Nightlife-Guru: Bei den Chippendales in der Rothaus-Arena

Nightlife-Guru

Männer mit Six-Packs und tätowierten Pistolen. Männer, die ihr Unterhemd aufreißen. Männer, die in blauen Tangas mit ihren Muskeln zucken: Am Freitag haben die Chippendales die Frauen zum Kreischen gebracht – auch unseren Nightlife-Guru.

Vor der Tür

Frauen in viel zu engen Partykleidern tratschen vor dem Eingang der Rothaus-Arena. Sie tragen das, was ihre Männer schon lange nicht mehr an ihnen gesehen haben: Das kleine Schwarze, hohe Pumps und sexy Strümpfe.

Ihre Wimpern sind dreifach getuscht. Ihre Lippen rot übermalt. Sie fahren sich mit ihren lackierten Nägeln durch das toupierte Haar und zupfen ein letztes Mal an ihrem Kleid – nur für den Fall der Fälle, ein Chippendale könnte sie in der letzten Reihe sehen und sich sofort in sie verlieben.

Eine von ihnen wischt über ihr Handy: "Ne, hat nicht geschrieben. Selbst Schuld, wenn er sich nicht meldet. Heute gönn’ ich mir." Sie steckt das Handy zurück in ihre Longchamp-Tasche und schluckt ihren Sekt-O in zwei Zügen runter.

Inneneinrichtung und Platzwahl

Die Ladys tänzeln auf ihren High-Heels zu Teenie-Pop-Musik in den bestuhlten Saal. Der Boden – der normalerweise aufgrund des überschwappenden Bieres klebt – ist mit einem roten Teppich überzogen.

Auf der Bühne ist nur eine Leinwand zu sehen: Hammer, Seile, Tangas und Ketten warten hinter dem Vorhang auf ihren Einsatz. Der Saal wirkt seriös – bis die halbnackten Männer mit ihrem "Ding" in der Hand durch die Reihen baumeln.

Party-Atmosphäre und Klangwaren-TÜV

Mit den Beinen überkreuzt und den Händen auf den Oberschenkeln mache ich es mir auf meinem Sitz bequem. Eine Männerstimmte schallt durch den Saal: "Lady", sagt sie. "Herzlich Willkommen bei den Chippendales!" Die tiefe, kratzige Stimme reicht aus: Mein Herz pocht. Techno-Musik dröhnt durch die Anlage – immer lauter, immer schneller.

Männer – oberkörperfrei mit einer tief sitzenden Jeans – rennen über die Bühne: Von links nach rechts, von der einen Ecke zu anderen. Sie fuchteln mit ihren Armen um sich, hüpfen, klopfen sich auf die Brust und spannen ihre Oberkörper an.

In Slow-Motion gleitet ein blonder Tänzer über die Bühne nach vorne. Es ist Billy Jeffrey: Der "Boss" der Chippendales. Durch sein enges, weißes Unterhemd bilden sich seine Muskeln ab. Eine dunkelblaue Lewis-Jeans schmiegt sich um seine Beine. Er blickt an sich herab, schaut uns an, schmunzelt – seine Zähne sind so weiß wie die von Meister Proper. Er fährt mit ausgespreizten Händen seinen Oberkörper entlang – und zwinkert. Der Bass schlägt ein. Er reißt sein Hemd auf, wirbelt es in der Luft, schmeißt es in die Menge.

"Ich kreische, pfeife, lache lautstark. Ich mache all das, was ich zuvor für peinlich empfunden habe."


Die Frauen kreischen – ich habe einen Tinnitus. Er streckt seine Hüfte und sein braungebranntes Six-Pack nach vorne und greift sich in den Schritt seiner Lewis-Jeans. Für einen kurzen Moment halte ich inne - dann klatsche ich eifrig in die Hände. Ich kreische, pfeife, lache lautstark. Ich mache all das, was ich zuvor für peinlich empfunden habe.

Er läuft nach hinten zu den anderen Männern, die im Takt der Musik ihre Muskeln zucken und weiter tänzeln. Ganz langsam ziehen sie ihr Hose runter – und stehen im blauen Tanga da. Sie drehen sich um, die Musik wird lauter und zack: nackte Ärsche. Applaus, Applaus.

Wer war da?

Frauen – natürlich. Aber in einem Text über die Chippendales interessiert es wohl keinen, was für Frauen da waren – sondern welche Männer auf der Bühne getanzt haben. Die Top-Zwei nach Kreisch-Alarm:
  • Der Instagram-Typ, der seine hellbraunen Haare zu einem Zopf gebunden hat und die Frauen schreien lässt, wenn er sie öffnet und sich dann lasziv durch seine Mähne fährt. Er ist der Typ, der in Social Networks Millionen Klicks bekommt, wenn er ein Katzen-Baby auf dem Arm hält.
  • Der böse Bub, der am unteren Ende seines Ten-Packs eine Narbe hat. Er ist der Draufgänger, vor dem Mama dich warnt. Er hat einen gepflegten Bart, seine dunklen Haare sind perfekt geschnitten und zur Seite gegelt. Er ist die Verkörperung von Testosteron – und bricht dir irgendwann das Herz.

Meine 30 Sekunden Ruhm

Sie schwingen Hämmer, verkleiden sich als Bauarbeiter, spielen Fifty Shades of Grey, die Backstreet Boys und Tarzan nach. Sie holen Zuschauerinnen auf die Bühne, die auf ihnen strippen, gefesselt werden und Kondome über Bananen ziehen.

Plötzlich werfen sie die Hämmer in die Ecke und hüpfen von der Bühne. Direkt vor mir: der böse Bub mit der Narbe, der an seinem "V-Muskel" eine Pistole tätowiert hat.

Er kommt auf mich zu, schwingt sein Bein über meinen Stuhl, bewegt seine Hüfte rhythmisch nach vorne und nach hinten, nimmt meine Hand und fährt sie langsam über seinen gephotoshoppten Körper. Ich lache. Er zwinkert. Dann geht er zu nächsten. Oh mein Gott!

Aufheiterle

Mit unter den Chippendales: Justin Rhodes, der 2014 bei der amerikanischen Talent-Show "America’s Got Talent" das erste Mal auf einer großen Bühne stand und mit seinem Gesang selbst Heidi Klum überzeugte.

Der Saal ist dunkel, nur ein weißer Scheinwerfer beleuchtet Justin, der an einem schwarzen Piano sitz. Er streicht über die Tasten und haucht den ersten Ton in das Mikrofon. Die Frauen holen ihr Smartphone raus und beleuchten den Saal, schwingen ihre Arme nach links und rechts. "Ohhh", sagen sie und machen Justin auf der Bühne schöne Augen. Er singt irgendeine Liebesballade, fünf Minuten später zieht er erneut seinen Tanga aus.

Aufregerle

"Die Körper sind ein bisschen zu viel des Guten", sagt die Dame neben mir. Nein, niemals.

Fazit

Eine Karte kostet 52 bis 64 Euro: teuer, aber für so eine Show lohnenswert. Trotz Pumps und enganliegendem Kleid hat sich kein Chippendale in eine Zuschauerin verliebt – nur andersrum.