Nightlife-Guru: Marcus Worgull bei Root down

Nightlife-Guru

Im Mai war root down wegen einer Privatfeier ausgefallen, umso ungeduldiger scharrten die Soulful-tekki-Fans mit den Flip-Flops, als Samstagabend Groove Attack Record Storer Marcus Worgull den Waldsee beschallte. Wie sich das genau angehört hat, weiß unser Nightlife-Guru.



(Die Jungs) An der Tür

„Sieben Euro? Oh nee, aber echt jetzt? Wir sind doch zu viert. Kannst du nicht was am Preis machen?“ Ein junges Mädchen, in fair produzierte Stoffe gehüllt, versucht, um den Eintrittspreis zu feilschen. Ein ums andere Mal überschlägt sich dabei ihre Stimme. Augenblicke später ziehen sie und ihre kleine Gruppe erfolglos ab. Lange Gesichter statt Partylaune.

Inneneinrichtung / Deko

Mein Kopf, meine Heimat“ – Beamer zeichnen diese vier Wörter an die Wände des Waldsee und an den Vorhang, der den Bar-/Loungebereich von der Tanzfläche trennt.

Der erste Hinweis auf die Herkunft des heutigen Gast-DJs? Heißt es doch in einer Volksweise aus dem Bergischen Land: „…da ist meine Heimat, mein Bergisches Land… Wo die Wupper wild woget auf steinigem Weg… da ist meine Heimat, mein Bergisches Land…“

Gestapelte Tischbeine inmitten des Raums. Gebe ich mich meiner Phantasie hin, erinnert mich diese Konstruktion an die monströsen, düsteren (Bau-)Gerüste, die den „stahlharten Drachen“, wie Else Lasker-Schüler die Wuppertaler Schwebebahn beschreibt, über dem Tal der Wupper halten. Weiterer Herkunftshinweis oder bloße Spielerei?

Eine Art Baldachin aus roten Stoffbahnen, zudem wird der Raum in viel rotes Licht getaucht. Dies sorgt einerseits für eine warme und organische Atmosphäre, andererseits: erscheint nicht die Sonne in Industriegebieten oftmals als glutroter Feuerball, der durch die Feinstaubschicht leuchtet?

 
Indizien, die alle auf Wuppertal hinweisen können, dennoch größtmöglichen Spielraum für Interpretationen offen lassen. Nur Owald & Ernesto, die Dekorateure, könnten für Aufklärung sorgen.



Wer war da?

Noch sitzen einige Gäste unter den bunten Lichterketten im Biergarten, die laue Sommernacht genießend. Noch steht am Eingang zum Waldsee, lässig rauchend, bei einem kühlen Bier oder Weißwein der harte Kern der Root Down-Gänger.

Sommerliche Kleidung überwiegt; bunte, farbenfrohe „urban streetwear“ im Wechsel zu Shorts, Bermudas und Flip-Flops. Die bevorzugt in Schwarz und Weiß gehaltene Einheitskleidung, wie ich sie aus der Innenstadt kenne, suche ich vergeblich.

Heute Abend sind auch auffallend viele französischsprachige Jungs und Mädels gekommen, was zeigt: die Root Down erfreut sich gerade im benachbarten Ausland einiger Beliebtheit.

Partyatmosphäre

„Don’t blame it on the sunshine, don’t blame it on the moonlight, don’t blame it on the good times, just blame it on the boogie…”

Ich befinde mich auf dem Nachhauseweg, und es geht mir ähnlich, wie es die US-amerikanische Soul-Pop-Band The Jacksons in ihrem Welthit besingt: „I just can’t, I just can’t, I just can’t control my feet…“ Noch habe ich die Kontrolle über meine Füße nicht wiedererlangt, sie wollen weitertanzen.

Stunden zuvor. Marcus Worgull aus Wuppertal, Gast-DJ der heutigen Root Down, hat bereits die Plattenteller von Rainer Trüby übernommen. Er begrüßt den neuen Tag und das verhalten eintreffende Publikum mit angenehm abgemischten Sounds aus teils langsam schiebendem, teils funky groovendem deepem House und souligen Disco-Nummern. Noch ist die Tanzfläche leer; lediglich eine junge Frau wagt sich, zusammen mit ihrer männlichen Begleitung, an ihre ersten Schritte auf dem Parkett.

Eine virtuose und einprägsame Piano-Hookline reißt mich aus meinen Gedanken, zieht mich und die Umstehenden unweigerlich auf die Tanzfläche. Ein afroamerikanischer Prediger spricht energisch auf uns ein. Unverkennbar, diese Stimme. Es ist die Chicago-Legende Derrick L. Carter. Die schwer rollende Bassline und der dunkle, reduzierte Groove von „Where We At“ sorgt für die erste Clubfeuchte auf einigen Tops und T-Shirts. Als ich später von Marcus Worgull erfahre, dass er eine nie veröffentlichte Version dieses Songs eingespielt hat, werden auch meine Augen feucht.



Eine junge Frau Anfang Zwanzig tanzt in meiner Nähe. Ihr feuriger Blick kontrastiert mit ihrem schüchternen Lächeln, das sie mir wiederholt schenkt. Ich kann ihrem Blick nicht ausweichen, erwidere das Lächeln. Das Spiel des sich Annäherns und umgehenden Entfernens beginnt. Eine kaum flüchtige Berührung lässt unsere erste Begegnung als zufällig erscheinen.

Ihre Erscheinung, ihr Auftreten, erinnern mich wiederum an eine Zeile des bereits erwähnten Volksliedes: „Ihr Auge so sonnig, so feurig ihr Blut.“ Wer macht den nächsten Schritt? Was wird die Nacht bringen, wenn wir uns aufeinander einlassen? So trifft es sich gut, dass Marcus Worgull behutsam in JoVonn’s „Losin’ My Mind“ (im Jon Cutler Remix) einblendet.

Auf dem Klo um halb vier…

…setzt sich die zuletzt geschilderte Szene leider nicht fort. Die Toiletten sind verwaist und einsam gibt ein Sticker ein eindeutiges Statement ab: „Keine Studiengebühren“.



Klangwaren-TÜV

Ich bereue es, dass ich nicht von Anfang an am Start war. Denn: aufgrund Rainer Trübys enger Verbindung zu dem Münchner Label Compost Records bekommt man in Freiburg eklektisch-elektronische Kost serviert, die erst Monate später veröffentlicht und so für jedermann zugänglich werden. Dasselbe gilt für Marcus Worgull, der einerseits als Produzent mit dem Berliner Imprint Innervisions eng verbunden ist und gleichzeitig als Betreiber und Besitzer des Groove Attack Record Store in Köln über eine nahezu unerschöpfliche Quelle für elektronische (Tanz-)Musik verfügt.

Ein Song, den er zu vorgerückter Stunde spielt, sorgt für verklärte Gesichter, nicht nur bei den Ladies: es ist Omar S feat. Stevie Wonder, „Feeling Me, Feeling You“ im Henrik Schwarz Remix. Techno-Soul, Techno-Jazz.

Aufregerle

Auf einmal sehe ich schwarz. Die Berufskleidung der Security. Freundlich aber mit Nachdruck bittet sie mich, meine Zigarette doch draußen zu rauchen. Um mich herum wird munter weitergeraucht, doch das scheint die Security nicht zu interessieren, seine wachsamen Augen galten wohl nur mir. Im übrigen blieb die ganze Nacht frei von jeglicher Aufregung.



Aufheiterle

Ich treffe meinen ehemaligen Nachbarn, der auch schon die eine oder andere Party in Freiburg bestritten und beschallt hat. Sofort entbrennt ein Gespräch über die Musik. Nerds unter sich.

Fazit

Die Root Down mit Marcus Worgull – eine Nacht, die die Gefühle sanft schweben ließ.

Mehr dazu:

fudder.de: Serie Nightlife Guru