Niklas Czeranski erzählt "Vom Glück in Freiburg"

Simone Harre

"Vom Glück in Freiburg" - so heißt ein neues Buch, das die in Köln lebende Freiburgerin Simone Harre (unten links) in diesen Tagen im Emons Verlag veröffentlicht hat. In 21 Porträts erzählen Menschen aus Freiburg, was sie bewegt - und was für sie Glück ist. Wir haben eine Leseprobe für Euch: Niklas Czeranski (Foto oben), Sänger der Freiburger HipHop-Band "Gonzales La Familia" erzählt seine Geschichte:



Gonzales La Familia steht ganz groß an der Wand über dem Sofa, auf dem Niki sitzt. Der Bandname. La Familia – die Familie, die Bande. Ein Haufen befreundeter Jungs, die Spaß an HipHop haben. Gonzales weil, ach, niemand weiß mehr so genau, wie es dazu kam. Eine Blödelei, Brainstorming: "Komm, wir nennen uns Franz Beckenbauer. – Ach komm, wir nennen uns Gonzales – Ja, Gonzales, cool." Wie es halt so läuft.


Auf Facebook bin ich auf die Band aufmerksam geworden, weil jemand ihren Song "Ein Platz an der Sonne", eine gesungene Hommage an Freiburg, gepostet hatte. Und da sitze ich nun. Im Tonstudio der Band unweit der Dreisam. Mir gegenüber ein junger Mann, aus dem der Enthusiasmus nur so heraussprudelt. Ich bin sehr angenehm überrascht.

Andererseits: Was habe ich denn erwartet? Einen Jungen in Müffelklamotten mit übernächtigten Augen vom letzten Gig und keinem Plan vom Leben? Ich tadle mich selbst. Denn Niki hat ganz offensichtlich einen Plan vom Leben. Er studiert in den letzten Zügen BWL und Soziologie, ist voller Dynamik und weiß, was er will – auch, was er nicht will – und hört in seiner Freizeit gerne klassische Musik. So mal grob zusammengefasst.

Auch in der HipHop-Kultur geht das Leben seinen Gang. Die Mitglieder der Band, alles ehemalige Freiburger, leben inzwischen in Stuttgart, Karlsruhe, Heidelberg, in der Schweiz und auch in Freiburg. Sie haben zwei Alben herausgebracht, ein paar Hallen gerockt, regional Ruhm erlangt und feiern dieses Jahr schon ihr zehnjähriges Bandbestehen. Sie sind stolz auf sich. Sie entwickeln sich. Und ganz wichtig: Sie lieben sich. Der HipHop und lang währende Freundschaften haben sie vor langer Zeit vereint. Und, wow, ganz besonders grandios: Auch das Freiburger ZMF hat die Tore für Gonzales La Familia geöffnet (fudder-Review des ZMF-Konzerts).

"Für mich ist das so der Bandhöhepunkt!", sagt Niki. Er freut sich und kann es noch gar nicht so recht begreifen. Vergangenes Jahr schon haben sie den Konzertsaal im Waldsee gefüllt, "brechend voll war die Bude". Fünfhundert Leute, die mitsangen und applaudierten, Leute, die danach meinten, es sei einfach geil gewesen. Leute, die sagten, dass die Jungs so charismatisch seien. Dass sie Ausstrahlung hätten. Weiter machen sollten. "Das gibt ein gutes Gefühl", sagt Niki froh. Ein Gefühl von: "Man kann was, und man ist wer!"

Die Jungs haben bewiesen, dass die Band kein jugendlicher Leichtsinn ist. Sein zu dürfen, wie man sein will, sich nicht verstellen müssen, authentisch sein, die Freundschaft untereinander spüren, das macht sie glücklich. Und auch das: „Wir haben uns ein Stück weit unsterblich gemacht. Es gibt einfach Lieder und Videos von uns. Und wenn ich mal tot bin, gibt’s die immer noch.“

Aber, sagt Niki, die Jungs seien sich bewusst, dass ihre Musik eine temporäre Geschichte ist. Oder eben: Hobby! Zwar würde im Moment keiner auf die Idee kommen, die Band aufzulösen, aber Niki glaubt , dass es mit der Musik in den nächsten Jahren vorbei sein wird. Leider. "Vielleicht noch so zwei, drei, vier Jahre ein bisschen rumbasteln, und dann wird das wahrscheinlich von anderen Dingen abgelöst werden."

Früher wollte ich Rapstar werden. Heute will ich Frau und Kind

Aber HipHop ist ja auch nicht alles im Leben. Für das ZMF- Festival, erzählt Niki, hätten sie getreu dieser Überlegung einen Flyer gedruckt mit dem Satz: "Früher wollte ich Rapstar werden, heute will ich Frau und Kind.« Eine Zeile aus einem Liedtext. Niki ist sich da einfach sicher: Sie alle sind aus gutbürgerlichem Hause und werden da wohl auch alle irgendwann landen.

Man wird sehen. Niki ist auf jeden Fall offen für das, was die Zukunft bringt – wird aber, als er das sagt, direkt eine Spur leiser. Nachdenklich. Die Zukunft ist ein ernstes Thema. Vor allen Dingen rückblickend. Wenn man das so sagen kann. Denn Nikis Weg war gar nicht ganz so gerade, wie es den Anschein haben mag. Besonders nach dem Abitur gab es eine Zeit der Orientierungslosigkeit und massiven Angst. Angst vor der Zukunft.

Das Gefühl von Druck. Das Gefühl, gelähmt zu sein.

"Ich wusste überhaupt nicht, wer ich bin. In dieser Zeit, in der ich lebe. Wo will ich wirklich hin, und was wird von mir erwartet und vor allen Dingen: Was erwarte ich von mir?" Und dann die Öffentlichkeit, der politische Diskurs, fährt er fort. "Wie wird es morgen sein? Keiner kann's dir sagen. Die Grenzen verschwimmen."

Dabei schien erst mal alles klar. Niki wollte Mediziner werden. In einem Hamburger Krankenhaus begann er in der Krankenpflege zu arbeiten. Als Einstieg quasi. Aber das habe sich irgendwie nicht richtig angefühlt, zumindest anders als erwartet.

Es war außerdem die Zeit der Gesundheitsdiskussion und der Medizinerstreiks. Viele Ärzte haben zu ihm gesagt: "Nee, mach das nicht, studier nicht Medizin, du sitzt so viel vorm Computer, du kriegst wenig Kohle, du arbeitest die ganze Zeit." All das negative Feedback, dem er nichts entgegenzusetzen hatte, sein Unvermögen, die Situation gefiltert zu betrachten, und die Unfähigkeit, in dem jungen Alter schon eine so weitreichende Entscheidung zu treffen, haben letztlich dazu geführt, dass er nicht zu sagen vermochte: "Egal, das ist mein Lebensweg." Und so kam es, dass die Medizin, das lang gehegte, solide, klare Ziel, so mir nichts dir nichts aus Nikis Lebensplan verschwand.

Doch was nun? Keine Ahnung. Niki fand sich nicht mehr zurecht. Die aufkommende Leere in sich füllte er mit diversen Jobs und Praktika. Aber immer hatte er das Gefühl: Die anderen führen ein geregeltes Leben, kommen voran, wissen, was sie wollen, da bewegt sich etwas. Nur bei ihm geschah nichts. Es ging ihm immer schlechter, und immer verfolgte und quälte ihn dieser Ideallebenslauf: "Abitur, Uni, Ausland, lernst drei Sprachen, arbeitest nebenher noch in irgendeinem Unternehmen, steigst in den Beruf ein, verdienst Kohle, gründest eine Familie." Punkt.

"Aber so geht das doch ganz vielen", werfe ich ein.

"Ja", sagt Niki, das habe er dann auch irgendwann rausgefunden. Später. Nach zwei Jahren Verzweiflung. "Und es hat auch gedauert, bis ich erkannt habe, dass der größte Erwartungsdruck von mir selbst gekommen ist." Aber bis dahin: Nur Durcheinander in seinem Kopf, angestaute, unklare Gefühle. Nicht einmal die Musik vermochte ihn in jener Zeit wieder in seine Mitte zu bringen. Das Gefühl der Orientierungslosigkeit habe einfach kein Auffangbecken gefunden. "Ich war wirklich sehr unausgeglichen."

Irgendwann verwandelte sich die Verzweiflung jedoch in Wut. "Jetzt muss echt mal was passieren!", habe er sich gesagt, wieder beide Beine auf den Boden gestellt und: sich einfach an der Uni eingeschrieben. Volkswirtschaftslehre. Ein bisschen voreilig. Es war nicht das Richtige. Zu theoretisch. Zu mathematisch. Brauchte es wirklich schon wieder einen anderen Studiengang? Ja. Brauchte es. Es folgte die Betriebswirtschaftslehre. Und Soziologie. Und endlich: "Das war das Richtige. Damit bin ich jetzt super zufrieden."

Plötzlich lief auch wieder alles: gute Leistungen, ein Stipendium in Aussicht und richtige Pläne für die Zukunft. Managementforschung, Institutionenanalyse, Marketing et cetera...  Aber so genau lasse sich das noch gar nicht festlegen, und genau das sei gut so. Der Flow.

"Erst habe ich gelernt: Das will ich nicht. Und dann irgendwann: Das will ich. Und mittlerweile ist es manchmal auch gar nicht mehr so wichtig, was ich mache, sondern ich besitze dann einfach die Willenskraft und die Motivation zu sagen: Das hört sich ganz gut an, vielleicht ist es nicht perfekt, aber ich probier das jetzt aus. Und wenn es läuft und es mir gefällt, dann mach ich das weiter."

In dem Punkt sei er offener geworden. Gleichzeitig zielstrebiger. "Es gibt doch so plumpe Sprichwörter wie: Ohne Regen kein Sonnenschein. – So ist es mir ergangen. Erst war Regen, jetzt ist wieder Sonnenschein." Und es höre sich vielleicht dumm an, aber nun könne er seinen Enkeln was erzählen. "Ich sage denen nicht: Ich habe Abi gemacht, und dann bin ich halt studieren gegangen." Nein, er wird von seinen Umwegen erzählen, davon, wie sich eine Berg- und Talfahrt anfühlt und wie man die Bergspitze erreichen kann, also dieses: "Hey, da bin ich jetzt einfach mal rausgeschwommen, und es hat funktioniert, und ich lebe noch."

Klar, manchmal denkt er, er hätte die Zeit besser nutzen können, aber er weiß, dass er etwas gewonnen hat, etwas, das ihn auch im Alltag glücklicher macht. Und wenn es nur kleine Alltagsbegegnungen seien, sagt Niki, "wo ich einfach glücklich bin, mein Leben zu leben, meine Familie und Freunde zu haben, dass die mich unterstützen, wenn es mir schlecht geht und dass ich weiß, dass ich für mich so vorankomme."

Von nun an jedenfalls will er versuchen, immer neue Dinge auszuprobieren und keine Angst mehr vorm Scheitern zu haben. Im beruflichen wie im privaten Bereich. "Es gibt so einen Solotrack von mir", sagt Niki, "This is it", wo ich im Schluchsee stehe und singe: "Ich möchte nicht mehr zittern müssen, ob auch alles richtig ist." Genau das sei es, "so eine Ruhe im Herzen haben ... Ich glaube, dann ist man schon glücklich."

Verlosung

"Vom Glück in Freiburg": Wir verlosen drei Exemplare des Buchs. Wer gewinnen möchte, schickt eine E-Mail mit seinem Namen, seiner Adresse und dem Betreff  'Freiburg-Glück' an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Freitag, 6. September 2013, 12 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt.

Lesung

Was: Simone Harre liest aus "Vom Glück in Freiburg"
Wann: Sa, 14. September, 17 Uhr
Wo: Kirchzarten, Fancy Farm (Am Pfeiferberg 4)

Mehr dazu:

  • "Vom Glück in Freiburg" ist ab sofort im Emons Verlag erhältlich (256 Seiten, Preis: 12.90€). In 21 Porträts erzählen Freiburger jeden Alters, vom Briefträger
    bis zum Oberbbürgermeister, was sie bewegt, was sie zu dem gemacht hat, was sie
    sind, und vor allen Dingen: was für sie Glück ist.
  • Die Autorin: Simone Harre wurde 1971 in Freiburg geboren, studierte Germanistik, Theater-Film-Fernsehwissenschaften in Erlangen und Köln, ist Mutter zweier Töchter (7 und 14 Jahre) und arbeite als Autorin und Biografin. Seit 2009 interviewt sie Menschen zum Thema Glück in langen, offenen, sehr intimen Gesprächen. Das erste Buch, selbstverlegt und geschrieben zusammen mit ihrer damaligen Kollegin Nicole Roewers, gewann den BOD-Autorenaward 2011 (Jede Menge Glück). Danach erschienen im Kölner Emons-Verlag: Vom Glück in Köln (2013) und Von der Liebe in Köln (2013). Die Freiburger nach dem Glück zu fragen, war für Simone Harre "ein Nachhausekommen in die Heimat, ein Neuentdecken mit Abstand und neuer Liebe".