Nightlife-Guru: Slawistenparty im KGB

Nightlife-Guru

Die Personalpolitik von KGB-Chef Vural "hire and fire" Koca steht nicht unbedingt im Ruf, besonders fair zu sein. Und auch in Sachen Ice Bar erwies sich der Wodkamann eher als Ankündigungsweltmeister. Ein Grund mehr für den Nightlife-Guru, sich die Slawistenparty am Samstag im KGB etwas genauer anzusehen.



An der Tür

„Priwet. Kak dila?“ frage ich Wladimir Klitschko, der heute Abend zusammen mit seinem Bruder Vitali hinter der Kasse steht. „Horoscho,“ antwortet Wlad, bietet mir aber wider Erwarten keine Milchschnitte an. „Normal 6, ermäßigt 5,“ lässt Vitali vernehmen – und ich entscheide mich für letzteres. Die wortkargen Boliden sind cool, humorvoll und nehmen sich selbst nicht allzu wichtig.



Inneneinrichtung / Deko

Die KGB-Bar ist seit ihrem Umzug in verwinkelten, gänzlich rot gestrichenen Kellerräumen untergebracht. Ein Séparée links vom Eingang und lauschige Nischen lassen die Russenhöhle geheimnisvoll und verrucht wirken.

Einzigartig wird der Ort allerdings erst durch seine große Sammlung sowjetischer Kuriositäten: Agitprop-Poster, kubofuturistische Reproduktionen, ein originales Kanonenrohr, eine mit Orden bespickte Sowjet-Uniform und eine gläserne Wodka-Kalaschnikow (siehe unten). Kein Klischee wird ausgelassen; politische Korrektheit muss Groteskem weichen.



Wer war da?

Offiziell läuft die Veranstaltung unter dem Label Slawistenparty. Aber woran erkennt man Slawisten, wenn man noch nie einem begegnet ist? Der „Iwan“ sei hier heute auf jeden Fall nicht anzutreffen, versichert mir Tim, der sonst eher im KTS abhängt. Vielleicht hat ihn sein Karl-Marx-Lektürekurs dazu animiert, sich mal mit Proletariern anderer Länder feiernd zu vereinigen. Auch wenn ich dann doch glaube, einige Russinnen ausmachen zu können, suche ich vergeblich nach weißen Kunstleder-Stiefeln: grelle Schminke und glitzernde Accessoires sind das Höchste der Gefühle.

Aber Slawisten? Sind die älteren Herrschaften, die hier und da durch die Gewölbe huschen, Dozenten für russische Literatur und bulgarische Sprachwissenschaft? Und führen die Ladies, die auch im Jazzhaus oder Waldsee anzutreffen sind, in ihrer Freizeit Tschechows Kirschgarten auf? Schwer zu sagen. Sicher ist, dass auch „normales“ Publikum seinen Weg ins KGB gefunden hat.



Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Zwischen der Tanzfläche und dem Barbereich scheint ein Eiserner Vorhang zu verlaufen: es tanzen fast nur Mädels; die Jungs müssen sich nebenan erst Mut ansaufen. Nur die Gebrüder Karamasow versuchen lässig am Rand des Parketts zu stehen und klammern sich verkrampft an ihr Piwo.

An den CD-Decks steht kein geringerer als Kosta Kostov, ein Kölner bulgarischen Ursprungs, dessen Partyreihe balkanXpress sich nicht hinter Wladimir Kaminers Russendisko oder Robert Sokos BalkanBeats verstecken braucht. Kostov, der außerdem als Musikjournalist für Funkhaus Europa tätig ist, liefert eine jamaikanisierte Version balkanischer Tanzmusik: er verdubt Goran Bregovics Brass-Polka, unterlegt Fanfare Ciocarlias Blasmusik mit schweißtreibendem Drum 'n’ Bass und bringt die Amsterdam Klezmer Band mit den Beasty Boys unter einen Hut. Seine verhallte Moderation, deren Sätze immer mit „Stylee“ enden, ersticken jeden Zweifel im Keim: Varna going Kingston – zwischendurch wird sogar Raggae gespielt.



Das Publikum dankt es ihm mit zuckenden Schultern und kreisenden Hüften. Nicht-Slawen holen sich beim Versuch, authentisch zu tanzen, irreparable Schäden im Becken- und Wirbelsäulenbereich; mutmaßliche Bulgaren führen stolz die auf zahlreichen Volksfesten angeeigneten Bewegungen vor. Nur, solche Unterschiede spielen heute Nacht keine Rolle. So banal es klingt: Hauptsache gemeinsam feiern – das scheint die Revolution.

Kosta dreht indes gut auf. So gut, dass sich viele die Ohren zuhalten. Ich selber hab mein Notfall-Oropax vergessen und hoffe, dass ich mir meine Gehörknöchelchen nicht breche. Der Bass ist dermaßen übersteuert, dass es scheppert. Mein Herz fängt an zu flackern und ich befürchte, jeden Moment ohnmächtig zu werden.



Die Musik ist geil, der DJ heizt den Zappel-Genossen mit Shantels „Disko Partizani“ und Dunkelbunts White Chocolate Butterfly ein. Zum Durchatmen gibt’s den Russenklassiker „Kalinka“ und – a tribute to Ralph Siegel – „Moskau“ von Dschingis Khan. Die Vermischung von Beats und Breaks mit balkanischer Folklore kommt an. Enthemmt werfen sich die Tanzenden in die Brandung der Bässe und wiegen ihre Körper in orientalischen Melismen. Der Flirtfaktor ist hoch; gegen Ende trauen sich auch Männer aufs Parkett.



Catering

Vergiss die 46 Wässer im Berliner Adlon! Lächerlich! 300 Wodkasorten stehen hier auf der Getränkekarte, Bier aus Russland, Tschechien und Polen, Krimsekt und ein Cocktail namens „Die DDR als Musterschüler der Sowjetunion“ (Roland Hefendehl wäre schockiert). Ich muss gestehen, vom hochprozentigen Wässerchen keine Ahnung zu haben, und wende mich also Hilfe suchend an den Barkeeper, der mir das Anfänger-Modell für 2,50 Euro verkauft. Zum runterspülen nehm ich noch ein Bier der russischen Brauerei Baltika (0,5 für 3,80 Euro).



Der Andrang an die Bar ist groß, es wird gesoffen, als ob es kein Morgen gäbe. Sogar meterweise wird der Getreideschnaps konsumiert: 30 Euro kosten ein Meter des Destillats.

Ich zieh mich zurück und proste meinen bulgarischen Bekannten zu: „Na sdrawe,“ stammel ich behelfsmäßig und hoffe, den richtigen Ton angeschlagen zu haben. „Bei uns trinkt man Wodka wie Whiskey,“ entgegnet mir Petia: „Aus 4-Zentiliter-Gläsern.“ Sie mischt ihren Wodka in die Cola und prostet den anderen zu. So mache sie das immer. Würde besser kicken.



Auf dem Klo um halb Vier

…kann man wahrscheinlich sein Seepferdchen nachholen oder durch Brustschwimmen seiner chronischen Schulterverspannung entgegenwirken. Beide Klos seien überschwemmt, teilt mir der freundliche Grizzly vor den Toiletten mit, der niemanden vorbeilassen darf.

Erst das Damen-, dann das Herren-WC. Irgendwie komme wohl Wasser aus den Abflüssen und ich solle doch die sanitären Einrichtungen des benachbarten El Bolero benutzen. Als ich dies kurz vor zwei tun will, ist die Latino-Kneipe allerdings schon geschlossen. Toll. Ich kneife zusammen, zieh’s hoch, trinke Wodka statt Bier und freue mich zum ersten Mal, dass schon um Drei Feierabend ist.

Aufregerle

Abgesehen von den gefluteten Toiletten und der mal wieder viel zu frühen Sperrstunde ist die übermäßige Lautstärke selbst Hartgesottenen auf den Zeiger gegangen. Selbst Doc Miehlings abgestumpftes Schallpegel-Messgerät hätte das keine 5 Sekunden mitgemacht!

Fazit

Eine spannende Location mit exotischer Getränkekarte und freundlichem, kompetentem Personal. Angenehmes, vielseitiges Publikum, gute Stimmung, tolle Musik – die es eigentlich nicht nötig hat, durch übertriebene Dezibel-Werte überzeugen zu wollen. Less wäre hier more. Die Toiletten-Sintflut verbuchen wir mal unter „Unfälle“; dass der Laden schon um drei dicht macht, wird wohl nicht zu ändern sein. Schade.

Mehr dazu:

fudder.de: Serie Nightlife-Guru