Nightlife-Guru: Weihnachtsmarkt an Unterlinden

Nightlife-Guru

Kein Château Migraine, dafür Typen, die nach einem Mon Chéri zum Berserker mutieren: Unser Nightlife-Guru mit seinem Bericht vom wochenendlichen Weihnachtsmarkt an Unterlinden. Beschaulicher Glühwein-Groove, untermalt von Diana Kralls längst vergessenem Vanillekipferl-Jazz.



Draußen vor der Tür

… ist es arschkalt und ich habe meinen Schal bei ’nem One Night Stand vergessen. Bei Minus 273 Grad Celsius herrscht keine Teilchenbewegung mehr. Falls die H1N1-Viren die Schweinekälte überleben, bleiben uns nur mehr zwei Jahre. Kalte Luft aus dem Osten, heißt es. Nie hat man sich den Eisernen Vorhang so sehr zurückgewünscht.

Inneneinrichtung / Deko

Das Übliche: Spanplattenbüdchen in Knusperhausoptik, Nadelgestrüpp und Lichterketten, spacig-blaue Leuchtkugeln, Sterne, Nikoläuse und Engelchen. Stimmig: Weinfässer, die als Stehtische fungieren.



Wer war da?

Nicht nur im nahegelegenen Edeka gibt es junges Gemüse und Frischfleisch. Wer gedacht hat, Glühweinstände seien Ü-30ern vorbehalten, wer Heuboden-Hotties und Dorfhock-Honks erwartet, wird enttäuscht. Natürlich tratschen altgediente Büro-Soldier in breitem Alemannisch über die Sextravaganzen der neuen Sekretärin; aber auch Azubis suchen im klebrig-heißen Suff betriebsferne Abwechslung und Studis, die ansonsten im Alten Simon müßig gehen, passen sich der Jahreszeit an und wechseln von herbstlichem Rot- auf winterlichen Glühwein.

Was die Klamotten anbetrifft, macht die Kälte alle gleich. Nur manche sind gleicher und tragen vom Scheitel bis zur Sohle Funktionsbekleidung, die zur Besteigung des Mount Everest entwickelt wurde. Zum ersten Mal bin ich neidisch, befürchte ich doch, mir in meinen Sommer-Sneakers Messner-mäßig die Zehen abzufrieren.



Partyatmo & Klangwaren-TÜV

Trotz der Minusgrade herrscht Heiterkeit. Wem der Kiefer noch nicht festgefroren ist, wer noch zu lächeln vermag und seine Augenbraue noch hochziehen kann, kommt hier leicht mit dem anderen (oder auch gleichen?) Geschlecht ins Gespräch. Das Wetter bietet ein dienliches Smalltalk-Sujet; der Heiß-Alk bringt die Körpersäfte zum Brodeln und macht die vorweihnachtliche Prüderie vergessen. Après-Ski-Routiniers sind klar im Vorteil.

Freilich geht’s teils auch viel harmloser zu: beruflicher Weihnachtsumtrunk, frost-fröhliches Beisammensein, romantische Abendunternehmung mit dem Herzenspartner. Insgesamt ist die Stimmung trotz des C2H6O-Overkills sehr entspannt.

Und: Jauchzet, frohlocket! Es läuft nicht jene unerträgliche Weihnachtsmucke, die ich letztens noch bei heißen Maroni in Padua (!) gehört habe. Ich bekenne: Ich bin ein Zuckowski-Muffel. „Last Christmas“, „White Christmas“, „Let It Snow” – OK. Meinetwegen auch Diana Kralls längst vergessener Vanillekipferl-Jazz („Christmas Songs“) oder Bob Dylans frisch gebackener Spekulatius-Folk („Christmas in the Heart“). (Geschmacks-)Nervtötende Weihnachtsbäckereien gehen mir aber genauso auf den Keks wie Kerners Jahresrückblick und die ZDF-Spendengala zusammen.



Catering

Eine Stammgästin weist mich ein: Der Glühwein der Alten Wache sei weit und breit der beste; anderswo würde man nur übersüßten Fusel bekommen. Ich solle unbedingt auch den Weißen probieren. Ich bedanke mich bei der symbadischen Kunstblondine und folge ihrem Rat. Der Weiße ist nicht mein Ding, der Rote umso mehr. 3 Euro die Tasse, da kann man nicht meckern, zumal die Qualität wirklich ungewohnt hoch ist. Kein Château Migraine, sondern süffiger Adventstrunk – verkauft von charmanten Glühweinprinzessinen.

Z’Fresse gibt’s nebenan. Natürlich verschiedene Bratwürste (3 EUR); besonders aber die Badische Schlemmerpfanne (4,50 EUR), eine Art badischen Döners mit Schweinefleisch vom Faller (Holzhausen).



Auf dem Klo um halb Acht

The place to pee: „Bei Gundi“ um die Ecke. Hier zünden sich Stammgäste schweigend ihre Pfeife an, der Bierdunst rückt den Geruchssinn wieder zurecht und der Chef lässt Glühweinselige lakonisch zur Toilette taumeln.

Aufregerle

Wer nicht trinken kann, sollte es lassen. Ich hab' keinen Bock mehr auf Typen, die nach einem Mon Chéri zum Berserker mutieren. So zum Beispiel jener Asi-vor-dem-Herrn, der meinen Kumpel zuerst brutal bodycheckt und dann enthemmt anschreit. Solch selbstkontrollamputierten Ballermännern sollte besser kein Winter-Sangría ausgeschenkt werden.

Außerdem: Der Boden klebt, als befände man sich im Darkroom des Berghain und auch die Tasse hat ordentlich Grip. Irgendwie eklig und erst nach dem fünften Glühwein egal.



Mitleiderregerle

Das Mädel an der Tassenrückgabe ist so verfroren, dass ihr die 1,50 Euro Pfand herunterfallen, die sie mir gerade noch in die starre Hand legen wollte. Ihr täte es leid, nein, alles ihre Schuld, wie hatte das passieren können, etc. Sie ist total von der Rolle, so dass ich befürchte, ihr kommen gleich die Tränen. Ich sammle die Münzen vom Boden auf und beruhige sie. Weininduziert denke ich: Komm mit! Bei mir kannst du dich wärmen! Und ich mach’ alles wieder gut.



Fazit

Wenn Glühwein, dann Alte Wache. Die Qualität ist okay, das Kulinarische top notch und der schnuckelige Unterlinden-Weihnachtsmarkt eine besinnliche (und eventuell: erregende) Abwechslung zum überfrachteten Einheitsgedöns auf dem Rathausplatz.

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