Nutten, Zuhälter und Pomade: Wie der Popstar Falco in Freiburg landete

Marius Buhl

Der beste deutschsprachige Popstar, Falco, war am Mittwochabend in Freiburg. Das heißt: Eigentlich war Axel Herrig in Freiburg. Da der aber singt und aussieht wie der berühmteste Österreicher, ist der erste Satz fast wahr. fudder-Redakteur Marius Buhl hat Falco begleitet:



Wenn Axel Herrig Falco sein möchte, schmiert er sich blauklebrige Pomade ins Haar, legt den Smoking an und schiebt sich eine dunkle Ray-Ban auf die Nase. Dann prüft er sein Aussehen im Spiegel, probt das abgehackte Österreichisch des Popstars: “Es war sieb-zehn-hun-dert-acht-zig, u-hu-nd es war in Wien, no pla-stic money any-more, die Ban-ken ge-gen ihn...” Dann beginnt die Show. Zwei Stunden mimt Axel Herrig den Falco im Freiburger Konzerthaus, trägt die alten Uniformen und lässt den größten Popstar Österreichs wieder auferstehen. Für Axel Herrig ist die Falco-Show ein zweites Leben. Sein Popstar-Leben.


Es war 1984 und es war in Köln, als Axel Herrig den Falco in sich entdeckte. Ein Freund hatte ihn zu einer Mottoparty eingeladen: “Nutten und Zuhälter”. Axel Herrig, damals Gesangstudent an der Uni Köln, erschien im Smoking, die Haare hatte er sich mit Pomade zurück gelegt. Auf der Party nahm er zwei Mädels in den Arm, "echt hübsch", wie er heute sagt, und posierte für ein Foto. Danach sagten sie: Du siehst ja aus wie der Falco.



Zur selben Zeit saß der echte Falco vermutlich in seiner Bar in Wien, dem Inkognito. Gerade hatte er sein vielleicht bestes Album veröffentlicht, "Junge Römer". An den Erfolg des “Kommisars” reichte das Album nicht heran. Und das war ja das Schlimme: Während sie um ihn herum tobten, zerbrach Falco bereits am frühen Erfolg. Das weitere Leben im Schnellabriss: Er trank, er kokste, er veröffentlichte “Rock me Amadeus” und hat damit den größten Erfolg eines deutschsprachigen Sängers in den USA, er trank noch mehr, kokste weiter, floppte, floh in die Dominikanische Republik,arbeitete am letzten Album, übersah zugekokst und betrunken einen Reisebus, er starb.

Umso verrückter ist es, dass dieser Falco an einem Mittwochabend im Jahr 2015 wieder auf der Bühne des Konzerthauses in Freiburg steht. Er rockt, er schreit, er feixt, er flirtet mit den Damen in der ersten Reihe. Sein Lächeln ist genauso schief wie damals, aus den Augen schreit der Wahnsinn.

Zusammen mit Freddie Mercury (gespielt von Sascha Lien) singt er im Musical "Falco meets Mercury". Der Plot des Stücks ist schnell erzählt: Falco stirbt, landet in einer Art Vorhimmel für Rockstars, dort trifft er auf Freddie Mercury, den Queen-Frontmann, ebenso wie Falco zu früh gestorben. Gemeinsam resümieren die beiden ihr Leben und streiten, wer den Beat zu “We will rock you”/”Rock me Amadeus” denn nun von wem geklaut hat. Als das Lied ertönt, trägt Herrig die rote Fantasieuniform, die Falco damals im Video getragen hat.

Herrigs Lieblingslied aber ist ein anderes: "Out of the dark". Er schreit den Refrain ins Konzerthaus, flüstert dann: “Muss ich denn sterben um zu leben?” Darin schwingt all das mit, weswegen Falco zum Mythos wurde: Größenwahn, Sucht nach Erfolg und meilenweite Abgründe. Falco schrieb diese Zeile kurz bevor er starb, er feilte gerade an der Liedreihenfolge auf dem Album. Hätte er den Unfall überlebt, der Erfolg des so posthum veröffentlichten Albums “Out of the dark” hätte ihn vielleicht gerettet.

Den Selbstzweifel, die Selbstliebe und auch die Selbstüberschätzung kennt Axel Herrig genauso wie Falco. Er sagt: “Natürlich ist Applaus Balsam, natürlich will jeder Kunstschaffende den Erfolg. Bleibt er aus, bleibst du traurig zurück.” Axel Herrigs Erfolg ist fest mit Falco verbunden. Nach seinem Gesangsstudium in Köln zog Herrig nach Berlin, spielte Operetten und Musicals im Theater am Kurfürstendamm. 2000 entdeckte er die Ausschreibung für ein Musical am Theater des Westens: Falco meets Amadeus. Den Falco suchten sie noch. Herrig bewarb sich mit dem alten Partybild - erfolgreich.

Mit Falco meets Amadeus schaffte er den Durchbruch. Drei Jahre lang tourte er durch Deutschland und Österreich, wandelte auf den Spuren seines Alter Ego. Weil ihm Berlin zu wild wurde, zog er nach Wien - “eine lebensverlängernde Maßnahme”.



Falco war da bereits seit fünf Jahren tot. Zu dieser Zeit als sein Double in Wien aufzutreten, grenzte dennoch an Wahnsinn. Denn dort, wo der Satz "I hoob an ja sea guad keeennt" zum Stammrepertoire eines jeden gehörte, der mit Falco zu tun gehabt haben wollte, waren sie schlecht auf Nachahmer zu sprechen. Doch als Axel Herrig auftrat, lebte Falco plötzlich wieder. “Muss ich denn sterben, um zu leben?”

Auch Ösi-Urgestein DJ Ötzi war bei einem Auftritt in Wien dabei. In einem Interview Jahre später wird er gefragt werden, wann er zuletzt geweint habe. Er sagt: "Damals, als der Herrig den Falco gespielt hat." Und auch im Inkognito mochten sie den Deutschen. Die Falco-Kneipe wurde auch zu Herrigs Stammbar. Der Wirt, von allen nur 'der Carlo' genannt, bediente einst den echten Falco, nun ist der falsche einer seiner besten Freunde.

Der falsche Falco zu sein, das fällt Herrig trotzdem nicht immer leicht. Herrig muss aussehen wie Falco, er muss sich so bewegen, viele Gesten hat er sich in alten Falco-Videos abgeschaut. Tut er das nicht, wird er unglaubwürdig. Anfang April saß er bei einem Kassler Friseur, einem Barbier, Herrig mag den arabischen Haarkult. Er erklärte dem Barbier, wie er aussehen müsse, "wie Falco eben, da darf nicht zu viel weg." Der Barbier nickte bloß, zog den Apparat und - yalla! - rasierte dem Falco einen Undercut. Herrig war außer sich, hatte Angst, nicht mehr wie Falco auszusehen. Die Maskenbildnerin muss ihm seitdem die kleinen Härchen an der Seite mit extra viel Gel anpappen, sonst stehen sie ab.

Auch die Sprache bedarf viel Aufwand, zumal wenn Falco in Österreich auftritt. Auf einem von Herrigs Shows war auch Niki Lauda. Der hatte damals den Leichnam Falcos aus der Dominikanischen Republik nach Österreich geflogen, Lauda und Falco waren Freunde. Laudas Kommentar zum Falco-Double: "I hoob an ja sea guad keeennt. Des 'L' hot er aber ganz anders g’sprochn als der Herrig, der spricht ja ein Meidlinger 'L', des hot der Falco aber nie." Meidlingen ist ein Stadtteil von Wien. Man könnte sagen, dass ein Deutscher, der ein Meidlinger 'L' hinkriegt, seine Sache ziemlich gut macht. Niki Lauda sah das etwas anders, auch wenn er "im großen und ganzen zufrieden" ist mit Herrig.

Der Grat, auf dem Herrig wandelt, ist ziemlich schmal. Er darf nicht zu weit vom Original entfernt liegen, eins zu eins kopieren darf er aber auch nicht. Er muss den Falco schon mit eigenem Leben füllen. Nennt man Herrig einen Imitator - oder gar Doppelgänger - ist er beleidigt.

Was aber hält Herrig selbst von Falco? "Im Grunde war er scheu", sagt er. "Als Hans Hölzel, wie Falco richtig hieß, war er ein schüchterner Mann. Im Inkognito hat er sich manchmal einen Sichtschutz aufstellen lassen, damit niemand ihn sieht. Irgendwann schmierte er sich Gel in die Haare, zog einen Smoking an und verhielt sich wie ein präpotentes Arschloch." Im Grunde, sagt Herrig, sei Falco nur eine sehr gut gespielte Rolle gewesen. Nur, dass Hans Hölzel aus ihr nicht mehr herauskam.

Axel Herrig hat es da leichter. Wenn er den Falco ablegen möchte, zieht er den Smoking aus, wäscht sich die Haare und tauscht Ray-Ban gegen Nickelbrille. Er trinkt dann einen Whiskey aus einem Plastikbecher, schlüpft in eine Daunenjacke und bindet sich seine Sneakers. Nur manchmal, so sagt er, findet er den Falco dann an der Hotelbar wieder.