Nightlife-Guru: Bei den "Violetten" @ Gaststätte Schönbergblick

Nightlife-Guru

Nachdem die "Mission Horizonterweiterung" im Jazzhaus zwar von gutem, aber nicht von durchschlagendem Erfolg gekrönt war, versucht unser Nightlife-Guru es jetzt mit einem "Blick über den Tellerrand". Die Partei "Die Violetten", bekannt aus Landtagswahl, fudder und Fernsehen, hatte unter diesem Motto zu einer Lesung geladen. Was da so ging:



Die Jungs an der Tür

Aus der Abendsonne kommend betrete ich gegen acht den Saal im Vereinslokal des SV Blau-Weiss Wiehre Freiburg. Es gibt keine Jungs an der Tür, allerdings ist die Runde intim genug, dass man als neues Gesicht etwas auffällt. Wohl deswegen und auch aufgrund der nicht gerade testosteron- oder alkoholgeschwängerten Atmosphäre kann die Veranstaltung sich leisten, auf Security zu verzichten.    

Wer war da?

Ganz normale, tendenziell etwas Öko aussehende Leute, die Mathelehrer sanft-verpeilten Typs sein oder auf dem Landratsamt arbeiten könnten. Ein paar spielen auch mehr ins vaubanige, ein paar ins ingenieurige. Tendenziell älter, wie Deutschland halt ist. Eine kleine Delegation Nerds, die sich über Portal 2 unterhalten, während auf meiner anderen Seite über Garteneidechsen gesprochen wird. Ein paar Hunde sind auch da. Zu meiner leichten Überraschung wird ganz selbstverständlich Fleisch gegessen.

Wer nicht da war: leider der Autor. Mangels Voranmeldungen hat Dirk Fleck, der heute aus seinem Öko-Thriller „Maeva“ hätte lesen sollen, leider abgesagt. Er soll aber, so Markus Benz, Bundesvorsitzender der Violetten, im Juni nachkommen. Stattdessen gibt es nach 25-minütigem „akademischem Viertel“ eine Minimesse lokaler violettennaher Initiativen und Gruppen, die, so Benz, der Vernetzung dienen soll. Er rattert eine erstaunliche Vielzahl von Initiativen und Vereinen mit teils enorm seltsamen Namen herunter, die er angesprochen habe und von denen ich meist noch nie gehört habe. Ziel soll sein, ein Netzwerk von Initiativen zu schaffen, die sich mit der Frage beschäftigen, „wie wir wirklich leben wollen".  

Inneneinrichtung und Deko

  Die Vereinskneipe, die sich von außen etwas deprimierend in nicht mehr ganz taufrischer 90er-Zweckbautenanmutung zeigt, ist innen licht und mit viel hellem Holz eingerichtet. In dem Saal in dem die Veranstaltung stattfindet stehen ein paar von diesen Stehlampen mit weißen Ikea-Papierschirmen, ein Tisch mit Flyern und violetter Tischdecke und ein Tisch mit Technik.

 

Soundcheck und Partyatmosphäre

  Der erste Redner stellt die „Initiative Grundeinkommen“ vor. Etwas tragisch hier der Hinweis, es seien über 200 Personen im E-Mail-Verteiler, aber nur 8-12 aktiv. Ein Therapeut erzählt etwas über „Quantenheilung“ und lädt zu einem Symposium.

Die Leute von „Transition Town“ streben nach Nachhaltigkeit durch Relokalisierung der Lebensmittelversorgung. Die Lebensdorf-Bewegung wird vorgestellt, die sich mit Permakultur beschäftigt und ein Dorf gründen will, um so landwirtschaften zu können.

Eine junge Frau ist für die Anti-Atom-Bewegung da und wirbt für die regelmäßigen Demonstrationen der Gruppe. Die Teilnehmerzahl sei von 800 auf dem Höhepunkt der Fukushima-Katastrophe inzwischen wieder auf 200 gesunken. Konjunkturzyklen der Aufmerksamkeitsökonomie.  

Auf dem Klo um halb zehn

  Es ist still, sehr still… und plötzlich macht jemand das Licht aus.  

Aufregerle

  Der letzte Referent versucht mit krassem Eso- und Technobabble („das ist wissenschaftlich bewiesen“), bei dem selbst Geordie LaForge und dem Dalai Lama die Ohren schlackern würden, einen 1600 Euro teuren Elektronenverbesserer zu verkaufen, der auf der Webseite des Herstellers „aus rechtlichen Gründen“ mit dem Hinweis versehen ist, dass die Funktionsweise des Apparates mit „herkömmlicher Physik“ nicht erklärbar ist. Er spielt damit den Saal ziemlich zügig halb leer.

Ich pendle zwischen Staunen, Fremdscham und, äh, noch größerem Staunen und bin mir unschlüssig, wie viele der verbliebenen Zuschauer einfach nur höflich sind und wie viele tatsächlich bereit sind zu akzeptieren dass es vorteilhaft sein könnte, ihre vom E-Werk gelieferten Elektronen von „biologisch schädlicher Information“ zu reinigen. Bei der Nachfrage „Haben die (unter Elektrosmog leidenden) Bienen da auch was davon?“ haut es mich dann fast vom Stuhl. Die Nerd-Delegation geht ungefähr an dieser Stelle. Meine Notizen von diesem Teil der Veranstaltung sind komplett surreal, was meiner Meinung nach nicht an mir liegt.



 

Aufheiterle

  Eine Zuhörerin bringt die nach Einwänden aus dem Publikum immer vageren Ausführungen des Elektronenreinigerverkäufers zur Energiereinigung von Innenräumen schließlich auf den Punkt „da könnte ich mir als Künstlerin ja für die positive Energie auch einfach ne Statue reinstellen“, und schafft es so, der Glaubwürdigkeit des Gerätes den Boden zu entziehen, ohne hierzu die sonnigen und sicheren Ufer der Spiritualität zugunsten der rauhen Seen der Naturwissenschaft verlassen zu müssen. Ich bin beeindruckt.  

Fazit

  Anstatt auf einer Lesung bin ich unvermittelt auf einer Art Messe der Lebensinhalte gelandet. Und wenn mein Herz nicht schon meiner Mutti und der Sozialdemokratie gehörte, dann hätte ich es hier sicherlich vergeben können. Evolution, auch kulturelle, ist ohne Experimente nicht möglich, und insofern handelt es sich bei Veranstaltungen wie dieser um eine Art Ursuppe sozialer Bewegungen.

Das heißt natürlich nicht, dass ich erwarte, dass alle an diesem Abend vorgestellten Projekte das Angesicht unserer Gesellschaft verändern werden. Unweigerlich kommen bei Evolution auch bescheuerte Dinge heraus, wie Dodos, Pandas und Penisse. Einige der Projekte, die ich heute kennenlernen durfte verstehe ich nicht, einige finde ich überflüssig, einige zumindest schlecht präsentiert. Aber es ist eine tolle Sache, der Ursuppe beim Brodeln zuzusehen.

Das Kriterium, nach dem sich die Spreu vom Weizen trennt, ist bei Bewegungen wie bei Tieren letztlich nur der Erfolg, also die Frage, wie erfolgreich die Idee Menschen für sich begeistern kann. Vielleicht ist für den einen oder anderen fudder-Leser ja was dabei.