Nightlife Guru: Superbrain im White Rabbit

Nightlife-Guru

Worüber brütet das Superhirn? Findet es einen musikalischen Sinn? So ganz konnte man sich da nicht sicher sein. Dennoch kamen Beat-Bazis, Krypto-Burschenschaftler, Rocker, Eheleute und der Nightlifeguru in den Hasenstall, um die Vorstellungskraft von Syrtaki und Co zu prüfen.



Einlass

Eintritt: Drei Euro. Für diesen Betrag darf man in den meisten Ibizaclubs noch nicht einmal vorsprechen. Der Stempel ist riesig! Mit seinen 5 x 10 cm zieht er sich über mein gesamtes – zugegeben schmales – Handgelenk.

Einrichtung & Deko

Das Kellergewölbe, in dem der Hasenbau untergebracht ist, rangiert größenmäßig zwischen der Weitläufigkeit des Jazzhauses und der Intimität des Ruefettos. Zünftige Holzmöbel treffen auf innovatives Retro-Design und geben dem White Rabbit ein originäres Charisma.

Vom DJ-Pult aus schickt eine gläserne Plasma-Kugel ihre blauen Blitze ins Halbdunkel; auf die nackte Wand einer abgelegenen Nische wird in Endlosschleife ein Video-Clip projiziert, in dem eckige Ghettoblaster und kreisrunde Afro-Looks die Geburtsstunde des Hip-Hop zelebrieren.

Klangwaren-TÜV & Party-Atmosphäre

Obwohl unterirdisch gelegen, ist das White Rabbit längst kein undergroundiger Geheimtipp mehr. Regelmäßig treten hier unangepasste, aufstrebende Bands verschiedenster Couleur auf; Veranstaltungen wie die Deep Station locken Liebhaber elektronischer Musik in den Club.



Heute Abend sind die DJs der Beats’N’Tronic Radioshow zu Gast, die jeden 1. und 3. Freitag im Monat auf Radio Dreyeckland verspielte bis verstörte Beat-Produktionen vorstellen. Der im Stile einer musikalischen Phrenologie gestaltete Flyer führt in die Irre: Wer sich auf Phil Collins, UB40 oder Beck gefreut hat, soll vom Superbrain bitter enttäuscht werden.



Gegen Mitternacht eröffnen zwei Mädels die Tanzfläche und gratulieren mit ihren 80er-Jahre-New-Wave-Bewegungen Madonna zum Fünfzigsten. Aus den Lautsprechern scheppert indes bodenständiger Hip-Hop alter Schule. Abgesehen von den BNT-DJs Uncut, Matt Kirby, Syrtaki und Phonik, die ihre Corporate Identity durch eigene T-Shirts unterstützen, stehen Mnemotrauma, Zoo.TV und Jasselection hinter den Plattentellern oder sitzen auf der Couch daneben.

Die Vielfältigkeit des Line-Ups spiegelt sich in der Musikauswahl wider: Old-School-Klassiker wie „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang werden von straightem Westcoast-Rap à la Cypress Hill („Insane in the Brain“) gefolgt.



Noch vor 1 Uhr ist der Laden brechend voll. Ausgelassen werden Bewegungsabläufe auf dem Parkett vollzogen, welche die ersten Video-Clips der Fantastischen Vier in Erinnerung rufen.

Unsicher reagiert das Publikum, wenn die DJs die Musikstile zu wild und zusammenhangslos aneinanderreihen und Diana Ross („Upside Down, gähn“) direkt neben Dr. Dre und Snoop Doggy Dogg („Nuthin’ But A G Thang“) stellen. Das BNT-Team versöhnt die Tänzer allerdings sofort mit Linval Thompsons Kiffer-Hymne „I Love Marijuana“. Spätestens jetzt steigt mir der süßliche Weihrauch der Church of Reggae in die Nase.

Die teilweise brüchigen Übergänge zwischen den Liedern beschwören jene Ära herauf, die vor der Erfindung des Crossfaders durch Grandmaster Flash zu verorten ist. Ohne dabei groß Anstoß zu erregen, wird so nostalgisch den Blockpartys der frühen 70er Jahre die Ehre erwiesen.

Selbst als gegen 2 Uhr für geschlagene 20 Minuten unvermittelt Elektro aufgelegt wird, gönnt sich das feierwütige Tanzvolk keine Pause und wacht aus seiner Trance erst auf, als pünktlich um 3 Uhr die Lichter angehen.



Wer war da?

Die Clique um die BNT-DJs scheinen die einzigen echten Hiphop-Heads zu sein, die – erkennbar an ihren New-Era-Caps – den Weg ins White Rabbit gefunden haben. Eine Handvoll Medizinstudenten bereitet sich – Zitat – aufs Examen vor; Esteban, ein mit Hut und Samtsakko bekleideter Argentinier, der seit vier Jahren in Berlin wohnt, besucht seine Freiburger Kumpels; ein paar Krypto-Burschenschaftler tragen ihre blauweißgestreiften Tommy-Hilfiger-Hemden zur Schau und grölen unverständliche Trinksprüche.

Die meisten hat wohl weniger ihre Liebe zum Hiphop hier hergeführt, sondern der legitime Wunsch, gut zu feiern. Zwei langhaarige Rocker mit schwarzen Muskelshirts haben auf ihrem Heimweg von Wacken nach Lörrach die Ausfahrt verpasst und bereichern die Nacht mit intensivem Headbanging; ein paar Meter weiter, an den Tresen, knutschen zwei hübsche Lesben miteinander.



Catering

Nur schwer meistert die Bedienung den großen Andrang der Durstigen. Es wird viel getrunken heute Nacht, egal ob Bier (klein: 2 €; groß: 2,50), Shots (2 €), Vodka Lemon (4 €) oder Vodka Bull (6 €). Ein Ghanaer setzt sich neben mich, bestellt ein Riegeler Landbier und wird zum ersten Mal in seinem Leben mit einem Bügelverschluss konfrontiert. Ich helfe ihm und wir stoßen an. Wie heißt „Prosit“ in Akan?

Auf dem Klo um halb Vier

Wer im White Rabbit größere Geschäfte verrichten möchte, sollte sich ein paar Lagen Toilettenpapier und ein Vorhängeschloss mitnehmen. Wer nur pinkeln will, kann sich an jenem Zeitgenossen ein Beispiel nehmen, der – ich stolpere gerade nichts ahnend Richtung Kabine – ohne seiner Erleichterung Einhalt zu gebieten, munter zwischen den Pissoirs hin und her wechselt. Die Putzfrau wird sich freuen.



Aufheiterle

Zum Lachen gibt’s auf solch rauschhaften Veranstaltungen immer viel. Zum Beispiel jene sechs Bayern, die in vollständiger Landestracht, mit Lederhosen und Haferlschuhen, bis 1 Uhr morgens am Tisch direkt neben der DJ-Kanzel verharren. Einer jener Beat-Bazis hat wohl entweder zuviel Augustiner intus oder empfindet die profunden Hiphop-Bässe schlichtweg als einschläfernd – er hält, zur Erheiterung seiner Spezis, ein Mitternachtsnickerchen.



Fazit

Eine gute Feier mit guter Musik und guten Leuten in einer guten Location. Wenn die BNT-Crew ihr DJ-Set das nächste Mal ein bisschen durchsichtiger aufbaut und dabei den Crossfader in ihr Programm aufnimmt, könnte das Superbrain gerne häufiger seinen Intellekt unter Beweis stellen.