Nightlife-Guru: Heartthrob live @ 18 Months

Nightlife-Guru

Bei der After Big Bang-Party im 18 Months sollte am Sonntagabend eigentlich M-nus DJ Heartthrob hinter den Plattentellern stehen. Doch zur großen Enttäuschung unseres Nightlife-Gurus war der Minimal-Fachmann nirgendwo zu hören oder zu sehen.

 

(Die Jungs) An der Tür

Nervös trippele ich von einem Bein aufs andere. Peinlichst genau halte ich mich an das höchste Verhaltensgebot all derer, die sich vor einem Club in einer Warteschlange befinden: Du sollst Dich weder über die Schlange noch über die Tür und deren Einlasspolitik unterhalten. Das war am vergangenen Freitagabend, als ich mehrere Autostunden von Freiburg entfernt um Einlass in einen Feiertempel bangen musste.

Der Vorplatz des Freiburger 'Clubs für Jetztmusik', 18 Months, ist an diesem Sonntagabend jedoch menschenleer. Noch nicht einmal ein Künstler von Richie Hawtins M-nus-Label zieht in dieser Stadt, muss ich unweigerlich denken. Auch der Eintrittspreis, bescheidene fünf Euro, stimmt mich nachdenklich. Mir soll’s jedoch recht sein. Ich zahle und steige die Treppen zum Partykeller in der KaJo hinab.

Inneneinrichtung & Deko

Wer hier unten schon zu Zeiten des F-Clubs gefeiert hat, wird auch im 18 Months kaum Orientierungsprobleme bekommen. Für Neuankömmlinge gilt dies übrigens ebenso. Die heutige Clubnacht findet ausschließlich im großen Raum statt. Dieser wurde während der Kernsanierung im vergangenen Jahr endlich von unnötigen 90er-Jahre-Relikten wie der Lounge befreit.

Böse Zungen behaupten zwar, der Clubraum versprühe jetzt den Charme deutscher Bürokratie, doch was braucht es mehr als eine Tanzfläche und Musik, um die Kinder der Nacht zusammenzuführen?! Einzig über die Baumarktbambustapete lässt sich streiten, aber wer interessiert sich schon dafür nach einer schweißtreibenden Nacht. Schade, dass nicht auch noch der kleine Raum geöffnet ist. Passt doch dessen Grenzwacht-Büroästhetik wunderbar zur Coolness minimaler Technoklänge.

Erfahrungsgemäß sind Clubnächte mit Künstlern aus dem M-nus-Umfeld immer mit dem allzu bekannten Logo zugebrandet. Dass jedoch noch nicht einmal ein bescheidener Ausdruck auf den Hauptakt des Abends, Jesse Siminski a.k.a. Heartthrob, hinweist, stimmt mich stutzig.

Wer war am Start?

Die Freiburger Minimal-Techno-Szene ist zusammengepuzzelt aus abstinenten Veganer-Ravern, Jungs und Mädels mit aufwändig hochgestylten Fönfrisuren sowie zerfeierten Wochenendleichen. Genauso uneinheitlich auch die Altersklassen. Heute Abend tanzen sich gerade volljährig gewordene Abiturientinnen den Prüfungsstress aus dem Leib wohingegen an der Bar die Altraver ihren guten alten Zeiten hinterher trauern.

Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Gitarrenriffs und endlose Snaregewitter brechen über mich und die paar wenigen Jungs auf der Tanzfläche herein, zermalmen und stampfen uns in Grund und Boden. Durch zahlreiche Filter gejagte Vocals schreien lautstark das längst salonfähig gewordene „Motherfu**er“ aus den Boxen.

Zwei Erasmusstudenten aus Südosteuropa tanzen wie losgelassen zu diesem Sägezahn-Techno – oder ist es doch Elektro? – und geben das M-Wort bereitwillig wieder. Es ist laut. Unerträglich laut. Ich bekomme große Lust, am Mischpult korrigierend einzugreifen. Denn zudem sind die Höhen viel zu übersteuert, die Bässe breiig und Mitten kaum vorhanden. Vielleicht liegt’s aber auch an der niedrigen Bitrate des Ausgangsmaterials, und darauf könnte ich leider keinen Einfluss nehmen.

Endlich DJ-Wechsel. Machte ich bereits in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit Eazy-M, enttäuscht er auch in dieser Nacht nicht. Mit Platten aus dem Label-Großraum Oslo, Cécille, Raum oder Curle ist sein Sound druckvoll reduziert und könnte geradeso gut auf dem Waterfloor des Berliner Clubs Watergate laufen. Wohltuend, dass er auch die Lautstärke ein wenig reguliert. Die Crowd hingegen dankt es ihm nicht. Die Tanzfläche leert sich, und er muss dicke Ravebretter nachlegen.

Während Eazy-M ein ums andere Mal auch seine Scratch-Qualitäten aufblitzen lässt, fiebere ich mit großer Spannung Heartthrobs Live PA entgegen. Je länger die Zeit vergeht, desto weniger halte ich dessen Auftritt allerdings für wahrscheinlich. Nichts, was auf einen baldigen Beginn seiner Live-Performance schließen lässt. Weder kann ich dessen Setup, in der Regel bestehend aus Powerbook G4 und Pad Controller, noch ihn selbst ausmachen. Ich übe mich in Geduld, warte mehrere Zigarettenlängen und frage nach. Ob an der Bar oder am Eingang, jedes Mal blicke ich in ungläubig aufgerissene Augen. Wer soll heute noch erscheinen? Niemand weiss etwas. Schließlich verlasse ich den Club. Da ist es nach drei Uhr.

Auf dem Klo um halb vier

…erklingen die ersten Takte von Heartthrobs „Signs“, denn mittlerweile befinde ich mich zuhause, und lasse dessen Album „Dear Painter, Paint Me“ zum Abklingen des Abends laufen.



Catering & Getränkekarte

Extrawünsche werden mir am heutigen Abend keine erfüllt. Dafür gibt’s die Longdrinks und Cocktails auf der Karte in Rekordzeit zubereitet. Vodka Lemon und Cuba Libre haben einen intensiven und dennoch nicht stechenden Geschmack. Zudem ist der Preis mit fünf Euro wirklich sehr fair. Die Auswahl des richtigen Bieres wird durch das Angebot erheblich erleichtert.

Aufheiterle

Zu später Stunde kommt eine Gruppe Jungs und Mädels. Da einer der ihren kaum tanzt und lediglich das Treiben auf der Tanzfläche beobachtet, wird er kurzerhand zum Garderobenständer umgewidmet. Jacken, Sweatshirts und Taschen werden ihm um den Hals gehängt bzw. in die Hand gedrückt.

Aufregerle & Fazit

Kann man es einem Künstler verdenken, wenn er seinen Auftritt aufgrund von Krankheit oder einem sonstigen ungewöhnlichen, unvorhersehbaren Ereignis absagt? Wohl kaum.

Nur wenig Verständnis kann ich hingegen für unsorgfältige, verwirrende Informationen seitens der Veranstalter und einschlägiger Stadt- und Szenemagazine aufbringen. Teilweise bewerben diese die heutige Clubnacht mit Heartthrob bis zum geht nicht mehr, teilweise halten sie sich bedeckter als ein Regierungssprecher im Rahmen einer Pressekonferenz.

Fürs nächste Mal wünsche ich mir entweder eine aktualisierte Website oder eine Running Order, um einsehen zu können, ob und wann der Headliner seinen Auftritt hat.

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