrem Blog machten ihnen Kommentatoren den Vorwurf, die Einheimischen auszunutzen. Mit ihrer Gratismentalität seien sie schlechte Vorbilder, war dort sinngemäß zu lesen. Das saß. Sie fühlten sich missverstanden, ging es ihnen doch gerade nicht um Schnäppchenjagd, sondern um Verzicht. Die Diskussion im Gästebuch hat sie nachdenklich gemacht. Ihnen fiel auf, sich zu oft unter Druck gesetzt zu haben, die Ausgaben weiter zu senken.



Nacht im Hotel ist Ausnahme

„Manchmal hatte das beinahe einen Challenge-Charakter, das wollten wir auf gar keinen Fall“, sagt Allgaier. Seither schlemmen sie auf dem Markt häufiger mal eine Bananenmilch, wobei sie sich das Glas teilen. Eine Nacht im Hotel ist weiterhin nur dann drin, wenn einer erkrankt, was zweimal vorkam. Am Fünf-Euro-Prinzip wird festgehalten. Ausgenommen davon sind einzig die Visa-Kosten. Gwen Weisser und Patrick Allgaier wollen ihre Reise nicht konsumieren, sondern erleben. Das klingt nach viel Pathos, doch die damit verbundenen Erwartungen haben sich in den ersten neun Monaten erfüllt. Sie sehen nicht die bekannten Sehenswürdigkeiten, dafür treten sie andauernd in den unmittelbaren Kontakt mit den Einheimischen. 

Beim Trampen durch das Uralgebirge sitzen sie an drei Tagen in 22 verschiedenen Autos, knüpfen 22 neue Bekanntschaften. Gwen Weisser spricht ziemlich gut Russisch. Aber auch mit Anhaltern in Zentralasien oder persischen Ländern gelingt eine Verständigung – wenn es sein muss, pantomimisch. „Der Einstieg ins Gespräch läuft überall nach demselben Muster ab“, sagt Allgaier. „Als erstes nennt man den Namen, dann zeigt man sich mit den Fingern gegenseitig das Alter an. Der Rest ergibt sich von selbst“. Oft wollen die Anhalter wissen, ob das Paar verheiratet ist. Die beiden Deutschen deuten dann auf ihre Ringe, die sie sich vorsichtshalber für den Iran angesteckt haben. Auch beliebt sind Fragen nach der Beschäftigung der Väter. Von da an wird es komplizierter.

„Auch Pakistan hat ein Recht auf Gäste.“

Wer einen mitnimmt, ist im Normalfall offen und kommunikativ, sonst würde er nicht anhalten. Dasselbe gilt fürs Couchsurfing, bei dem Privatpersonen im Internet Reisenden unentgeltlich einen Schlafplatz anbieten, in der Regel für drei Tage. Von dem Angebot machen die Freiburger in jedem Land Gebrauch. Dazwischen lockt sie immer wieder die Wildnis.

Im Sommer dringen sie ins zentralasiatische Hochgebirge vor, den Pamir, den Marco Polo einst als „das Nichts“ bezeichnet hat. Die letzten Kilometer auf der von Schlaglochkratern zerfurchten Schotterstrecke passieren sie mit dem Packesel. Oben angelangt, bauen sie in der menschenleeren Mondlandschaft ihr Zelt auf, um in der Nacht vom ersten Schnee überrascht zu werden.

Zelten mit Schakalen

Im Kaukasus zelten sie inmitten heulender Schakale. In Georgien ziehen sie sich zehn Tage in die Tiefen des Waldes zurück. Sie duschen unter Wasserfällen, schlafen unterm Laubdach und haben keinerlei Kontakt zu anderen Menschen. Eine Extremerfahrung: „Wann im Leben ist man schon mal über einen so langen Zeitraum von der Gesellschaft komplett abgeschnitten?“, fragt sich Allgaier. Sie begegnen Menschen, die einem Märchen oder Fantasyroman entsprungen sein könnten. Der langbärtige Goran zum Beispiel, der seit mehr als dreißig Jahren mit Hunden, Ziegen und Kamelen den Orient durchquert und die Deutschen mit nomadischen Weisheiten versorgt. In Aserbaidschan verweilen sie in dem mythischen Ort Lerik, wo die meisten Hundertjährigen leben sollen. Fotos werden ihnen gezeigt mit einem angeblich 168-Jährigen – Überbleibsel eines bizarren Sowjetkults.

Als größter Hemmschuh der Reise erweist sich die Beschaffung von Visa. Der bürokratische Hickhack zögert auch die Einreise in den Iran hinaus. Als sich die Grenze für die zwei Freiburger öffnet, erleben sie einen Gottesstaat, den westliche Einflüsse immer mehr zu durchdringen scheinen. Das gilt zumindest für die Metropolen Teheran und Freiburgs Partnerstadt Isfahan, wo junge Frauen sehr wohl das Haus auch allein verlassen und das oft genug, um Vorlesungen zu besuchen. Beeindruckt sind die beiden Freiburger auch vom Schönheitskult. Die Frauen seien unter ihren Kopftüchern oft extrem geschminkt. „Fast jede Zweite hat die Nase operiert“, hat sich Gwen Weisser sagen lassen. Die chirurgisch modellierte Nase gilt in den persischen Städten als Statussymbol, weshalb sich auch immer mehr Männer unters Messer legen.



Viele Vorschriften im Iran

Der Iran ist immer noch ein Land mit zahllosen Vorschriften. Schon der Nutzer von Satellitenfernsehen macht sich strafbar. Doch das Freiburger Paar beobachtet, wie die Einheimischen Lücken finden und Freiräume nutzen, und die Ordnungshüter nicht immer ganz genau hinschauen. Einmal werden sie Zeugen einer  Wüstenparty, wo junge Iraner Alkohol trinken und zum Gangnam Style tanzen.

Die Menschen, die sie treffen, „dürsten nach Einfluss von außen“, sagt Gwen Weisser. Die Neugier auf alles Westlich-Moderne kenne keine Grenzen. Als sie eine Anfrage fürs Couchsurfen in Teheran starten, gehen in nur drei Tagen fünfzehn Einladungen ein. In keinem bisher bereisten Land erzielten sie ein solches Feedback. Sie werden in einer WG aufgenommen. Mit den Bewohnern sprechen sie über Politik, Religion und Homosexualität. An Heiligabend skypen die Freiburger von einer Wohnung in der Hafenstadt Bandar Abbas aus mit zuhause und singen Weihnachtslieder. Ihre iranischen Gastgeber lauschen dem Schauspiel in Stille.

Gruppenfoto mit Maschinengewehr

Plötzlich sind sie da: zwei Visa für Pakistan. Die Botschaft in Deutschland nimmt ihnen die Entscheidung also nicht ab. Jetzt fackeln die Freiburger nicht lange und machen sich auf den Weg. Sie sind nicht aufgebrochen, um auf Teufel komm raus ein Abenteuer zu erleben, sie wollen fremde Kulturen kennen lernen; sie sind keine Hasardeure, sie sind Neugierige. Und sie glauben „an das Gute im Menschen“, sagt Patrick Allgaier, was aus seinem Mund nicht einmal sonderlich naiv klingt. An der pakistanischen Grenze macht er es wie immer. Er will einen Wachposten um ein Foto bitten. In den anderen Ländern bekam er stets einen Korb. In Pakistan kommt er noch nicht einmal zum Fragen.

Die Grenzwachen nehmen den Besucher aus Deutschland von sich aus in ihre Mitte und stellen sich  für ein Gruppenfoto auf.  Dabei bekommt Allgaier eines ihrer Maschinengewehre anvertraut, das er ebenso unbeholfen wie ungern in seinen Händen hält. Alle müssen lachen. „Kaum hatte ich pakistanischen Boden unter den Füßen, war die Angst beinahe verflogen“, sagt er. Trotzdem wissen beide, wie gefährlich die Gegend ist. In Belutschistan sind Terrorbanden besonders aktiv. Touristen bekommen hier Polizeischutz. Für die ersten tausend Kilometer sitzen sie gemeinsam mit einem jungen Abenteurer aus Irland in einem Polizeiwagen. Alle dreißig Kilometer erwartet sie ein Checkpoint mit schwerbewaffneten Kontrollleuten. Dem Buch, in das sie sich eintragen, entnehmen sie, dass hier ungefähr einmal pro Woche Ausländer vorbeikommen. Die Fahrt verläuft ruhig, sie fühlen sich beschützt. Die beiden Deutschen und der Ire nicken auf dem Rücksitz des Polizeiwagens ein. Ein lauter Knall.



In Karatschi schwärmt man vom FC Bayern

Alle reißen die Augen auf, rechnen mit dem Schlimmsten. „Wir dachten, jetzt passiert es“, sagt Gwen Weisser. Schnell bemerken sie, dass nur der Reifen geplatzt ist. Weil ihnen ein Hotel zu teuer ist, dürfen sie in der Polizeistation übernachten. Dann endlich erreichen sie Karatschi, die einstige Hauptstadt, von da an gilt Pakistan als relativ sicher. Die Leute, die ihnen begegnen, empfangen sie mit Dankbarkeit. Sie sind froh, dass sich Ausländer zu ihnen trauen. Deutschland mögen alle, sie schwärmen von Mercedes, Schumacher und dem FC Bayern. Manche ärgern sich über ausländische Medien, die ein so düsteres Bild ihrer Heimat zeichneten. Ein Pakistani sagt: „Wir sind auch Menschen“.  Patrick Allgaier wird später sagen: „Auch Pakistan hat ein Recht auf Gäste“.

Insgesamt drei Wochen bleiben sie in dem streng islamischen Land, verbringen dort Silvester, wo zur Feier des Tages statt Feuerwerkskörper am Firmament Gewehrsalven funkeln. Inzwischen sind sie in Indien angelangt. Zehn Monate haben sie für die Strecke gebraucht. Im Flieger schafft man sie in zehn Stunden.


















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