Nightlife-Guru: Deutschland – Australien im Mensagarten

Nightlife-Guru

"4:0 - Wir tröten alle weg!", so die heutige Schlagzeile der Bildzeitung. Diese fast schon nationalistische Aufbruchsstimmung ist gestern Abend beim öffentlichen Gucken im Mensagarten unter 2500 Zuschauern so nicht spürbar gewesen. Unser Nightlife-Guru nahm eher teil an einem relaxten Sit-In in Schwarz-Rot-Gold, was ja nicht unbedingt das Schlechteste ist.



Am Einlass

Meine anfängliche Euphorie bekommt beim Anblick der beachtlichen Schlange vorm Mensagarten einen gehörigen Dämpfer. Also brav hinten anstellen. Dank des freien Eintritts und der zügigen Sicherheitskontrollen findet man sich doch recht schnell zwischen 2500 Fans auf dem Mensagelände wieder. Dementsprechend schwer ist es, seine vorher angekommenen Mitgucker im Trikotmeer zu orten.

Um mich herum ein Gewirr von Stimmen, auch eine kleine Fraktion nativer Australienfans ist nicht zu übersehen, das blaue Sternenbanner durchbricht tapfer das allgegenwärtige Schwarz-Rot-Gold. Ganz in der Nähe finde ich meine Freunde und setze mich dazu. Rechtzeitig zur Hymne wird mir ein kühles Bier in die Hand gedrückt. Das zweite Sommermärchen kann beginnen.

Der Rundumblick

Von meinem Platz auf der Wiese sehe ich direkt auf das Mensagebäude und die Leinwand mit kleiner Tribüne. Davor stehen Biertische, aber die große Grasfläche und selbst der Mittelgang zwischen den Tischen sind gefüllt mit Fans. Ein Flickenteppich aus Handtüchern und Decken bedeckt die Wiese, alles erinnert an ein Riesenpicknick. Eine Nation im Schneidersitz! Das Personal an den zwei Bier- und Imbissständen steht unter Hochdruck, es bilden sich große Trauben durstiger Seelen.



Wer war da?

Das studentische Publikum zeigt sich bei der Hymne weniger textsicher. Man lacht befreit, wenn der Nebenmann sich ebenso verhaspelt und einigt sich schnell darauf, dass Khedira es schließlich auch nicht besser kann.

Die Australier geben da ein besseres Bild ab, selbst der als Talisman mitgeführte Plüschkoala wird fleißig im Takt geschwenkt. Nach kurzem Anpfiff-Jubel nimmt alles wieder brav Platz, die Freiburger Gemütlichkeit kann auch kein WM-Spiel durcheinander bringen.

Man drückt dicht an dicht gehockt die Daumen: Da sitzt eine Dame mit Odonkor-Trikot neben beflaggtem Freund,  am Rand stimmen Herren in schwarz-rot-goldenen Blumen die ersten Gesänge an. Ab und zu werden links und rechts Insidertipps und gewagte Prognosen ausgetauscht. Manche Gruppen bilden Gesprächskreise. Viele erwarten jetzt schon einen klaren Sieg für die deutsche Mannschaft, das lockert die Stimmung.



Partyatmosphäre und Spiel-TÜV

Die Szenerie ist geprägt durch buddhistisch anmutende Friedlichkeit. Natürlich wird nach dem ersten Tor von Prinz Poldi und auch nach jedem weiteren ekstatisch gejubelt und gesungen, aber weite Strecken des Spiels verweilt man sitzend im Relax-Modus. Irgendwie hatte ich das von der WM 2006 noch anders in Erinnerung: Massenhüpfen und Stehblock war damals angesagt, oder? Natürlich ist der Mensagarten nicht das Dreisamstadion und das erste Spiel nicht das Finale, aber irgendwie fehlt vor lauter Harmonie doch ein wenig die Gruppendynamik. Aufstehen kommt aber auch nicht in Frage, schnell fordern die Umsitzenden mein „Hinsetzen!“ ein.

Spätestens ab dem dritten Tor ist dieses aber Ärgernis vergessen: kaum hat man sich wieder hingesetzt, muss man für den Cacautreffer wieder aufspringen. "Oh, wie ist das schön...", endlich kommt richtige WM-Stimmung auf. Und die Australierfans, die tapfer durchhalten?

„Mir gefällt die Atmosphäre hier, der Punktestand natürlich nicht besonders. Aber ich hoffe einfach mal auf die zweite Halbzeit“, meint Steve in der Halbzeitspause. „Man wird hier gut empfangen, Fußball verbindet eben“, ergänzt sein Nebenmann.



In der zweiten Halbzeit wird allgemein mehr gesungen. Eine kleine Gruppe Begeisterter skandiert ohne Unterlass den Namen Lukas Podolskis oder bekräftigt, dass es nur einen Miro Klose gebe. Simple Wahrheiten, die gerade heute Abend immer wieder aufs Neue Begeisterung wecken. In den letzten Minuten wird nur noch siegessicher und fröhlich geschwatzt und als der Sieg dann amtlich ist, höflich geklatscht. Selig lächelnd begibt man sich wie nach einem Massengebet nach Hause oder zum Hopkonzert vorm Theater.

Catering und Getränkekarte

Am Eingang wird an einem mit der Flagge Paraguays geschmückten Imbiss Bratwurst im Brötchen feilgeboten, Alternative: Gemüse-Pizzaschnitte. Beides kostet jeweils 2,50 Euro, genauso viel wie ein Bier.



Aufregerle

Die gelbe Karte für Özil. Was sollte das denn? Und: Die sehr langen Schlangen vor den Bierständen und Toiletten. Weder das eine, noch das andere ist in ausreichendem Maße vorhanden und so verpasst manch einer mindestens zwei der vier Tore. Das Stempelsystem am Eingang verschafft gegen Ende etwas Linderung bei der Toilettennot.

Aufheiterle

Kloses Torjubel. Da konnte man wirklich befreit und heiter auflachen. Expert!

Fazit

„Die Atmosphäre ist zwar noch deutlich steigerungsfähig. Aber Deutschland hat doch einen guten Einstand gehabt, fußballerisch war das eine super Leistung“, meint Gregor, 21. Dem kann ich mich nur anschließen, obwohl die Atmosphäre eigentlich nicht unpassend war: Souveränität führt eben zu Gelassenheit und die konnte man sich ja dann durchaus erlauben. Das Turnier hat für Deutschland gerade erst begonnen und Luft nach oben, auch feiertechnisch, ist doch herrlich.

[Fotos: Guru, dpa, Rita Eggstein]

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