Nightlife-Guru: Streetart-Party in der Jackson Pollock Bar

Nightlife-Guru

Streetart, Live-Musik und Trüby in der Jackson Pollock Bar, und das Ganze auch noch zu Gunsten der AIDS-Hilfe Freiburg: das wollte sich unser Nightlife-Guru am Mittwochabend natürlich nicht entgehen lassen.





An der Tür

Ich zahle die üblichen 3 Jackson-Pollock-Euro, werde abgestempelt und darf die Schranke passieren. Unglaublich: zum Preis von ’nem Döner gibt’s heute Abend Streetart, Live-Music und Trüby. Möglich nur, weil es sich um eine Benefiz-Veranstaltung handelt. – An alle Freiburger Nachtmacher: Bitte öfter mit der AIDS-Hilfe zusammenarbeiten!

Inneneinrichtung & Deko

Drei Jahre nach seiner Gründung ließ sich das „Performanceunternehmen für Theorieinstallationen“ 1996 als Bar unterhalb des Stadttheaters nieder. Hinter der langen Theke hängt ein gigantisches Action Painting – kein echter Pollock, sondern die mittlerweile dritte, vom Bar-Mitbegründer Christian Matthiessen geschaffene Hommage an den Namenspatron der Location. Oberhalb des Tresens hängen Kandelaber, über der Tanzfläche die obligatorischen Diskokugeln. Ansonsten gibt sich der dunkel gehaltene Ort eher karg und unprätentiös.



Heute gestaltet sich das Ganze ein wenig farbenfroher. Zusammen mit dem Stadttheater und dem Großen Meyerhof veranstaltet die Galerie Springmann derzeit das „Tomi Ungerer Festival der Zeichner“ und hat dazu prominente Cartoonisten und Graffiti-Künstler an die Dreisam gebracht. Teil dessen ist die „Streetart Party“, auf der ich mich gerade befinde.

Ab 21 Uhr haben die geladenen Graffiteure in einer Live-Performance die Schaukästen der Theaterpassage verschönert. Enttäuschend die einäugigen Schmetterlinge des Münchners WON (ABC). Entweder er ist nicht fertig geworden, oder er hatte einfach keinen Bock mehr: Die blauen Outlines des Character-Bajuwaren machen den Eindruck, lustlos an die Wand geklatscht worden zu sein.



Umso fetter kommen die Buchstaben des Berliner BAS2 (GHS) rüber. Seinem etwas unsauberen Strich merkt man das Bombing, das schnelle, nächtliche Auftragen großer Lettern, an unmöglichsten Stellen an. Er ist kein Techniker, kein graziler Dosenkünstler, sondern aggressiver Writer alter Schule. Und bringt mit seinem Style ein wenig Großstadt-Flavour in die Provinz.



Gleich daneben: Stefan „what-the-fuck-is-heimat“-Strumbel, den weder Schwarzwaldverein noch Viererbund davon abhalten konnten, seine fliederfarbenen Kuckucksuhren anzubringen. Unterhalb jener Sprühlackfolklore winden sich von links nach rechts Buchstaben, die so unverkennbar sind wie ein Damenduft von Issey Miyake: LOOMIT.



Die Münchner Legende. Verheiratet, zwei Kinder und immer noch top notch of international writing. Ich bin aus dem Häuschen und studiere das zerdehnte, verdrehte 3-D-Piece. Wenn mich nicht alles täuscht, sehe ich den Großmeister später in einem der Schaukästen sitzen. Als ich ihn vor einigen Jahren das letzte Mal traf, hatte er noch lange Haare. Jetzt sind sie – bürgerlich – kurz. Der bekannte Basler Sprayer SMASH 137 steht zwar auf dem Flyer, nicht aber an der Wand. Schade. Hatte mich schon so auf ihn gefreut.

Wer war da?

Bei aller Reserviertheit der Galerie Springmann gegenüber: Sie bewegt was und bringt Künstler, Kunstinteressierte und Geldbürger zusammen. Dem eklektischen Kunstprogramm der Veranstalter entsprechend ist auch das heutige Publikum äußerst heterogen.



Für Aufsehen sorgt Tigerenten-Janosch (Bild oben, Dritter von links), der mit dem Freiburger Hühnercartoonisten Peter Gaymann abhängt und – schaut mal alle her! – vom Galeristen Henrik Springmann geherzt wird. Natürlich ist Jackson-Pollock-Head Christian Matthiessen mit von der Partie und auch Atai Keller, Stadtrat der Kulturliste, lässt es sich nicht nehmen, bei badischem Wein von Freiburg als Kulturhauptstadt 2020 zu träumen. Stefan Strumbel versucht unauffällig aufzufallen und wird von einer Traube weiblicher Groupies umringt: „Stimmt es, dass Karl Lagerfeld eine deiner Kuckucksuhren besitzt?“ Und schon erstrahlt der Offenburger im Lichte des Sonnenkönigs.



Ansonsten: Älteres, betuchtes Bildungsbürgertum, das davon träumt, Springmann endlich ’nen Matisse abkaufen zu können; verdienende Schnösel, die aussehen, als wollten sie nachher noch Käfers Wiesn-Schänke einen Besuch abstatten; Waldsee-Kamikaze-Pollock-Gänger; HipHopper in Hoodies, Baggies und B-Ball-Sneakers; verspulte Künstler und gleichgültige Studenten. Und: drei Mädels, die verkrampft versuchen, Punks abzugeben – Vollglatze, bunten Iro, schwarze Mähne. Für jeden was dabei.

Partyatmosphähre und Klangwaren-TÜV

Abseits von Root Down und Presseball ist Rainer Trüby selten an Freiburger Turntables anzutreffen. Das liegt wahrscheinlich weniger an seiner hohen Gage, als viel mehr daran, dass der DJ und Produzent am Wochenende unablässig in aller Herren Länder unterwegs ist. Heute spielt er für lau, handelt es sich doch – Stichwort: Freiburger AIDS-Hilfe e.V. – um einen guten Zweck, und ist’s doch unter der Woche.



Trüby fängt downbeatig an und sorgt zunächst für wohliges Ambiente. Mit der Zeit wir sein Sound härter – zwischendurch hört sich’s gar nach Disco-House à la 18 Months an! Nichts für ungut: Am Samstag besteht im Waldsee die Möglichkeit zu jazziger Wiedergutmachung.



Unpassend kommt mir der halbstündige Auftritt der Springmann-Band Eat the Rich vor, denn: Wenn etwas nicht zu Streetart passt, dann Heavy Metal. Die nach einem Motörhead-Titel benannte Combo spielt zwar zu laut, aber objektiv gesehen nicht schlecht. Der Galerist verdingt sich souverän an der Lead-Gitarre, und wenn die Jungs einen Sänger hätten, könnte man glatt gefallen an ihrem harten Billy-Jean-Cover finden. Nur: if we ate the rich, who’d buy your art?



Trüby hin, Live-Band her – es will keine rechte Stimmung aufkommen. Vielleicht, weil wer rosafarbene Kuckucksuhren kauft, morgen wieder um spätestens Sieben auf der Matte stehen muss; vielleicht, weil das Konzept „Graffiti-House-Metal“ nicht aufzugehen scheint. Gegen Eins tanzt schon nur noch ein knappes Dutzend; um kurz vor Zwei ist endgültig Schicht.

Auf dem Klo um Mitternacht

Irgendwie riecht es hier… scheiße. Irgendwer vertreibt sich die Zeit aufm Pott, indem er die Kabinentür als Bass-Drum missbraucht und mit dem Mund Snare und Hi-Hat nachahmt. Muss man hier erst den Abort aufsuchen, um den richtigen Soundtrack zur Streetart geliefert zu bekommen?

Aufmerkerle

Um kurz nach Zwölf macht sich ein bekannter Freiburger Writer am letzten, noch weißen Schaukasten zu schaffen. Routiniert zeichnet er mit seinem schwarzen Marker ein B-Boy-Character mit Schiebermütze und Ghettoblaster. Die Security bekommt Wind davon und benachrichtigt die Polizei. Personalien werden aufgenommen, der Verantwortliche der Jackson Pollock Bar auf den Plan gerufen, Henrik Springmann herbeigeholt. Die Herumstehenden finden das spontane Throw-up cool, können die Aufregung nicht verstehen.



Nun gut: Die Aktion war nicht geplant und die grundierte Wand sollte vielleicht blank bleiben. Andererseits: Wenn man sich fett Graffiti auf die Fahne schreibt, sollte man auf die Urform des Writing kompromissbereit, nicht spießbürgerlich reagieren. Alles andere führt unweigerlich zur Einbuße von Authentizität und muss sich den Vorwurf der Bigotterie gefallen lassen. Im New York der 60er Jahre waren derartige Happenings an der Tagesordnung. Robert Rauschenberg würde sich im Grabe umdrehen.

Fazit

Die Galerie Springmann, das Stadttheater und die Jackson Pollock Bar bewegen und bereichern Freiburgs Kunst-, Kultur- und Partyszene. Wenn jetzt noch an PR und Konzept gefeilt wird, geht’s steil bergauf. Ick freu mir uff mehr!

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