Nightlife-Guru: Delicious Off-Beat Festival

fudder-Redaktion

Zum 7. Mal lud das Esperanza Soundsystem zum "Delicious Off-Beat Festival" – drei Nächte Dub, Reggae und Balkanbeats. In den vergangnen Jahren fand Veranstaltung entweder ganz oder zu großen Teilen in der KTS statt. Dieses Jahr wagten sich die Organisatoren ins Freie: Feuerzauber, Filme, Musik und friedvolles Beisammensein auf den Wiesen des Schattenparker-Wagenplatzes. Ein Mini-Woodstock vor den Toren Freiburgs!



(Die Jungs) An der Tür (Bauzaunlücke)

Am Bauzaun entlang und dann scharf links in die erste Lücke. Da warten die gemischtgeschlechtliches Empfangskomitees - manchmal zu zweit, manchmal als Kleingruppe. Die Zaunlückenschützer bauen aber keine Einschüchterungskulisse auf.

Niemand wirkt wuchtig oder kuckt grimmig. Freundlich, entspannt, teils gar mild gelangweilt hantieren sie mit dem Geld und drücken Ankömmlingen ihren Stempel auf. Gleich wird zudem klar: Einen Dresscode gibt’s nicht. Viele Wurstlockenköpfe nähren eher den Verdacht, hier könnten Frisurzwänge bestehen. Ein paar Strähnige und Kurzhaarige widerlegen das aber sofort.

Inneneinrichtung und Deko

Wenn’s am Himmel über den Häuptern funkelt, braucht niemand großen Schnickschnack. In Woodstock gab es ja auch nichts als Gras. Das dampft auf dem Schattenparker-Wagenplatz an allen Ecken, wächst aber nur in einzelnen Büscheln auf der Fläche hinter dem Eingang.

Auf ihrer linken Seite steht ein großes schmuckloses Zelt, das die Mainstage überspannt. Außen hängt ein Bildschirm für Übertragungen der Konzerte. Weiter hinten, nach ein paar Verkaufsständen, türmt sich jenseits des umlagerten Lagerfeuers die rustikale Open-Air-Kneipe auf: Eine offene, hölzerne Dachkonstruktion getragen von einem Wagen und Bäumen.



Auf der anderen Seite des Platzes führt der Rundgang an den Bauklos vorbei zurück zum Eingang. Davor zweigt rechts ein Pfad ab. Er windet sich durch Büsche und Bäume, über Stock und Stein dorthin, wo alles im Bassdruck flattert – die Dubstage mit ihrem rootsigen Dancefloor.

Die Tanzfläche ist umrahmt von Grünzeug, ruht unter einem Blätterdach. So etwas hatte nicht einmal Woodstock zu bieten. Rein ambientemäßig erinnert das Dickicht eher ans Dschungelcamp…

Wer war da?

Die Zottellockenfraktion war, wie erwähnt, stark vertreten. Auch schwarze Textilien muss niemand lange suchen. Iriedaily, Soljahs und Generäle in der „Jah Army“ stehen ebenfalls hoch im Kurs.

Sonst lassen sich kaum Uniformitäten ausmachen, außer dass die Masse auffälliges Make-up, Stöckelschuhe und Festtagskleidung offenbar meidet. Schickimicki ist fehl am Wagenplatz! Ein lockerer, auch bisschen lottriger Look herrscht vor.



Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Am Donnerstag legt das Festival dezent los. Freitag und Samstag zieht es an: Der Besucherstrom schwillt beträchtlich. Die Stimmung zappelt zwischen freudig und ausgelassen; die Menschenmasse fluktuiert zwischen Feuershows, Theatereinlagen und Sounds hin und her.

Lücken sind rar – besonders an der urwüchsigen Dub-Stage, wo die Boxentürme des Sequoia-Soundsystems aus England mächtige Klangwellen aufwühlen! Der Bass bläst mit Wummerstärke zehn, in Böen sogar bis zwölf. Ein Armutszeugnis, dass kaum eine Diskothek in der Stadt so viel Druck auf ihre Tanzflächen pumpt. Die Sequoias müssen ihr Soundsystem bremsen, damit es die Live-Konzerte nicht überdröhnt.



Das Programm von mehr als 20 DJs und fünf Bands liefert einige bis viele Höhepunkte – je nach Stilvorliebe: moderner Dub, klassischer Roots-Reggae, Dubstep, Balkan-Ska, Future Dub oder Jungle.

Der erste Abend präsentiert drei Generationen an Reggae DJs aus der lokalen Szene. Neben der üblichen Masse an Hits und Klassikern setzen die dubbigen Eigenproduktionen von Dr. Chalice und Mr. High sowie die treibenden Remixe vom Ruff Song Movement besondere Akzente. Auf der Mainstage beweist Dub Tub Band, dass Freiburg endlich eine supersolide Reggae-Riddim-Truppe aufweisen kann.

Danach heizt DJs Bogdan den Besuchern mit osteuropäischer Musik ein. Mich lässt sich kalt – einfach nicht mein Ding. Entsprechend kann hat mir die Mainstage am Freitagabend bieten. Zu balkanlastig - hämmer, hämmer und holterdipolter, aber einfach keine Grooves.



Dafür liefern die Leipziger Jahtari-Jungs zusammen mit Sister Zoum ein massives Dub-Set ab. Auch am Samstag sticht der plinkerige, pseudobillige Elektro-Sound von Jahtari aus der Masse heraus. Dagegen enttäuschen die Sequoias, die ihre richtig fette Anlage leider nicht mit richtig fetten Beats ausreizen. Das besorgt später das coole Jungle-Mix von DJ Dubby Ranks.

Unter den Bands reizen mich am Samstag nur die Freiburger Uplifters, die feinen Ska und Reggae darbieten. Der Gesang schmerzt zwar bei ein paar nachgesungenen Tunes. Aber was soll’s. Zu den Ukrainians muss ich wohl kein Wort verlieren. Da spricht schon der Name für sich beziehungsweise für mich gegen ihre Musik.

Catering und Getränkekarte

Teils wechselt die Biermarke gleich mehrmals an einem Abend. Dafür bleibt die Temperatur des Gerstensafts immer gleich: Sie dümpelt um halbkühl-lauwarm. Dafür Weiter gibt’s Mate-Tee, Apfelschorle, Wasser und Cocktails. Die sind lecker, die Preise zivil, der Service mal flott, mal stockend, mal muffig, mal nett.

Am Donnerstag kochen Grüppchen ihre Süppchen hier und da zwischen Zelten und Wagen. An den anderen Abenden verkauft die Volksküche vegetarische Speisen in ökologischem Einweggeschirr, nämlich Salatblättern.

Auf dem Klo um halb vier

„Hee, wosn hier der Lichtschalter?“, rollt dem Kappenträger schwer von der Zunge. Im zweiten Anlauf hat er immerhin die Seite der Dixi-Klokabine gefunden, die sich tatsächlich öffnen lässt. Er ist einer der wenigen mit unüberseh- und hörbarer Schlagseite. Nachdem er mit der Hand irgendwie feuchtklingend in der Urindampfkammer herumgetatscht hat, gibt es die Suche nach dem Schalter auf.



Aufregerle

Andere Duftnoten als Urin passen besser zu einem Dub- und Reggae-Festival. Leider ziehen dennoch beißende Harnschwaden über das Gelände, weil die Kabinen nicht weit genug weg stehen. In der Samstagnacht laufen sie auch noch über, so dass anrüchige Pfützen bilden.

Fazit

Ja, mehr davon! Das Drumherum mit Wiese, Bäumen und Büschen ist schon der halbe Bringer. Den Rest besorgen die Musik, der fette Sound und besonders die erstaunlich friedliche, hippieske Atmosphäre. So muss es in Woodstock gewesen sein, malt sich der Nachgeborene aus.

Da kümmern sogar kleine Schwächen wie warmes Bier kaum. Schließlich sind die Organisatoren keine Vollprofis, sondern Überzeugungstäter. Aber allemal lieber ein Open-Air-Festival, das teils improvisiert rüberkommt, als gar keins! Die meisten professionellen Veranstalter scheuen ja das unberechenbare Schlechtwetter-Risiko. Die Jungs vom Esperanza-Soundsystem wurden mit regenfreien Tagen belohnt, die Besucher mit einem definitiv kultigen Musikereignis.



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