Oh spießige Jugend von heute! Ein Plädoyer für mehr Freiheit

Dilbahar Askari

Schon nach dem Abi regiert die Vernunft: BWL und Bausparvertrag statt Reisen und Risiko. Mutig sein und quer denken? Ein Relikt vergangener Zeiten. fudder-Autorin Dilbahar Askari fragt: Wo bleibt da die große Freiheit? Ein Essay über und für ihre Generation.



„Glücklich verheiratet, Mutter, guter Job, großes Haus und viel Geld“, so lautet ein Eintrag in einer Abizeitung 2011, Kategorie „Ich in zwanzig Jahren“. Die Beiträge variieren kaum: Bilderbuchkarriere, gutes Einkommen, eigenes Haus, Familie, Sicherheit. Willkommen in der Generation Ratio. Wir sind jung, zielstrebig und vernünftig. Wir sind furchtbar erwachsen. Und das vor unserer Zeit.


Sicher: Vernunft ist eine Tugend. Ein gewisses Maß an Vernunft ist sogar lebenswichtig. Aber wir sind gerade 20 und reden, als hätten wir die Welt gesehen. Als hätten wir die universal geltende Faustregel erfasst: Setze auf Sicherheit und du wirst deine Portion Glück bekommen. Passe dich an die Bedürfnisse der Allgemeinheit an und du wirst dich ganz schnell nach vorne spielen. Unser Übergang von der Schule in die Struktur der Gesellschaft verläuft nahtlos, easy, ohne weitere Komplikationen. Zukunft im Einfamilienhaus plus Gatte plus Hund.

Diese Abgeklärtheit, unsere Abgeklärtheit stinkt. Denn sie ist nicht echt. Der Jugend wurde doch eigentlich immer Aufmüpfigkeit nachgesagt, Naivität, vielleicht auch Unvernunft und ein Hang zum Größenwahn. Auf alle Fälle ist sie nicht glatt, nicht nahtlos. Denn da waren immer Träume. Rebellische und weniger rebellische, große und kleine. Träume, die Vorrang hatten. Vorrang vor der Anpassung, selbst wenn es früher oder später darauf hinauslief. Es ist sicher nichts Falsches dabei, sich seine Zukunft im Einfamilienhaus plus Gatte und Hund auszumalen. Aber ehrlich: Ist das alles?

„Das Grundgefühl der heutigen Jugend ist die Unsicherheit,“ sagt der Freiburger Soziologe Albert Scherr. Das Gefühl, dass man zuschauen sollte, so schnell wie möglich seinen Platz zu finden, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. „Erzwungener Realismus“, so lautet ein Begriff, der im Bereich der Jugendforschung verwendet wird. Unser Realismus, unser rationales Handeln ist nicht auf Lebenserfahrung zurückzuführen oder auf unsere herausragende Reife.

Es ist Unsicherheit, es ist Angst, es ist eine allumfassende Verunsicherung, die uns so handeln lässt. Die  die Bücherfanatikerin dazu bringt, in ihrer Studienwahl von Literatur auf BWL umzuschwenken, die den Abiturienten, der  keinen Plan hat, brav sein Zeugnis zücken und seine Noten mit den Jobprognosen abgleichen lässt. Die uns unsere Kinderträume an den Nagel hängen lässt und dazu bringt, die wenigen Idealisten in  unseren Reihen mit einem müden,  überheblichen Lächeln bedenken lässt. „Ach Kinder, das bringt doch eh nichts.“

Die Angst ist nicht offensichtlich, sondern verborgen, und sie verbreitet sich schleichend. Eva Welsch, Leiterin des Zentrums für Studienberatung der Uni Freiburg, erzählt, dass diese Angst die Eltern oft als Erste ansteckt. Dass diese ihre Kinder an einem sicheren Ausbildungsplatz wissen und mit einer sicheren Jobperspektive in der Tasche sehen wollen. Dass die Angst sich durch das ständige Vergleichen mit anderen potenziere, sodass beispielsweise 22-Jährige zu ihr kämen mit dem Gefühl, zum Studieren schon zu alt zu sein.  

Sicherheit scheint ein Versprechen zu sein. Sie ist das Versprechen für eine rosige Zukunft, das unsere Eltern uns geben, mit dem Unternehmen um uns werben, das uns mit extraweißen Zähnen aus Bausparvertragswerbekampagnen  entgegen lächelt. Vor allem aber ist die Sicherheit etwas, das uns Halt gibt. Denn sonst gibt es nicht viel, woran man sich halten könnte: Die Schule, die während so vieler Jahren der Schrittmacher unseres Alltags war, haben wir abgeschlossen. Wir sind eine Generation zwischen allen Fronten, in einer Zeit, in der sich alle Fronten aufgelöst haben. Oder nicht zu sehen sind. In einer unübersichtlichen Zeit, einer schnellen Zeit, in der eine Großkatastrophe die nächste jagt und in der es so viele Meinungen gibt wie Sand am Meer. Wir sollen unsere Entscheidungen treffen in einer Welt, in der man überall gleichzeitig sein kann, in der Grenzen ineinander übergehen und die mit ihren Idolen, ihren Richtungen und ihren Begrenzungen auch ihre Konturen verloren hat.

Es brummt uns der Kopf. Es fällt uns leichter, auf Sturm und Drang zu verzichten, um gleich in ruhige Gewässer zu gelangen. Die pragmatischen Sätze unserer Eltern werden erst zu unseren Mantras und schließlich zu unseren eigenen Worten. Wir sind uns sicher, alles richtig, da vorbildlich, zu machen, dabei merken wir gar nicht, wie falsch wir liegen. Denn wir verpassen damit die Freiheit. Die Freiheit, die uns erlaubt in diesem Moment, in dem nichts entschieden und in festen Bahnen ist, unabhängige Entscheidungen zu treffen.

Eine Freiheit, die uns, da wir jung und ungebunden sind, ermöglicht, kompromisslos unseren Träumen zu folgen. In dieser Größenordnung wird sie uns womöglich nie wieder begegnen. Die Studienberaterin Eva Welsch hält es für entscheidend, quer zu denken. In ihren Beratungsgesprächen fragt sie deshalb als Erstes nach dem Glück. „Wir wollen die Jungen zum Sprung tragen“, sagt sie. Und sie hat recht. Denn Vernunft ist nur gut, solange sie nicht als Vorwand dient. Es ist gefährlich, sein Erwachsenenleben mit Kompromissen zu beginnen. Schon Victor Hugo hat einmal gesagt „Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance“. Wir sollten die Mutigen sein.

Die Autorin

Dilbahar Askari (20) hat 2011 ihr Abitur am  Lörracher Hebel-Gymnasium gemacht. Nach fünf Monaten in London ist sie zurzeit Praktikantin bei der Badischen Zeitung im Ressort „Land und Region“  und will den Sommer noch für Reisen nutzen.  Ab Herbst wird sie Literatur- und Kulturwissenschaften studieren.

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[Bild: Carolin Buchheim]