Nightlife-Guru: Die Musik meiner Kirche @ Jazzhaus

Nightlife-Guru

Am Freitag spielten die Gottrocker von "Die Musik meiner Kirche” (dmmk) im Jazzhaus, und der Nightlife-Guru, pardon, -Papst war dabei, um seinen Horizont mal nicht nur chemisch zu erweitern. Christen-Bashing? Weit gefehlt!



Die Jungs an der Tür


An der Tür des Jazzhauses stehen heute nur eine freundliche junge Dame und ein freundlicher junger Herr. Keine Brecher in schwarzen Testosteronjacken in Sicht. Dennoch hat die Veranstaltung ein funktionierendes soziales Immunsystem, wie sich herausstellen wird.

Wer war da?

Auf dem Hinweg stehe ich an der Ampel zusammen mit einem jesusfreakig oder diakonskindrig gekleideten und frisierten Paar, das es extrem eilig hat, was mich da noch amüsiert. Die beiden lachen aber zuletzt: als ich fünf Minuten nach dem angekündigten Konzertbeginn um acht (!) Uhr eintrudle, spielt die Band bereits.



Ich staune Baukreuze. Der Laden ist voll: adrette Mittelschichtkinder und -jugendliche, dem Augenschein nach teils mit ihren Eltern. Landeier, Leute in Pfadfinderuniform mit Halstuch und Abzeichen, hippieske Jesus-Freaks-Typen, die auch mal älter ausfallen.

Inneneinrichtung und Deko

Die Band ist ausgezeichnet ausgerüstet, nix mit Improflair: Auf vier großen Flachbildschirmen werden die Texte zum Mitsingen eingeblendet, auch die Lightshow macht was her – rot, gelb, blau, grün, Strahler, es gibt alles. Scheint sehr gut zu laufen für die Jungs und Mädels. Sänger, Sängerinnen und Akustikklampfe stehen in der ersten Reihe, die elektrischen Instrumente – Bass, Keyboard, Gitarre – in der zweiten, was Nähe und Lagerfeueratmo fördert.



Soundcheck und Partyatmosphäre

Warum einige Eltern es für nötig befinden, ihre Kinder hierher zu begleiten, ist völlig unklar: Die versammelte Partygemeinde ist friedlich und flauschig wie eine Herde Schafe, und nicht die miese Sorte, die einen auf der Weide mit irrem Blick umzurammen versucht.

Der sichtbare Alkoholkonsum hält sich in Grenzen, auch vorgeglüht wirken nur wenige. Erst als ich einen Vater mit Bierglas sichte, traue ich mich auch eins zu bestellen. Die Band rockt professionell - mal denke ich an Weezer, mal an Jon Bon Jovi, Oasis oder Kelly Family.

Textlich ist es Teeniepop ohne jeden Doppelsinn; viiiel Liebe, Treue, Hingabe, Geborgenheit, Halt, Herrlichkeit, Begeisterung, bei denen als Fokus der Gefühle halt Gott dient, der immer da ist, immer zuhört und in uns Anwesende einen großen Glauben pflanzen will.

Zugegeben hat auch sonstige Popmusik keinen hohen literarischen Anspruch, aber die üblichen Sex- und Partyklischees hört man ja schon gar nicht mehr bewußt. Die Inhalte hier sind neu und für mich schwer einzuordnen, ein bisschen sonderbar erst mal.



Die korrekte Partygeste (heißt wahrscheinlich nicht „Jesusgruß“) ist eine mit segnend nach vorne weisender Handfläche und erhobenem, im Ellenbogen leicht angewinkelten Arm durchgeführte sanfte Schiebegeste, die Blicke sind entweder nach oben oder nach innen gerichtet. Direkt vor der Bühne ist eine Art Ekstasepit besonders entrückt blickender Jugendlicher.

Zwischendurch wird gepredigt und getestified - eine der Sängerinnen sprudelt mit brechender Stimme ihr Verhältnis zu Gott hervor, und ich schwanke zwischen Rührung, Grusel und massiver, massiver Verwirrung. Reality check, one-two-one-two, is this thing on?

Auf dem Klo um halb drei

Es ist, nehme ich an, dunkel und makellos sauber. Das Konzert ist zu diesem Zeitpunkt seit vier Stunden vorbei. Ok, anschließend war 90s-Party, aber das zählt nicht.

Aufregerle / Aufheiterle

Das Sicherheitskonzept ist, wie sich herausstellt, verständnisbasiert: Als sich drei Straßenpunks lautstark durch die Menge schieben, sich, die ekstatisch schwankenden und nun verständnislos kuckenden Jugendlichen verdrängend, in die vorderste Reihe stellen und als an diesem Abend Erste und Einzige im gesamten Jazzhaus demonstrativ eine Kippe anzünden, werden sie blitzartig von einem weise wirkenden Vollbartträger in ein Gespräch verwickelt und Ruhe ist. Innovatives, nachahmenswertes Securitykonzept.



Der größte und lauteste Punk ist dann auf einmal weg. In einem B-Movie wäre er wohl von der Christapo genickschusst oder seine Biomasse ins Kollektiv der Körperfresser absorbiert worden. Da dies betrüblicher-, oder doch eher glücklicherweise kein B-Movie ist, ist aller Wahrscheinlichkeit nach keines dieser Dinge geschehen. Des großen Punkers Mini-Me begegnet mir später nochmal, als er „Bier“ blaffend auf die Bar zuschlingert. Ich mache dem Mann und seiner Mission Platz.

Fazit

Ich bin nicht religiös, und ich werde nicht drüber spekulieren, aus welchen biografischen, genetischen, ideologischen oder psychologischen Gründen diese wildfremden Menschen ein Bedürfnis nach Religiosität haben, das wäre herablassend und anmaßend. Aber die Herangehensweise der dmmk-ler an Religion ist konsequent. Wenn man das Bedürfnis nach Religion hat und danach handelt, dann sollte das doch eher so aussehen.

Denn als zusätzliche Kommentarinstanz zum politischen Tagesgeschehen brauche ich Kirche nicht. Ein Bischof, der sich zum Embryonenschutz äußert oder zum Afghanistankrieg ist letztlich nur ein weiterer Typ mit einer Meinung. Lieber Schmackes und Leidenschaft, ohne das Wunder- und Sonderbare der Existenz etc. in trocken raschelnde oder ölig fließende Feuilletonspaltenmeter wohlfeiler Phrasen zu wickeln.



Stattdessen bäm, ich lebe, bäm, ich werde geliebt, bäm, ich gehöre zu einer Gemeinschaft, wenn auch zugegeben ohne auf hohem theoretischem Niveau zu operieren. Fühlt sich vermutlich gut an, kleine Ekstase zwischendurch, aber sonderbar finde ich es auch.

Welche Maßstäbe soll man an eine solche Veranstaltung anlegen? Ist es eine Party mit spirituellem Begleitprogramm für Leute, die sich keine Nachtclublogos tätowieren lassen? Oder ist es eine Religions-Dauerwerbesendung? Ein Gottesdienst? Was wurde mir heute gepredigt?



Ich denke über den Abend nach, und alles was hängengeblieben ist, ist ein vages „Gott liebt mich“, was ehrlich gesagt nichts ändert. Muss ich mir Gedanken machen, wie ich die vertretene Ideologie finde, muss ich die Homepage der Band nachschlagen, Texte deuten, Links folgen, ausschließen, dass da irgendwo untragbare Ansichten dahinterstecken?

Oder ist das übertriebener Aufwand, wie ich nicht drüber nachdenke, ob ich das ideologische Spektrum eines Reggaemusikers, eines Dancepoppers oder einer kaltschnäuzig durchgeplanten Abschleppdisse teile? Ist die Ekstase der Hinundherschwanker nennenswert anders als die der Aufundabhopser, Pepschnupfer und Sportficker? Ich verschanze mich faul und feige hinter meinen Fragezeichen. Nachdenklichkeit simuliert, Mission accomplished.

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