Nightlife-Guru: Die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten

Nightlife-Guru

Die Universitätsbibliothek Freiburg hat am Donnerstag ihre erste "Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten" veranstaltet. Nach dem Vorbild Universitäten anderer Städte gab es Workshops, Ratschläge und Hilfen gegen das Aufschieben. Für unseren Nightlife-Guru – selbst ein Aufschieber vor dem Herrn – war das Versprechen einer "langen Nacht" unwiderstehlich. Wie's war:

Die Jungs an der Tür


Die Jungs und Mädels an der Tür passen nicht so sehr auf, wer rein kommt, wie dass nichts raus kommt. Ist ja schließlich die Universitätsbücherei und die hängt an ihren Büchern. Ab und zu piept’s bei jemand und dann wird gewissenhaft nach der Piepquelle gesucht. Während der Pförtner den Korb einer Studentin begutachtet, schleicht sich euer Nightlife-Guru geschwind hinein.

Er hat zwar eine brandneue Unicard in der Tasche, auf der man jetzt auch die Gültigkeitsdauer wieder lesen kann – aber er schwitzt von der paranoiden Vorstellung, dass man ihm den katastrophalen Zustand seines Studiums ansähe und er der Tür verwiesen wird.

Dieser Nightlife-Guru ist nämlich Zielgruppe für die lange Nacht des Aufschiebens. Ein Nachmittag in den West-Arkaden? Am Stand der Baustelle seht ihr: der Guru war vor zwei Jahren dort spazieren – der Testbericht ist letztens erst fertig geworden. Spaß. Erst mal die Unicard aufladen. Wie viel Guthaben brauchen wir wohl für den Abend an der Kaffee- und Vitaminbar? Zehn Euro.

Inneneinrichtung und Deko

In der UB ist alles voller Bücher. Bücher sind grundsätzlich zu begrüßen, und nicht nur wegen der Raumakustik. Wie euer Nightlife-Guru immer sagt: Ein Club ohne Bücher ist wie ein Set ohne Tiefen.

Das Schöne an der Ersatz-UB ist, dass sie wirklich wie eine Denkfabrik aussieht. Diese großen Werkhallen des Lernens mit den unzähligen Arbeitsplätzen; die Gedankenlager aus stählernen Bücherregalen; die unverputzten Wände im Neon-Keller des Freihandmagazins. Die alte Stadthalle schafft die verblüffende Verbindung von Bücherei- mit Industrie-Charme.

Wer war da?

Nicht unviele. Donnerstagabend um sechs ist die UB noch recht belebt. Euer Guru ist zunächst unsicher, ob das an der Veranstaltung liegt oder immer so ist. Die aktuelle UB hat erst seit Ende 2008 geöffnet und euer Guru hat schon länger nicht mehr richtig studiert. Irgendeinen Preis muss das tägliche Feiern ja haben.

Die Begrüßungsrunde im Foyer zählt knapp 40 Teilnehmer. Der später ständig überfüllte Seminarraum – hier legen halbstündlich wechselnde Folienjockeys so genannte Workshops auf – deutet darauf hin, dass noch mehr Teilnehmer zwischen den Floors rotieren.

Antje Kellersohn, die Direktorin der Universitätsbibliothek, richtet Begrüßungsworte vom Vizerektor der Uni aus. Er bedaure, dass er wegen einer Dienstreise verhindert sei, denn er habe selbst noch einige aufgeschobene Hausarbeiten in der Schublade.

Partyatmosphäre und Workshop-TÜV

Die Stimmung in der UB ist geschäftig und fröhlich. Heute scheint kein Abend für Lernstress und Prüfungsangst zu sein. Die meisten Besucher glühen vor Lust auf Wissen und Spaß am Denken.

Eine Frau am Büchertisch macht eine Liste mit den Signaturen jedes ausgelegten Buches zu Arbeitstechniken und Motivation. Ohne Titel dahinter. Meine These: Sie wird sie alle ausleihen und nacheinander lesen, statt mit ihren Hausarbeiten loszulegen. Alter Trick.

Im Foyer beantworten Fachreferenten der Bibliothek Fragen und geben kleine Tutorials. In der Caféteria – die ausnahmsweise bis 22 statt 18 Uhr bedient – gibt es eine Vitaminbar mit Obst für 30 Cent, live gepressten Gemüse- oder O-Saft, und eine heiße Kartoffelsuppe.

Euer Guru entscheidet sich für die Workshops um 18:45 Uhr (Schreibübungen; am Beamer steht Dr. Anne-Kathrin Hillenbach) und um acht („Strategien gegen Aufschieberitis“). Von „Gymnastik und Entspannungsübungen“ – auf dem Floor „Vorsortierraum“ – hält er nichts. Ist doch bloß Prokrastination.



An der Bar

Also ein bisschen Zeit bis zum ersten Set. Kurz an die Bar für O-Saft, Käsebrötchen, Bagel und Käsekuchen. Und noch einen O-Saft, denn der Drink ist süß und die Bedienung ist erstklassig freundlich und schnell. In einem Nebenraum der Caféteria erklären Experten das Literaturverwaltungsprogramm, das die Uni ihren Studenten zur Verfügung stellt.

Hier wird es eurem Guru zu laut. Arbeitsgruppen gröhlen und lachen alles von sich, was sie im Lesesaal zurückhalten mussten. Dem Guru beliebt zu chillen und er macht sich auf den Weg nach seinem Lieblingsfloor: Dem Keller des Freihandmagazins. Meistens ist er hier alleine oder er kann es sich zumindest einbilden, weil die anderen Nutzer von Regalen versteckt werden. Bis auf das Rauschen der Lüftung: Stille. Und Gänge aus Buchrücken, so weit das fahle Licht reicht.

Beiläufig bleibt der Guru an vier Büchern hängen, die er später ausleihen wird: Einem Ratgeber für „Second Life“ (eigentlich nur, weil er seinen Freunden Sätze zum Besten geben will wie: „Bestimmte Attachments – und dazu gehören geskriptete Genitalien – tragen zum Lag bei. Sie tun also allen Anwesenden einen Gefallen, wenn Sie sie abnehmen.“ Gnihihi); den beiden Folgen des Lexikons des Unwissens (weil der Guru ein großer Kathrin-Passig-Anhänger ist und diese Lexika noch nicht gelesen hat); und einem Drehbuch-Buch.

Weiter zum Workshop. Leider übervoll und dicke Luft. Obwohl der Guru zu spät ist, schwant ihm, dass es statt um Schreibübungen immer noch um die Struktur einer Hausarbeit geht. Das hat er alles schon irgendwo auf einem Flugblatt aus dem ersten Semester. Ihm ist es hier sowieso zu stickig, also kurz Unicard nachladen und zurück an die Bar. Guru hat ja die Kartoffelsuppe noch nicht probiert und noch so ein frisch gepresster O-Saft wäre jetzt das Beste.

Nach dem Essen Workshop II: „Strategien gegen Aufschieberitis“. Immer noch so voll. Aber der Vortrag ist kurz und gut. Ein idealer Schlusspunkt. Der Nightlife-Guru ist jetzt auch müde und möchte nach Hause gehen. Viel von der langen Nacht in der 24-Stunden-Bibliothek hat er sich ja nicht um die Ohren geschlagen. Aber er muss auch noch die vier Bücher durchlesen und je früher er das gemacht hat, desto früher kann er mit seinen Hausarbeiten beginnen.

Auf dem Klo um halb neun



Aufheiterle

Der Workshop „Unter Druck arbeite ich am besten – oder doch nicht? Strategien gegen Aufschieberitis“ von Erziehungswissenschaftlerin Kristin Schmidt.

Vom beinharten Erkenntniswert her mehr oder weniger wie der hundertste ZEIT-Campus-Artikel gleichen Titels. Und wieder das Gefühl: Das weiß ich doch alles! Es braucht nicht viel gesunden Menschenverstand um sich zu sagen: Eigentlich müsste ich mir nur die Zeit nehmen. Eigentlich müsste ich nur mal anfangen. Eigentlich muss ich mir nur einen Plan machen und mich gut strukturieren... aber der Vortrag ist praxisnah, weil er auf einer Studie an dieser Uni fußt. Er ruft einiges über gute Zielsetzung im Arbeitsalltag wieder in Erinnerung – und vor allem ist Schmidt wertschätzend. Sie verrät nicht, ob sie selbst eine Aufschieberin ist, aber zumindest wirkt sie nicht, als hielte sie diese Eigenschaft von angeblich 80 Prozent aller Studierenden (ein Drittel davon therapiebedürftig!) für einen Charakterfehler.

Aufregerle

Nach der langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten ist keine einzige Hausarbeit fertig. Wen kann ich zur Rechenschaft ziehen?

Fazit

Naja, an messbaren Zielen (Hausarbeiten geschrieben) hat die lange Nacht nicht viel bewegt. Auch ist die Grundhaltung der Veranstalter eine veraltete. Kathrin Passig (und Sascha Lobo) plädierten schon 2008 in „Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin“ dafür, Aufschieber nicht ändern zu wollen, sondern anzuerkennen, dass sie prokrastinierend viel für die Gesellschaft beitragen. Bei der langen Nacht spiegeln Büchertisch und Workshop-Curriculum das noch nicht wider.

Kurse in „Zitierregeln“ und „Literaturrecherche für Wirtschaftswissenschaftler“ sind zur Lösung des Kernproblems so hilfreich, wie bei einem Brand die Feuerwehr das Nachbarhaus mit Wasser kühlen zu lassen. Aber der Nightlife-Guru hat seinen Partybericht gleich am nächsten Tag in der fudder-Redaktion abgeliefert. Hat’s etwa doch was geholfen?



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