Nightlife-Guru: Hoselipsfest in Bahlingen

Nightlife-Guru

Das Hoselipsfest in Bahlingen ist eine Institution im regionalen Festkalender. Unser Nightlife-Guru, selbst Kaiserstühler, hat am Samstagabend dem urigen Treiben beigewohnt und einiges beobachtet: Die abcheckende Dorfjugend, den flirtfreudigen Klo-Mann und die fleißigen Zwiebelkuchenbäcker.



Eingang

Wie viele Weinfeste findet das Hoselipsfest nicht in einem Raum statt, sondern in zahlreichen Scheunen und Höfen im Zentrum des Viertausendseelendorfs Bahlingen am Kaiserstuhl. Seit 1977 feiert man dort alle zwei Jahre das Hoselipsfest. Der Namensgeber ist ein sagenumwobener, kleiner, kauziger und verschmitzt lachender Kerl. Er besteht aus Holz, ist etwa 50 Zentimeter groß und wurde 1757 von einem Küfer geschnitzt. Seit Jahrhunderten ist er Symbolfigur der Bahlinger Winzer und steht jetzt im Rathaus auf einem geschnitzten Holzfass.



Statt schwarz gekleideter Türsteher bewacht die freiwillige Feuerwehr das dreitägige Treiben. Zwischendurch fährt auch ein Streifenwagen durch, der aber kein einziges Mal anhalten muss. Hinter der Absperrung steht ein riesiger, in ein Weinfass eingebetteter Blumenball aus Lilien, Gänse- und Glockenblumen. Das Fass wiederum steht auf einem Holzwagen, der mit Maiskolben und einem Blumenbeet geschmückt ist.



Deko

Schon Tage, bevor das Fest stattfindet, haben die Bahlinger ihre Häuser und Höfe auf Vordermann gebracht: Aus jeder dritten Hauswand ragen, mit dem Gemeindewappen bedruckt, Fahnen empor, die in einem extra dafür gefertigten Halter aus verzinktem Stahl festsitzen. Den Fenstersims zieren Kürbisse in allen Farben und Formen. Und da die Badische Weinstraße durch Bahlingen verläuft, dürfen Weintrauben als Dekorationselement nicht fehlen. Manche Fenstersimse, vor allem im unteren Geschoss, werden von Kindern mit Hagebutten, Tannenzweigen und Maiskörben geschmückt.

In den Scheunen und Höfen, wo man lebt und die Privatsphäre vorherrscht, stehen nun Biertische und Bänke auf unebenem Boden. Aus jedem noch so kleinen Winkel sprießt ein grünes oder rotes Pflänzchen. An den Wänden, an denen sonst Holzräder lehnen, kreuzen sich Schilfrohre und Ähren, umrahmt von Hopfen und frischen Zweigen. Von der Decke hängen schwere, farbenprächtige Blumenkübel, an denen sich mancher Besucher beim üppigen, regionalen Weinangebot schon Mal den Kopf angestoßen hat.

Draußen auf den Straßen stehen Imbisse, Wein- und Bierwagen. Vor dem Rathaus hängt ein riesiges Schild aus Holz mit Informationen zum Festprogramm. Von dort aus kann sich der Besucher einen Überblick über das Festgelände verschaffen. Es verläuft über den Rathausplatz und die Kapellenstraße, quasi die Kaiser-Joseph-Straße Bahlingens.



Wer war da?

Größtenteils Besucher aus den Kaiserstuhlgemeinden wie Endingen, Eichstetten, aber auch aus Emmendingen. Menschen aus den verschiedensten Ecken Deutschlands trifft man ebenso an.

Auf einer der zahlreichen Bänke sitzt ein älterer Herr im Radfahreroutfit. Er sei aus Offenburg gekommen, sagt er. Zusammen mit seinem Freund sind sie für dieses Fest knapp fünfzig Kilometer nach Bahlingen gefahren. Er habe auch schon mit Leute gesprochen, die aus Hamburg gekommen seien. Und was ist mit den Freiburgern? „Die sind sowieso da“, sagt ein anderer Herr, der dem Radfahrer gegenüber sitzt. Man wünscht sich noch einen schönen Tag und verabschiedet sich – vielleicht bis zum übernächsten Jahr.

Im Laufe des Freitagabends gleicht Bahlingen-Mitte immer mehr dem Oktoberfest in München: Teenager strömen aus S-Bahn und Bussen in Richtung Rathaus. Auf dem Gelände angekommen wird erst einmal geglotzt, oder wie sie sagen: abgecheckt. Dort beginnt auch die Trennung der Altersgruppen: In den Ecken und Gassen sammeln sich Teenager, währenddessen belagert das ältere Publikum den Weinwagen, die Scheunen und Höfe. Besucher der Altersklassen 20-30 hingegen lassen auf sich warten.



Klangwaren-TÜV und Party-Atmosphäre

Man darf auf einem Dorffest nicht mit Tomte oder Faithless rechnen. Das heißt aber nicht, dass die Stimmung mau wäre. Im Gegenteil: Im Hof des Musikvereins Bahlingen heizt die Kapelle „Party-Sound“ das Publikum ordentlich an. Mit klassischem Schlager kommt sie bei den eher älteren Besuchern gut an, die ihren Spaß zwar nicht tänzerisch zum Ausdruck bringen, dafür aber anhand ihrer Weinbestellungen.

Getanzt wird an diesem Abend nur im Hof der freiwilligen Feuerwehr. Sie spielt Rock'n'Roll aus den Fünfzigern und Sechzigern. Für das junge Publikum gibt es die „Flick-Flack-Bar", deren Betreiber im Gebäude des Bahlinger Sportclubs (BSC), Abteilung Turnen, ihre Turntables aufgestellt haben. Aus den Boxen ertönen Songs von Usher und Mario als aufgepeppte House-Versionen. Dennoch tanzen die Heranwachsenden nicht. Vielleicht, weil es viel zu eng ist im Gebäude. Der DJ versucht es anschließend mit dem Song "Papaya" von Alexander Marcus. Aber eigentlich checken sich die Besucher lieber ab, als dass sie tanzen.



Catering

Dass das Hoselipsfest als urig angepriesen wurde, glaube ich erst, als ich den Flammkuchen für 1.50 Euro verputzt habe. Lecker und günstig, wie vieles auf dem Hoselipsfest. Ein Viertele Müller Thurgau trocken kostet 2 Euro, alkoholfreie Getränke wie Fanta oder Cola kosten 1,20 Euro.

In einem Hofeingang kurz vorm Ende der Kapellenstraße steht eine Kuchentheke: Von Marmorkuchen über Sahnetorte bis hin zu Käsekuchen, all das gibt es noch nach Mitternacht. Im Inneren des direkt anschließenden Hofes stehen Bänke und Tische, die mit Kaffeetassen, Milchfläschchen und Aschenbechern gedeckt sind. Hat sich ein Besucher hingesetzt, kommen sogleich Dorothee oder Rolf, wohlgemerkt Privatiers, vorbei und fragen leise, ob sie einem Kaffee einschenken sollen.

Dorothee und Rolf sind mindestens 60. Als Besucher fühle ich mich weniger als Kunde denn als Familienmitglied bei Großmutters Sonntagtreffen.

Vor dem Hofeingang des Musikvereins Bahlingen hat sich schon seit Stunden eine lange Schlange gebildet. Es gibt Zwiebelkuchen für 1.80 Euro und Neuen Wein, ebenfalls für 1.80 Euro. Die meisten sind wegen des Zwiebelkuchens gekommen. Auch wenn die Köche und Helfer, die hinter der Theke pausenlos meterlange Backbleche befüllen und diese in den eigens dafür geformten Ofen hineinschieben – sie scheinen den Andrang nicht bewältigen zu können.

Auf dem Klo um halb eins

Der Klo-Mann am Container ist nicht nur um das Wohl der weiblichen WC-Gäste bemüht, er gibt auch den einen oder anderen flirtartigen Kommentar von sich. Soweit wir das einschätzen können, liegen sie gerade noch im Bereich des Sittsamen.

Aufregerle und Aufheiterle

Aufgeregt hat mich der Klo-Mann. Aufgeheitert die ganze Atmosphäre.

Fazit

Abseits von den Partymeilen der Großstädte kann man sich auf dem Hoselipsfest prächtig amüsieren. Die meisten Besucher sind freundlich und gesprächsfreudig. Die Preise sind nicht überzogen, im Gegenteil. Und das Catering, zumindest bei diesem Fest, ist mehr als zufriedenstellend. Mehr noch: Die Herzlichkeit, mit der dem Kunden das Essen serviert wird, steigert den Appetit um mindestens zwei Teller.

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