Nightlife-Guru: Das letzte Mal Schmitz Katze – die Silvesterparty

Nightlife-Guru

Das Schmitz-Katze feierte in der Silvesternacht ihre letzte Party. Unser Nightlife-Guru verabschiedete sich und schwelgte am Lagefeuer in Erinnerung. Was ihn dann doch wieder aufmunterte: Ein Kobold am Herd.

Die Jungs an der Tür

Es kracht, ich zucke zusammen. Ich klacker auf meinen hohen Schuhen die Eschholzstraße entlang. Von außen höre ich den Bass aus dem Auditorium schallen. Im grauen Nebeldickicht funkeln rote und grüne Lichter auf. Ein Mädchen – ich kenne sie nicht – hüpft mir entgegen und kreischt "Happy New Year". Ich biege links ab. Eine Gruppe Mittzwanziger trinkt ihre restlichen Klöpferchen leer – ohne sie vorher geklopft zu haben.

Ich stehe vor dem Holztor, an dem das Schmitz-Katze-Logo prangt. Ob ich es klauen soll, bevor es abgerissen wird? Ich halte dem Türsteher mit zitternden Händen meinen Ausweis entgegen. Mit einem Lächeln wünsche ich ein frohes Neues. Seine Mundwinkel hängen nach unten. Hat er Dinner for One nicht gesehen? Ach, ich werde seinen grimmigen Blick vermissen – und ich weiß, dass auch er lacht, wenn Buttler James über den Tiger stolpert.

Wer war da

Es hat unter fünf Grad. Mädchen mit zwei streng geflochtenen Zöpfen geben ihre Daunen-Jacke ab. Sie rennen über den Hof in das Auditorium – bauchfrei und mit enganliegender Röhrenjeans. Ganz schön mutig, sich nach Weihnachten und Silvester-Raclette so zu präsentieren. Aber sie sind stolz und zeigen, wie schön ihr Bauchnabel-Piercing im Diskolicht funkelt.

In den Hochsteckfrisuren der Damen hängt Lametta. Sie tragen Pailletten-Kleider, sind stark geschminkt, haben sich Glitzer in s Gesicht gepudert und falsche Wimpern aufgeklebt. Dabei ist es dunkel und die Leute sind betrunken: Keiner nimmt wahr, dass sie sich in Schale geworfen haben.

Inneneinrichtung und Deko

Als seien die Bauchnabel-Piercings der Mädchen nicht genug, blinkt eine große Diskokugel im extra geöffnetem Werkraum an der Decke. Lichter funkeln, bunte Lampenschirme hängen im Auditorium. Hinter dem DJ-Pult werden an einer Leinwand Fotos von alten Schmitz-Katze-Partys gezeigt. Hoffentlich bin ich nicht zu sehen.

Party-Atmosphäre und Klangwaren-TÜV

Ein Typ mit weißem, enganliegendem Hemd, drückt eines der Mädchen mit Lametta im Haar an die Wand. Bei ihm öffnet sich ein Knopf. Noch einer. Noch einer. Jetzt ist aber gut! Wir haben es verstanden: Ihr startet wild und glücklich in das neue Jahr – andere nicht! Ein bisschen Mitgefühl wäre nett.

Ich ignoriere die Zwei. Der Bass packt mich, das Herz wummert, meine Beine gleiten über Tanzfläche. Ich schließe für einen kurzen Moment die Augen, atme tief Luft ein: Der Geruch von Kippen, Rauchnebel, und vom Tanzen verschwitze Hemden zieht durch meine Nase: Es duftet nach Schmitz Katze. Im Kagan riecht es nach "Paco Rabanne - 1 Million", im Agar nach Shisha – furchtbar.

Ich öffne wieder die Augen, versuche jeden Track – er könnte der letzte sein – aufzusaugen. Ich versuche zu shuffeln: Eines der Dinge, die ich 2017 unbedingt lernen will. Die Frage ist: in welchem Club?



Abschied

Ich quetsche mich durch die Menschenmasse nach draußen. Kleine Grüppchen stehen eng aneinander im Kreis um das Lagerfeuer. Wahrscheinlich zum letzten Mal. Mein Blick schweift über den Hof:

Hier auf dieser Holzbank saß ich, als mich ein süßer Junge nach meiner Nummer fragte. Da drüben, auf dem grünen Sofa, habe ich geknutscht – aber nicht ihn. Unter dem Dach habe ich kläglich im Bierpingpong verloren: Zehn zu Null. Aber meine Gegner wurden meine neuen Freunde und ein halbes Jahr später habe ich mit ihnen am Lagerfeuer Tequila gekippt: Zitrone, Salz, und erst dann der Shot – wir waren jung.

Ach Katze, wo soll ich denn jetzt meine Affären und Freunde für das kommende Jahr kennenlernen – wenn nicht bei dir? Tinder? In der Kinder-Galaxy in St. Georgen? Ich hoffe, dass 2017 auch ohne dich alles besser wird. Ich werde abnehmen, nicht mehr so viel Alkohol trinken, nicht mehr betrunken Nachrichten verschicken – geschweige denn Snapchat öffnen.

Zack! Ein Hipster mit Wollmütze und Weihnachtspullover von 1992 stößt mir in den Rücken und reißt mich aus meinen Gedanken. "Sorry", sagt er. Toll. Mein Bier ist zur Hälfte übergeschwappt und das Ketchup meiner Wurst hängt nun an meinem Kleid.

An der Bar um fünf Uhr nachts

Ich schlurfe wieder in das Auditorium. Das Pärchen knutscht immer noch. Ich verdrehe die Augen, schiele in mein leeres Glas. Dann blicke ich an die Theke: Fünf Euro für einen Gin-Irgendwas. "Buttler James, schenke mir ein. Miss Sophie will trinken!"

Aufheiterle

Ein Mann mit roten Locken steht hinter der Theke am Imbiss-Stand. Er trägt ein Kobold-Kostüm und grölt einen Song von AnnenMayKantereit – einen Namen, den man angetrunken nachts um drei nicht mehr aussprechen kann. Er wendet meine Wurst im Bratfett. Danke Kobold.

"Well, James, it's been a wonderful party!"

Fazit

Wie schön es wäre, nächstes Jahr wieder hier am Lagerfeuer die Hände zu wärmen. Wieder zum Bar-Keeper zu gehen und "The same procedure as every year, James" zu sagen – während er dir deinen Fünf-Euro-Gin einschenkt. Es soll nicht sein.

Es ist sechs Uhr und Schmitz Katze schließt in wenigen Stunden. Außerdem steckt mein Geld im Goldtopf des Koboldes. Ich schlenkere nach draußen und blicke nach hinten: Es war schön mit dir, Katze. Aber irgendwann ist auch das Dinner for One zu Ende – und Miss Sophie sagt "Well, James, it's been a wonderful party!".