Nightlife-Guru: Root Down Spezial mit Kalabrese im Spiegelzelt

Nightlife-Guru

"Ich befeuchte mein Handgelenk mit Spucke und presse es gehen ihres. Minutenlang stehen wir so da." Was unser Nightlife-Guru bei der "Root Down"-Spezial am Samstagabend im Spiegelzelt erlebt hat:



Der Junge an der Tür

Breites Schwimmerkreuz, Hände wie Baggerschaufeln, Boxerblick: Ein Muskelschrank von Mensch steht am Eingang zum Spiegelzelt. Streng mustert er die ankommenden Gäste. Schubser und Drängler ermahnt er, Contenance zu wahren. Raucher bittet er, die Zigarette auszudrücken. Wer sich über den Eintrittspreis von zehn Euro beschwert, wer über den Preis verhandeln will, stößt bei ihm auf Granit. Erst gegen zwei, halb drei Uhr lässt er sich auf Deals ein, aber da geht die Party auch nur noch eine gute Stunde.

Inneneinrichtung und Deko

Im mittlerweile klinisch toten deutschen Sozialnetzwerk StudiVZ gab es vor Unzeiten mal eine Gruppe mit dem Titel "Tanzen auf Holz". Dort versammelten sich Musik- und Tanznerds, Freundinnen und Freunde des Offenbacher Clubs Robert Johnson, weltweit bekannt für sein programm, sein Soundsystem und seinen Holzboden. Ein Vergleich des Robert Johnsons mit dem Spiegelzelt auf dem Mundenhofgelände muss zwangsläufig hinken, aber an diesem Abend kommt ein wenig Robert Johnson-Feeling auf: Schummerlicht, akustikfreundlicher Holzboden, enormer Bassdruck. Mehr braucht's nicht für eine Clubnacht.



Wer war da?

Eins vorneweg: Zu wenige. Schade, dass die Inhaber eines Tickets für das Marteria-Konzert damit nicht kostenlos - oder zum Aufpreis eines DJ-Euros - an der Party im Spiegelzelt teilnehmen konnten. Das hätte ihr einen Schub nach vorne verliehen, hatten sie der Elektro des Support-Acts Kid Simius und der Sprechgesang Marterias doch auf beste Feiertemperatur gebracht.

So mussten es der Cosmictribaldiscoboogiehouse eines Rainer Trüby und Kalabrese richten, die vielen Anfang- und Enddreißiger in Schwingung zu versetzen. Was ihnen gelang. Nur die Susis und Tobis, geschult am Sound der Umlanddiskotheken, stehen alsbald wieder vor der Tür. "''S fetzt net so", sagen sie und gehen.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

"I can't get no sleep. I can't get no sleep." Die schwere, verhangen klingende Stimme ist bekannt. Seit bald zwanzig Jahren hypnotisiert sie die Menschen, Mitte der 1990er Jahre in Clubs und Diskotheken, heute vor allem auf Stadtfesten, Volksfesten und in Freizeitparks. Sie gehört Maxi Jazz, dem Sänger der britischen Elektronika-Formation Faithless. Der Song heißt "Insomnia", ist auch im Spiegelzelt ein Crowdpleaser, auch wenn der Züricher Kalabrese eine sehr perkussive housige Version spielt.

Die Wirkung von Maxi Jazz' Stimme lässt nicht lange auf sich warten. Sie schwört die Tänzerinnen und Tänzer auf die Nacht ein, hilft ihnen, loszulassen, sich fallen zu lassen, einzutauchen in die kosmisch treibenden Beats, in die Kalabrese den Insomnia-Remix bettet. Dann und wann tritt Root Down-Gastgeber Rainer Trüby zu ihm an die Decks. Sie spielen back-to-back, jeder legt mal eine Platte auf. Die Leute auf der Tanzfläche spiegeln ihre Handlungen. Sie tanzen butt-to-butt, Arsch an Arsch. Heiß.



An der Bar...

...ist kaum was los. Wer Bier, Wein oder ein alkoholfreies Getränk möchte, muss keine zwei Minuten warten.

Auf dem Klo um halb drei...

...hängen zwei Jungs angezählt zwischen den Pissoirs. Sie lallen, lachen, können sich kaum auf den Beinen halten. "Geil war's!", schreit einer. Zumindest denke ich, dass er das geschrien hat. Auf dem Boden liegt ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Green Berlin".

Aufregerle

Für den Aufreger des Abends sorgen zwei Frauen Mitte, Ende Vierzig. Im Rausch des Alkohols benehmen sie sich noch einmal wie vierzehn, fünfzehn Jahre alte Mädchen. Albern. Nervig. Sie reißen mir mein Cap vom Kopf und werfen es durchs Spiegelzelt. Sie folgen mir auf Schritt und Tritt, an die Bar, nach draußen, von einer Seite der Tanzfläche auf die andere. Sie langen mich an, an der Schulter, kneifen mich in den Rücken, stechen ihre Zeigefinger in meine Rippen. "Hab doch mal Spaß", sagt eine. Anstrengend.

Aufheiterle

Auf dem Weg zum Parkplatz begegne ich zwei Mädels. Sie sitzen auf dem Boden und rauchen eine Zigarette. "Hast Du einen Stempel für die Party", fragt mich eine. Ich bejahe. "Zeig mal", sagt die andere. Ich zeige mein Handgelenk. Sie prüft den Aufdruck im Halbdunkel des Parkplatzes. Ob ich mein Handgelenk befeuchten und gegen ihres pressen könne, fragt sie mich. Vielleicht schaue der Türsteher ja nicht mehr so genau hin.

Ich tue beiden den Gefallen. Ich befeuchte mein Handgelenk mit Spucke und presse es gehen ihre Handgelenke. Minutenlang stehen wir so da, Handgelenk auf Handgelenk. "Jo, das passt schon so", sagen sie und laufen Richtung ZMF-Gelände. Ob sie die harte Tür austricksen konnten, werde ich wohl nie erfahren.

Mehr dazu:

[Fotos: Florian Forsbach]