Nightlife-Guru: Deep Station im White Rabbit

Nightlife-Guru

"Follow the white rabbit!" Seit Wochen hatten sich diese Worte in das Innenohr des Freiburger Nightlife-Guru eingefräst. "Follow the white rabbit! Steige aus und erweitere dein Bewusstsein!" So war es höchste Zeit für ihn, dieser Aufforderung einmal nachzukommen.

(Die Jungs) An der Tür


Verdammt! Wo bin ich hier gelandet? Kaum die Treppen am Siegesdenkmal hinabgestiegen, hatte ich unmerklich den Weg in eine andere Zeit beschritten. 6 DM. Mit schwarzem Edding auf einem altersbedingt fleckigen und zerknitterten A4-Blatt aufgemalt, grinst mich der Eintrittspreis spitzbübisch an. Erleichtert atme ich auf, als meine vor Schreck weit aufgerissenen Augen das „Kleingedruckte“ erblicken: die „Tür“ nimmt auch „Fremdwährung“ entgegen.

In nachlässiger Haltung auf Barhockern sitzend, sich locker und ungezwungen unterhaltend, nehmen die Jungs mein Geld – 3 Euro – entgegen. Im Gegenzug erhalte ich das Mahlzeichen des Abends auf mein rechtes Handgelenk: ein in einem Kreis gefangenes, stilisiertes Häschen.

Zu später Stunde will mich der bedrohlich schwarze und undurchsichtige Vorhang am Verlassen des Raumes hindern. Er kämpft ersichtlich mit unfairen Mitteln – wer kann es ihm versehen? – weiß er doch von Anfang an, dass ich siegreich aus diesem Kampf hervorgehen werde.

 



Einrichtung & Deko

Über die Einrichtung des Wheit Raebbit / White Rabbit kann (und darf) man streiten. Gehen doch mit Sicherheit keine stilprägenden Impulse von ihr aus – sofern man diese überhaupt im Nachtleben sucht.

Ein gewölbtes Kellerlokal, schwere Holzmöbel im Bar- und Kneipenbereich, zwei Diskokugeln, deren rot und blau angestrahlte Spiegelglasplättchen für zusätzliche Beleuchtungseffekte sorgen. Diese Rustikalität vermittelt mir jedoch ein Grundgefühl von Vertrauen und Geborgenheit. Ich fühle mich sogleich sehr wohl.

Mit einem Eyecatcher kann das Wheit Raebbit / White Rabbit dennoch aufwarten: spacige Trockenhauben im Stile der 50er/60er-Jahre verbreiten als Wandleuchten ein opaliszierendes Licht. Jeden Augenblick erwarte ich eine Doris Day, Brigitte Bardot oder das Lieschen Müller von Nebenan darunter. Allerdings warte ich den ganzen Abend vergebens.

Nicht zur Deko scheint ein in Schutzfolie verpacktes Piano zu gehören. Einsam steht es in der Ecke, zwischen Kneipenbereich und Dancefloor. Für einen kurzen Augenblick regt es mich an zum träumen, von durchzechten Nächten in verqualmten Jazzclubs. 

Wer war am Start?

Ich war nicht der einzig (aus-)erwählte, der diese eingangs beschriebene Stimme vernommen hatte. Zahlreiche Gruppen beiderlei Geschlechts, irgendwo zwischen adrett gerichteten Abiturientinnen und unangepasstem Langzeitstudierenden, saßen an den Tischen, standen an der Bar oder fläzten sich in die zwei, drei die Tanzfläche eingrenzenden Sofasessel. Lässig und ungezwungen unterhalten sie sich, es wird viel gelacht. Ob No-Name oder Newcomer-Label, ob schlicht und einfach oder detailverliebt, gestylt sind alle getreu der Maxime: „Wir können, müssen aber nicht.“ Urbane Streetwear ist zwar vorherrschend, das Wheit Raebbit / White Rabbit gibt jedoch keinen Stil vor.

Auch entdecke ich den stadtweit bekannten Mann, der, ob bei Tageslicht oder nachts, ob Regen oder Sonnenschein, die Plakate zahlreicher Veranstaltungen an die Wände heftet.

Catering und Getränke

Ich schaue (zu) tief ins Glas und gebe – dem biblischen Prinzip entsprechend – den „Apfel“ zurück. Zurück zu der jungen Frau, die mich an jenem Samstagabend mit dem anmutigsten und gewinnendsten Lächeln, das selbst den härtesten Kerl wachsweich werden lässt, bedient hat. To fall in love!
Auch die Preise überzeugten mich von Anfang an, ein großes Pils, dessen Namen ich mir allerdings nicht (mehr) merken konnte, kostet 2, 50 Euro und – positiv überrascht – Astra, das Kultbier aus Hamburg, kostet ebenfalls nur 2 Euro. Bier, ob in Flaschen oder im Offenausschank, ist denn auch die meistgetrunkene Flüssigkeit des Abends. Ins Auge fallen dadurch auch zwei Jungs, die jeweils Wodka-Lemon oder Whisky-Cola trinken.

Partyatmosphäre

„…Vor Neugierde brennend, rannte sie ihm (dem weißen Kaninchen) nach über den Grasplatz und kam noch zur rechten Zeit, um es in ein großes Loch unter der Hecke schlüpfen zu sehen. Den nächsten Augenblick war sie ihm nach in das Loch hineingesprungen, ohne zu bedenken, wie in aller Welt sie wieder herauskommen könnte…“

Auch ich renne dem großen weißen Kaninchen hinterher, springe in das Loch und falle unaufhaltsam hinab. Tiefer, tiefer und tiefer. Deep deep down inside. Aufgefangen werde ich von technoid schiebender elektronischer Musik, welche die beiden DJs des Abends, Kowski & Ricordo über die (noch) leere Tanzfläche behutsam streuen. In diesen musikalischen Wohlfühlraum lässt sich genüsslich eintauchen – was ich denn auch tue – und so lasse ich mich auf diesen fluffigen Melodien und leicht slammenden Beats sanft treiben.

Kowski & Ricordo nehmen allmählich Fahrt auf, legen eine Schippe ihres schwarzen Goldes – es gibt sie noch, die Vinyl-Liebhaber – nach der anderen auf und bringen den (Deep-)House-Train ins Rollen.

Ein tighter Beat, schräg gegeneinander laufende Synthies, Hintergrundschalleffekte und die unverkennbare Trademark-Bassline und ich weiß: Next Stop, East Orange / New Jersey. Meine Augen strahlen vor Euphorie. Die DJs spielen die neueste Veröffentlichung der House-Legende Kerri Chandler ein. Niemand kann sich diesem Sound entziehen, die Tanzfläche füllt sich und auf geht’s.

Mit hoher Geschwindigkeit geht’s aus New Jersey hinaus. Auf einen Klangbett aus offenen und geschlossenen Hi-Hats und groovenden Chords peitschen Kowski & Ricordo den Zug und damit uns Feiernde mit einem kurzen Zwischenhalt in Chicago nach Detroit. Von dort geht’s nach Berlin, wo die Crowd des Wheit Raebbit / White Rabbit zu Kellerkinderfunk und Techno-Soul ins Schwitzen gerät. Es bewahrheitet sich: House Music is what you sweat.

Nach einem längeren Aufenthalt in New York – was wäre eine (Deep)House-Party ohne Klassiker von den Masters At Work? – verlasse ich mit glühenden Wangen und glänzenden Augen den (Deep)House-Train, verabschiede mich von dem nun allgegenwärtigen weißen Hasen und beginne den Eingangs erwähnten Kampf mit dem Vorhang.
   



Auf dem Klo (um halb vier)

 
Ein junger Kerl um die zwanzig versucht einer äußerst attraktiven Blondine einen Kuss aufzudrücken, wenn nicht gar seine Zunge in den Hals zu schieben. Geriet sein Blut vollends in Wallung durch das Graffiti auf dem Klo? Sie hingegen wendet sich mit einem Lachen von ihm ab, eilt die Treppe hinab und sucht (vorläufig) Schutz in der Gemeinschaft der Tanzenden. Ob er im Verlauf des Abends noch erfolgreich sein wird, entzieht sich meiner Beobachtung.

Aufheiterle

Ein junges Mädel befindet sich, zumindest gedanklich, weder in New York, Chicago, Berlin oder Detroit. Ihre Welt sind die Sonne, das Meer und die Palmenstrände der indischen Westküste, genauer: Goa. Tanzend interpretiert sie die Musik auf ihre eigene Art und Weise. Später sitzt sie, dem Klischee einer Hippie-Raverin entsprechend, im Schneidersitz auf einem der Sofas.

Klangwaren-TÜV

Jedenfalls in meinen Augen gehören Kowski & Ricordo zu den up and coming DJs in Freiburg. Sie spielen ihr Set back-2-back, four hands do it better, und überzeugen insbesondere damit, dass sie nicht nur die neuesten Veröffentlichungen, sondern aus einer Vielzahl Klassiker die Perlen zur rechten Zeit auf die Turntables packen. Die Lautstärke ist durchweg angenehm.

 



Fazit

Die DeepStation im WhiteRabbit ist Wunder- und Schlaraffenland für (Deep)House-Connaisseure in ungezwungener Atmosphäre.

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