Nightlife-Guru: Die Fightnight-Gala in der Staudingerhalle

Nightlife-Guru

In der Turnhalle der Staudinger Gesamtschule saßen am Wochenende keine gelangweilten Sportschüler, sondern Hunderte Zuschauer der Fightnight. fudders Nightlife-Guru hat sich unter sie gemischt und den Duellen zugeschaut.

Kampfring statt Turnbänke

Die Turnhalle der Staudinger-Gesamtschule. Normalerweise stehen hier Bock, Barren und Schwebebalken. Auf den Bänken sitzen Jungs, die keine Lust auf Turnen haben und Mädchen, die sich vor dem Fußball drücken. Normalerweise – denn jetzt steht in der Mitte der Halle keine Turngerät, sondern ein Käfig, der von Scheinwerfern beleuchtet wird: ein Kampfring, umzäunt mit einem Gitter. Um ihn herum hocken keine bockigen Kindern, sondern Hunderte Menschen, die an ihrem Pils nippen und in ihr Wurst-Brötchen mit Senf beißen. Sie starren mit weit aufgerissenen Augen in Richtung des Kampfrings, klatschen, stehen von ihren Sitzen auf und ballen die Hände zu Fäusten. "Auf geht’s", hört man sie brüllen. In der Halle der Staudinger-Gesamtschule findet an diesem Abend kein Schulsport statt – sondern die Kampfsportgala "Cage Bros Vier". 32 Kickbox- und Mixed Martial Arts-Kämpfer – in den Gewichtsklassen von 55 bis 93 Kilo – werden sich an diesem Abend duellieren.

Der jüngste Kämpfer

Aus einer Ecke steigt Rauchnebel auf, die kratzige Stimme von Rammstein tönt aus der Anlage. Die laute und schrille Musik weckt das Adrenalin. Die Scheinwerfer beleuchten den Kämpfer, der konzentriert und mit gesenktem Kopf aus seiner Kabine zum Käfig läuft. Er: ein kleiner Junge mit blauen Augen und weichen Gesichtszügen. Chancey Schneider von den Freiburger Fight-Bros ist gerade mal 15 Jahre alt und wiegt unter 55 Kilo. "Süß" hört man eine Frau aus dem Publikum sagen.

Chancey trägt dicke, rote Boxerhandschuhe, einen Schutz für Kopf und Beine und eine enganliegende Short. Er nickt zur Musik, ballt die Boxerhandschuhe zusammen und steigt in den Ring. Sein Gegner: drei Jahre älter und kräftig gebaut. Sie stehen sich gegenüber und starren sich in die Augen. Start! Chancey tippelt mit seinen Füßen schnell auf den Boden, nach links und rechts, vor und zurück. Er tänzelt um seinen Gegner. Dann dreht er sich, streckt sein Bein in die Luft und verpasst ihm einen kräftigen Schlag.

Die Frau, die Chancey gerade noch als "süß" bezeichnet hat, stellt ihr Pils auf den Boden. Mit großen Augen blickt sie zum Käfig und scheint fassungslos, wie viel Kraft in diesem kleinen Jungen steckt: der kleine Junge, der rechtlich gesehen noch nicht mal mehr Bier kaufen darf, sich aber Rammstein als Einlauflied wünscht – und seinen Gegner ordentlich zum Schwitzen bringt.

Der älteste Kämpfer

Keine düstere Rammstein-Mukke. "Hodi odi ohh di ho di eh" schallt durch die Halle. Der 46-jährige Horst Streitmatter schlendert aus seiner Kabine und summt vor sich hin. Das Publikum fängt an zu kichern. Denn das Einlauflied, das sich der kräftig gebaute, glatzköpfige Heinz gewünscht hat, ist "Hulapalu": der Hit des österreichischen Volksliedsängers Andreas Gabalier.

Doch auch hier verstummt das Gekicher. Das Schwergewicht, das gerade noch fröhlich gepfiffen hat, schleudert seinen Gegner auf den Boden. Es kracht, Daniel Pantelimon von den Fight-Bros fällt. Doch dann greift er sich das Bein seines Gegners. Die Kämpfer haben sich gegenseitig in der Klemme und pressen sich auf die Matte. Ihre Adern zeichnen sich auf ihren Schläfen ab und ihre Köpfe laufen rot an. Dann gelingt es Pantelimon sich zu befreien und Streitmatter gegen den Käfig zu pressen. Seine Körpermasse zeichnet sich zwischen dem Gitter ab. "Stop", ruft der Kampfrichter. Pantelimon gewinnt.

Die Stimmung

Man schaut in angespannte Gesichter. Gesichter, die sich erschrecken, wenn Fäuste auf Gesichter einschlagen, Beine gegen Bäuche treten und schwere Körper auf den Boden krachen. Die Zuschauer fühlen mit. Sie kneifen die Augen zu, wenn die Nase anfängt zu bluten, geben "Oh", "ah" und "Ouu"-Töne von sich. Wird Einlaufmusik eingespielt, spürt man die Gänsehaut auf den Armen. Siegt ein Kämpfer, klettert auf den Käfig und ballt die Faust, freut man sich mit ihm. Das Herz pocht vor Aufregung. Der Körper ist angespannt. Doch dann die Erleichterung, wenn ein Sieger gekürt wird – und die Freude, nach dem Kampf: die Gegner nehmen sich in den Arm, klopfen sich auf die Schulter und schenken sich gegenseitige Anerkennung. Sie lächeln – und man kauft ihnen ab, dass sie es ernst meinen.

Das Publikum

Hauptsächlich Männer, denen man meist das Fitnesstraining ansieht. Fans und Freunde tummeln sich in Gruppen in der Menge und stehen auf, wenn ihr Kämpfer in den Ring steigt. Man kennt sich, schüttelt Hände, lächelt sich gegenseitig zu und stößt mit dem Bier an. Hass zwischen Gegner oder Kampf-Klubs: Fehlanzeige. Der Sport scheint zu verbinden.

Fazit

Sei es der junge Chancey, oder der 46-jährige Heinz, der Andreas Gabalier hört: Man hört die Zuschauer tuscheln und vorurteilen – doch dann sieht man die Männer kämpfen gebührt ihnen Respekt. So ist es auch mit der Kampfsportart Mixed-Martial-Arts. Viele bezeichnen sie als "Straßenkampf", oder zu brutal. Hart sind die Kämpfe gewiss, weil fast alles erlaubt ist – doch gerade dadurch ist diese Sportart auch so ehrlich. Es gewinnt der, der schlauer ist und die bessere Kampftechnik anwendet. Und in welcher Sportart sieht man Gegner, die sich am Ende in den Arm nehmen und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen – nicht nur, weil sie es müssen?

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