Nightlife-Guru: Schallplattenbörse @ Haus der Jugend

Nightlife-Guru

Von wegen MP3s: Vinyl ist gefragt wie kaum zuvor! Kein Wunder, dass die Schallplattenbörse, die am Samstag im Haus der Jugend stattfand, aus allen Nähten platzte. Unser Nightlife-Guru, qua professione ein Connaisseur des schwarzen Goldes, hat sich dort natürlich umgetan.



An der Tür


Man muss schon ein wenig verrückt sein, bei solch ausgezeichnetem Wetter die abgedunkelten stickigen Räumlichkeiten des Hauses der Jugend dem Latte Macchiato im Café seines Vertrauens vorzuziehen. Aber Frank Geisler, der allseits beliebte Waldsee-Cheftheker, bittet zur CD- und Schallplattenbörse, und die Vinyljunkies folgen seinem Ruf bereitwillig.

Gegen 11 Uhr komme ich an, werde vom Veranstalter selbst freundlich begrüßt und für 2,50 Euro darf ich hinein in den Wahnsinn.

Deko und Einrichtung

Hier ist alles auf das Wesentliche reduziert: Tonträger jeder Art, so weit das Auge reicht. Schon im Vorfeld war die Börse ausgebucht, und so reihen sich unzählige Biertische in mehreren Gängen aneinander. Die Vorhänge sind zugezogen - nicht dass die böse Sonne noch Schallplatten deformiert. Einige Händler haben ihre Top-Produkte an einer Wand oder Leine befestigt oder Aufsteller errichtet, so dass es zumindest hier etwas farbenfroher zugeht.



Wer war da

Vor allem Männer. Frauen tauchen in dieser Männerdomäne nach wie vor selten auf.
Ob langhaariger Vollbartträger in Bio-Latschen, Gothic-Anbeter, Rockabilly oder Flanellhemd-Träger - hier findet sich jeder ein, der sich hartnäckig gegen das Aussterben der Schallplatte und die endgültige Dominanz von MP3 wehrt.

Die Anhängerschaft ist groß: Vom 20-jährigen Kiddo bis zum 70-jährigen Opa, der bestimmt noch Originalpressungen von Elvis' 60er-Jahre-Scheiben im Regal stehen hat, zieht die Börse Musikliebhaber aus allen Bevölkerungsschichten und Altersgruppen an. Der ein oder andere Freiburger DJ darf heute natürlich auch nicht fehlen.

Als ich gegen 11 Uhr ankomme, ist der Raum richtig gut gefüllt, die Leute quetschen sich in den engen Gängen aneinander vorbei und drängeln sich an den Verkaufsständen. Zwei Stunden später ist es schon merklich leerer geworden. Gerade auf einer Plattenbörse fängt der frühe Vogel den Wurm.



Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Betritt man den großen Verkaufsraum, umgibt schlägt einem der Geruch von Kneipe, modrigem Kellerraum, staubigem Dachboden und Schweiß entgegen. Wer schon mal an einer alten Schallplatte gerochen hat, weiß, wovon ich spreche.

Beschallt wird der Raum von einem Verkaufsstand in der hinteren rechten Ecke aus. Die Verkäufer legen abwechselnd Platten aus Bossa Nova, Soul und Pop auf und kreieren genau die richtige Atmosphäre, um sich im Rausch durch die vielen Verkaufsstände wühlen zu können.

Vielerorts wird leise mitgesummt oder mit dem Kopf genickt. Beobachtet man die Besucher, wird schnell klar, dass sich hier jeder in seiner eigenen kleinen Welt aufhält. Konzentriert ackert man sich durch die endlos erscheinenden Plattenkisten, zieht wahlweise begeistert, rätselnd oder skeptisch das ein oder andere Exemplar hervor, liest die Infos auf der Coverrückseite, wirft einen prüfenden Blick auf den Zustand des Vinyls und fragt sich dabei, ob man gerade tatsächlich die lang gesuchte Originalpressung in den Händen hält.



Natürlich sind viele Fachsimpeleien zwischen den Verkäufern und selbsternannten Experten zu beobachten und mitzuhören, und an jedem Stand wird hartnäckig um den Preis gefeilscht. Der Gemütszustand bewegt sich bei den Anwesenden zwischen Nostalgie und Leidenschaft.

Es macht einfach Spaß, dem Verkäufer bei den Anekdoten zu einzelnen Platten zuzuhören, das Leuchten in seinen Augen zu beobachten, wenn er mir stolz berichtet, wie er eine bestimmte Jazzplatte, die ich zu kaufen gedenke, vor etwa 40 Jahren während seines USA-Studiums in Chicago in einem ganz bestimmten Plattenladen erworben hat.

Catering

Über die Getränkepreise im Haus der Jugend gibt es wahrlich nichts zu meckern. Die Tasse Kaffee sowie Cola, Schorle und Wasser gibt es für 1,50 Euro, das Bier für faire 2 Euro. Zur Verköstigung werden Brezeln für einen Euro und Käse- oder Salami-Baguettes für 2 Euro angeboten. Der Plattenhändler hingegen ist mit Thermoskanne und Stullen in der Tupper Box bestens ausgerüstet.

Auf dem Klo um 12:30 Uhr

Klassisch weiß und steril ist es hier - wie wahrscheinlich in jedem zweiten Klo irgendeiner Schule. Nur die Tags an den Wänden fehlen. Die ersten Verkäufer gehen jetzt mal Bier wegbringen. Zum Teil sind sie schon morgens um 6 Uhr aus Frankreich zum Aufbau am Haus der Jugend angekommen, und der Besuch ist gerade bei dem Wetter besser als erwartet. Da darf man sich ruhig auch mal einen genehmigen.

Aufheiterle

Die Stimmung ist gelöst, entspannt und freundlich - wie es halt so ist unter Gleichgesinnten. Man trifft Bekannte und Freunde, begrüßt sich herzlich und präsentiert dem Anderen stolz die  erstandenen Scheiben. Der mies gelaunte überkorrekte Plattennerd, der den kleinsten Knick am Plattencover als größte anzunehmende Wertminderung moniert, ist klar in der Minderheit.



Aufregerle

Die Preise haben es teilweise ganz schön in sich. Natürlich finden sich auch diverse Raritäten, für die man gerne auch mal einen ordentlichen Betrag auf den Tisch legt; allerdings fällt einiges deutlich aus dem Rahmen.

So sollte man sich unbedingt vor dem Besuch auf der Börse auf den entsprechenden Onlineportalen über den Wert der gesuchten Platten informieren, sonst besteht definitiv die Gefahr, viel mehr Geld als nötig hier liegen zu lassen. Allerdings ist oft auch nicht das letzte Wort gesprochen: Vieles lässt sich um einige Euro runterhandeln.

Fazit

Die CD- und Schallplattenbörse ist die Anlaufstelle für Musikliebhaber egal welchen Genres. Das Angebot ist riesig, und jede Sparte wird abgedeckt. Ob Death Metal, obskurer Free-Jazz, Krautrock oder Elektronik - hier wird garantiert jeder fündig. Es gibt auch viele wertvolle Raritäten zu entdecken, wie zum Beispiel einen autorisierten Live-Mitschnitt eines Miles Davis-Konzerts in Polen von 1988. Kostenpunkt: 200 Euro.



Zugleich trifft man auf alte Bekannte und Gleichgesinnte und wird in viele Fachgespräche und Diskussionen involviert. Die Zeit vergeht wie im Flug und am Ende hat man garantiert doppelt so viel Geld dort liegengelassen, als man eigentlich vor hatte, fährt aber dennoch mit einem guten Gefühl wieder nach Hause.

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