Nightlife-Guru: Freistil Impro-Musical im E-Werk

Nightlife-Guru

Normalerweise geht unser Nightlife-Guru bevorzugterweise zum Tanzen ins E-Werk. Gestern Abend hat er sich dort zur Abwechslung einmal zum Impro-Theater ins Kammertheater gewagt, und das Impro-Musical der Freiburger Impro-Crew Freistil dem kritischen Check unterzogen.




(Die Jungs) An der Tür

„Ganz schön wenig los“, denke ich, als ich gegen viertel nach acht am Dienstagabend am E-Werk ankomme. Wenig Fahrräder und keine Schlange vor der Tür. Dort stehen nur zwei Mädchen rauchend und frierend vor dem Eingang. Ich gehe 'rein, gebe den beiden besonders freundlichen Menschen an der der Tür 13 Euro, und erhalte eine kleine rote Eintrittskarte mit dem Freistil-Logo. Würde ich nocht studieren, so würde ich nur 10 Euro zahlen.

Im Foyer herrscht ebenfalls Flaute. Die Bar ist geöffnet, auf Sofas und an den kleinen Tischen warten vielleicht knapp zwei Dutzend Leute darauf, dass die Türen zur Treppe zum Kammertheater, dem ehemaligen Kiew, geöffnet werden. Das passiert fünf Minuten nach meinem Eintreffen. Schön, wenn bei Anfangszeiten nicht improvisiert sind. Im Herzen bin ich schließlich Spießer.

Inneneinrichtung & Deko

Das Kammertheater im ersten Stock ist ein kleines Theater mit vielleicht 60 Sitzplätzen. Schwarze Vorhänge rundherum, schlicht und neutral, wie kleine Theater halt so sind. Über der Bühne prangt ein rotes Freistil-Banner, auf der Bühne kein Bühnenbild, nur ein Tisch und ein paar Stühle, an den Seiten Bänke für die Spieler. Vorne rechts steht ein Keyboard, von diversen anderen Instrumenten umgeben.

Wer war da?

Das Kammertheater ist vielleicht halb besetzt: mit mir und meiner Begleitung warten vielleicht 30 Leute auf den Beginn des Impro-Musicals. Das Publikum ist Freiburg-typisch. Ein paar Studierende, ein paar aufgehübschte Frauen aus der Vauban (oder doch der Wiehre?) mit Prosecco-Gläsern, ein paar Pärchen.

Party-Atmosphäre und Klangwaren-TÜV

Theater ist normalerweise selten Party, sondern vorhersehbar (außer man ist bei einer Uraufführung) und schrecklich ernsthaft. Impro-Theater allerdings ist fast immer Party. Denn hier gibt es kein Skript, zumindest kein ausgearbeitetes, sondern ein paar Regeln, diverse Disziplinen und Strategien, wie man so überhaupt mit anderen Menschen zusammen Theater spielen kann. Den kompletten Inhalt, allerdings, den liefert das Publikum. Gespielt wird der von den Darstellern aus dem Stehgreif.



Beim Impro-Musical wird natürlich nicht nur gespielt, sondern auch getanzt und gesungen. Das Tanzen übernimmt eine heute vierköpfige Tanz-Crew, die aus Mitgliedern anderer Freiburger Impro-Gruppen besteht. Das Singen begleitet ein Musiker-Duo, das Keyboards, eine Gitarre und diverse Blasinstrumente bereit hält. Ein Lied beginnt entweder durch den beherzten Griff zum Mikro durch einen Spieler oder durch das Anspielen eines Stücks durch den Musiker. Letzteres kann außerordentlich fies sein. Und ist deshalb besonders nett für das Publikum.

Das darf zuerst festlegen, wer heute Abend überhaupt spielt. Zuerst wird, nach Vorschlägen aus dem Publikum, über Namen und Eigenschaften der Hauptpersonen abgestimmt, die von der Freistil-Crew ohne Vorbereitung sofort gespielt werden. Das heutige Musical wird von der Kommisarin Dörte, dem Fotografie begeisterten Egon, dem jähzornigen Igor und von Gustav, der dringend eine Weltreise machen will, handeln.

Was dann kommt lässt mich alle Zweifel, die ich eigentlich gegenüber Impro-Irgendwas hege, über Bord werfen.



Die sich entwickelnde Story lässt sich nicht so recht zusammenfassen, beinhaltet aber unter anderem einen Mord, ein singendes Tatwerkzeug, einen Kaktus, Bruderzwist, eine Liebesgeschichte, ein Aquarium mit wenig glücklichen Fischen (die mich unwillkürlich an die fudder-Fische Fisch & Stäbchen denken lassen), diverse Kindheitstraumata, Badewannenspiele, harte Verhöre und schließlich eine Kreuzfahrt, auf der eine Schule Delfine beobachtet werden kann.

Musikalisch ist das Ganze unglaublich lustig und, ja, wirklich gut. Die beiden Musiker sind fantastisch vielfältig, kriegen von Blues über Calypso bis zu Neubauten-würdigem Experimental-Sound alles hin, und Darsteller und Tanzgruppe, die auch als Chor dient, improvisieren mal eben wirklich erstaunlich dramatische, mitreißende Lieder, in denen die Personen entwickelt und die Geschichte vorangetrieben wird. Anderer Improvisationskram kann ein einziges Aneinanderreihen von Kalauern sein; bei Freispiel gibt eszwar auch genug Gründe herzhaft zu lachen, aber dazu eben auch Dramatik, Spannung und Gefühle.

Ganz zuletzt, nach dem Happy-End, wird über den Titel des Musicals abgestimmt. Entwickelt, gespielt, gesungen und gesehen wurde an diesem Abend das nicht reproduzierbare Musical "Kaktus und Delfine". Wie schön, dass der wunderbare Delfin-Einsatz der Tanz-Crew verdienterweise im Titel verewigt wird.

Catering & Getränkekarte

In der Pause ist die Bar unten im Foyer mit üblichem Angebot geöffnet. Man trinkt Rivella oder portugiesischen Rotwein und nimmt ein Glas Baileys auf Eis mit in die zweite Musical-Hälfte.

Auf dem Klo (nicht um halb Vier, sondern gegen Zehn in der Pause)

Es macht immer wieder Spaß, Erstbesuchern des E-Werk bei der Suche nach dem Klo hinter herzulaufen: man kann sich so schön über ihren unsicheren Gang durch den beim ersten Mal sicher endlos erscheinenden Keller amüsieren. Die E-Werk Klos sind wie immer künstlerisch angeschmuddelt, aber insgesamt akzeptabel.

Aufregerle

Ja, Gas ist dieser Tage teuer und ein bisschen knapp, überhaupt fehlt in der Kultur ja immer das Geld und den aktiv auf der Bühne herum tollenden Impro-Spielern war es sicher warm genug, aber auf den Zuschauerrängen war es ein bisschen zu kalt und zu zugig. So was muss doch wirklich nicht sein.

Aufmerkerle

Man merkt der Freistil-Crew an, dass hier ausgebildete Schauspieler am Impro-Werk sind, und nicht gelangweilte Hausfrauen, gehemmte Naturwissenschaftler und depressive Studierenden auf der Suche nach Selbstverwirklichung. Die Herren und Dame können Singen! Und Spielen! Und haben ausgezeichnete Musiker!

Es ist die helle Freude.



Fazit

Erstaunlich unterhaltsam, so ein Impro-Musical. Wenn man gegen ein kleinwenig Mitmach-Gedöns nicht allergisch ist, ist das eine nette Sache, ein Date zu verbringen.

Freistil zeigen, dass Musicals vollkommen ohne Andrew Lloyd Webber, Rollschuhe, Katzen, Phantome, die Französische Revolution oder sonstwelchen Quatsch funktionieren können. Auch wenn all' diese Dinge natürlich in einem Impro-Musical vorkommen könnten. Wenn das Publikum sie denn vorschlagen würde.

Alle Daumen hoch!

Kleiner Tipp zum Schluß: Es lohnt sich, einen möglichst absurden Gegenstand mit in eine Impro-Vorstellung zu nehmen. Denn manchmal werden Utensilien aus dem Publikum gebraucht. Und wer dann ein noppiges Kamera-Stativ dabei hat, kann ein kleiner Held sein, weil er damit eine Szene ermöglicht, in der eine Komissarin auf einem Tisch steht, und einen brünftigen Hirsch imitiert, um ihren neuen Liebhaber zu beeindrucken.

Mehr dazu:

Web: Freistil

Das nächste Impro-Musical spielt Freistil erst am 5. Mai 2009 wieder im E-Werk; bis dahin gibt es aber regelmäßig andere Impro-Spielarten, wie Krimis und Shows.