Nightlife-Guru: Mickie Krause @ Nachtschicht

Nightlife-Guru

Der Nightlife-Guru, er stellt sich jeder Herausforderung, die die fudder-Redaktion ihm aufträgt. Und so verbrachte er seinen Freitagabend bei einem Auftritt von Mickie Krause ("Zehn nackte Friseusen") in der Nachtschicht. Und dem Guru war so, als sei Mallorca für einen Abend in den Breisgau verlegt worden.

 

An der Tür

Wie von der fudder-Redaktion verlangt, steht der Guru um halb 12 vor der Nachtschicht, in einer Schlange mit afgebrezelten Damen und Herren. Doch auf Nachfrage, ob Herr Krause schon auflege, lacht der Türsteher nur. Ich solle es um eins nochmal versuchen. Eine Gnadenfrist also!

Schnell zurück zu den sich eigentlich schon mit hämischen Winken verabschiedeten Kollegen und auf ein Bier in den Geier. Eine halbe Stunde später versuche ich noch einmal mein Glück. Ich bekomme mein letztes Geleit bis zur Tür, dann bin ich in der Höhle des Löwen. Ganz alleine. Reinkommen war zumindest kein Problem, aber ob ich Little Mallorca ohne dauerhafte Schäden an Leib und Seele wieder entrinnen kann?

Inneneinrichtung & Deko

Verunsichert bahne ich mir den Weg durch Igelfrisurträger und minderjährig aussehende Damen, die wegen einiger Promille beinahe vom Podest kippen. Überall blinken einen von Bildschirmen Sonderangebote, Werbung und Veranstaltungstermine an. Komplette Reizüberflutung!



Strobo-Licht blitzt und gewaltige Säulen mit alkoholhaltigen Energiegetränken stehen auf den Tischen. So stelle ich mir das Fegefeuer vor. Viel Deko gibt es abgesehen vom üblichen Interieur nicht, ist aber auch nicht gefragt. Herausstechend sind nur die gratis auf der Tanzfläche verteilten Idiotensonnenbrillen, die Kanye West irgendwann mal populär gemacht hat. Gott allein weiß, wieso. Sie kommen natürlich super an.

Wer war am Start?

Die Party ist eine krude Mischung aus Malle und einer nordkoreanischen Massensportveranstaltung. Schon bevor Mickie Krause um kurz vor 2 endlich das Podest betritt, feiert das Subproletariat haltlos zu Mickie-Klassikern vom Band: „Jan Pillemann Otze“, „Du hast die Haare schön“ und so weiter, und so weiter.

Der Bass wummert einem die Gehirnzellen an die Dura. Das macht aber nichts, denn nur so lässt sich das Publikum ertragen. Betrunkene Mädchen, gröhlende Jungmänner und untersetzte Goldschmuckimitatträger und gealterte Arzthelferinnen. Es wird herzhaft auf den Boden gerotzt.



Manche scheinen sogar einen Mini-Mallorca-Familienausflug geplant zu haben: Da feiern Mama, Sohn und Schwiegertochter gerne mal Hand in Hand. Meistens sind letztere aber sowieso frenetisch gen Himmel gestreckt oder greifen nach weiteren Energy-Drinks an der Bar.

Neben mir harrt ein traurig dreinblickender junger Mann aus, der nicht ganz ins Publikum zu passen scheint. Er ist wegen einem Geburtstag hier. „Ich frage mich, wo die ihr Hirn gelassen haben“, sagt er zu mir und schüttelt dann eigentlich den Rest des Abends nur noch den Kopf.

Spätestens als Mickie Krause das berühmte „Volare!“ auf „Schamhaare“ reimt, meine ich, Tränen in seinen Augen sehen zu können.

Der Pöbel aber jubelt.

Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Dieser Abend ist selbst für den durch viele Partyabende im Breisgau abgehärteten Guru eine Extremherausforderung. Der Mount Everest des Nightlife-Gurutums. Ohne Sauerstoff, natürlich. Eigentlich hätte ich mir ja denken können, was mich da erwartet. Aber dass es gar so.... herausfordernd werden würde, hätte ich nicht gedacht.

Zwar kann über die Partystimmung absolut nicht gemeckert werden: Alle schreien mit und tun etwas, das sie für tanzen halten. Die Hände sind dauerhaft in die Luft gereckt. Doch habe ich selten so grenzenlose, akute Abneigung für einen Menschen empfunden wie für Mickie Krause.



Wer von sich selbst als „Hartz 8“ spricht und dabei noch untertreibt, muss ja übel aufstoßen. Seine Hits sind ein einziges Mischmasch aus banalen Obszönitäten und humorvollen Einlagen wie Witze über Mallorcaschlampen und rumänische Hütchenspieler. Die Masche zieht leider auch voll, der Mob ist kaum noch zu halten.

Irgendwann lässt sich ein bedauernswertes Mädchen kichernd auf der Bühne blicken, sofort schallt es „Ausziehen!“ von allen Seiten. Am lautesten grölen die Jünglinge neben mir, die wohl sehnlichst auf ihr erstes Mal warten. Mickie machts möglich! „18 Wochen Onanierverbot!“ wird ausgerufen, später dann auf Kosten Kachelmanns in „18 Wochen ARD-Verbot“ umgewandelt.

Von Lachen verzerrte Fratzen singen fröhlich mit. Möglicherweise bin ich zu elitär für diese Form der Freitagabendbeschäftigung, aber ich verstehe nicht, warum man außerhalb des geschützten Raums Mallorca mit Mickie Krause feiern will.



Catering & Getränke

Ich wollte herausfinden, was es mit dieser riesigen Energy-Drink-Säule auf sich hat, konnte mich aber nicht aufraffen, die darum versammelte Gruppe darauf anzusprechen. Ansonsten waren die Preise eben so, wie sie in jedem Club sind: Zu teuer.

Nach den sieben Euro, die ich für Krause gelöhnt habe, war ich sowieso nicht bereit, irgendetwas für ein Getränk auszugeben. Dabei war an den Bars wenigstens während Mickies Auftritt nur wenig los, man hätte ohne Mühe etwas bekommen.

Aufheiterle

Mein kopfschüttelnder Tischnachbar und ich müssen lachen, als Mickie fragend „SUPERDEUTSCHLAND?!“ brüllt und natürlich ein überzeugtes „SUPERDEUTSCHLAND!“ zurück ertönt. Ich bin mir da nach diesem Abend nicht mehr so sicher.



Aufregerle

Alles. Ich rege mich darüber auf, mich selbst für diesen Wahnsinn prostituiert zu haben. Am schlimmsten waren allerdings die unglaublich traurigen Witze Mickies und wie gut sie beim Publikum angekommen sind.

Auf dem Klo um halb 1

… ging es überraschend ruhig zu.



Fazit

Dieser Abend war nur was für besonders hartgesottene Mallorca-Urlauber. Wer auf dumpfes Gewummer und grenzüberschreitende Massenhysterie steht, war hier bestens aufgehoben. Es ist schade, dass man mit dieser Art der Unterhaltung so viel Geld machen kann, aber vielleicht sind wir ja auch selbst dran schuld. Sozialkritik nach Mickie Krause; ich bin überrascht, zu sowas überhaupt noch fähig zu sein.

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