Nightlife-Guru: Alternative für Deutschland @ Bürgerhaus Zähringen

Nightlife-Guru

Die Alternative für Deutschland (AfD) lud am Samstag zu einer Wahlkampfveranstaltung ins Bürgerhaus Zähringen. Draußen: Proteste. Drinnen: fudders Nightlife-Guru. Wie's war:

 

Die Jungs an der Tür

Das Broder-Beinahe-Einlaßdebakel vor ein paar Wochen überkompensierend schlage ich um fünf nach zwei bei der auf drei Uhr angesetzten Veranstaltung im Bürgerhaus Zähringen auf. Ich wackle verkatert in die Halle, in der außer ein paar Securities und Helfern noch niemand ist, und wackle wieder raus.

Drei Kameraleute schießen vor der Halle ein paar von diesen Sequenzen, bei denen man von einem Baum oder was auch immer auf das Ding schwenkt, um das es in dem Beitrag gehen soll. Ein Journalist streitet mit dem Polizei-Pressesprecher. Ein Polizist spaziert vorbei, seine Beinschienen klappern sanft. Ein Jugendlicher auf einem futuristischen Fahrrad fragt nach „der Halle, in der man auch Fußball spielen kann“. Es nieselt. Keine Gegendemonstranten weit und breit. Eine halbe Stunde später ist endlich Einlaß. Ein Security wirft einen flüchtigen Blick in meine Tasche, fertig.

Inneneinrichtung und Deko

Alte AfD-Bundestagswahlplakate, auf denen die Bundestagswahlhinweise überklebt werden. Ein AfD-Transpi. Ein Stand, an dem man AfD-Bundestagswahlkampfflyer und Mitgliedsanträge mitnehmen sowie Spenden abgeben kann. Hinter dem Rednerpult eine Leinwand im Public-Viewing-Format für die Powerpoint-Präsi. Das wars.

Wer war da?

Jüngelchen in Anzügchen. Ein Mann, der Heinrich Himmler verblüffend ähnlich sieht. Professor Ronald Asch, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Geschichte an der Uni Freiburg und Beisitzer des AfD-Kreisvorstands (als Redner). Ältere Herren mit wirklich edlen Sakkos. Das Publikum wirkt alt, aber vielleicht ist das auch nur die deutsche Bevölkerung. Ich bilde mir ein, dass es auf der Seite, auf der ich nicht sitze, etwas jünger wird, aber ich will nicht so glotzen.

Wenn man bedenkt, dass die drei Bundestagswahl-Spitzenkandidaten der Partei es laut Flyer zusammen auf zwölf Kinder bringen, sind eigentlich recht wenige Kinder da, aber das ist vermutl. auch nur Deutschland.



Veranstaltungsatmosphäre und Vortrags-TÜV

Vor den Hauptgang hat der liebe Gott zwei kurze Einführungen durch Kreisvorstandssprecherin Dr. Fein und Professor Asch gesetzt. Asch ordnet das Geschehen historisch ein und kann sich mit Blick auf die mit Linkspartei-Transpis auftretenden Gegendemonstranten draußen den naheliegenden SED-Seitenhieb nicht verkneifen.

Die beiden Profs sind souveräne und unterhaltsame Redner, Asch mit einer gewissen Lust an der Zuspitzung – Parteiveranstaltungen als schwarze Messen, denn „wer die Euro-Orthodoxie in Frage stellt, ist ein Häretiker“.



Lucke bemängelt ein Defizit an demokratischer Legitimierung und Kontrolle der EU-Institutionen und hält einen langen, von einer Flut Powerpoint-Folien mit Tabellen und Schaubildern begleiteten Vortrag darüber, dass, obwohl die EU in der Vergangenheit Großartiges geleistet habe, tatsächlich niemand vom Euro profitiere, und schreckt dabei nicht einmal vor einer kurzen Erläuterung des Begriffes „realer effektiver Wechselkurs der Lohnstückkosten“ zurück.

Der Euro verschärfe ökonomische Ungleichgewichte zwischen den Euroländern, was durch Umverteilung ausgeglichen werden müsse, was dann zu Streitigkeiten zwischen den Staaten führe. Die Lage in den Problemstaaten werde nach wie vor schlimmer, der Euro spalte die EU und stürze die Krisenländer immer tiefer ins Unglück. An den Vortrag schließt sich eine fast entgleisungsfreie Fragerunde von tatsächlich sehr ordentlichem Niveau an.



An der Bar

Keine Bar. :(

Auf dem Klo um halb drei

Ich muss nicht. :)

Aufregerle

Lucke beschränkt seinen Vortrag mit einem flockigen „Schuster bleib bei deinen Leisten“ auf die Volkswirtschaft und betont dabei immer wieder, dass es ohne den Euro allen Beteiligten, also auch den Problemstaaten, besser ginge, um den Vorwurf der mangelnden Solidarität oder des nationalen Egoismus gar nicht aufkommen zu lassen.

Es fällt aber kein Wort etwa zur heiklen Familien- und Migrantenpolitik der Partei, was man feige finden kann. Lucke ist nunmal nicht als Professor hier, sondern als Chef seiner Partei, und kann sich nicht auf sein Lieblingsthema zurückziehen. Oder?

Auch die Frager aus dem Publikum beschränken sich, möglicherweise wohlweislich, auf den vergleichsweise sicheren Boden der Wirtschaftspolitik, bis auf eine Fragerin, die im Zuge eines längeren, pathetischen Monologs die Gegendemonstranten vor der Halle als „Gesockse“ beschreibt, was Lucke kommentar- und regungslos hinnimmt.

Aufheiterle

Die AfD hat einen selbst nach den Maßstäben politischer Parteien ausgeprägten Drang zur Selbstbeweihräucherung. Die Redner loben ihre Parteigenossen nach Strich und Faden. Hans-Olaf Henkel wird zitiert, um den Parteimitgliedern überdurchschnittliche Bildung zuschreiben zu können.

Außerdem seien AfDler frei von ideologischem Schubladendenken sowie Macht- und Geltungsdrang, leistungsfähig und -bereit, an der Sache statt an Selbstdarstellung interessiert, und sie lebten für und nicht von der Politik. Sie stünden mit beiden Beinen im Leben und seien Mitglieder einer Partei, die anders sei als die anderen Parteien.

Fazit

Wollte man die Partei allein auf der Basis dieser Veranstaltung beurteilen, man fände sie vielleicht ganz erfrischend. Dumm halt, dass man das mit der Homophobie und so nicht vergessen hat.

Dünnhäutigkeit, Dünkel und eine gewisse Belagerungsmentalität blitzen bei den Leistungsträgern auf, wenn die Sprache auf den politischen Gegner kommt. „Glauben Sie nicht alles, was in den Medien steht“. „Machen Sie sich selbst ein Bild, auch von unseren Gegnern da draußen“, mit Blick auf die zugegeben krawattenmäßig eher benachteiligten Gegendemonstranten. Dr. Fein ist in ihrem Schlusswort erleichtert über den „erstaunlich störungsfreien“ Verlauf der Veranstaltung.



Boshaft könnte man unterstellen, dass die AfD-Wähler Luckes Schaubilder nicht nur wegen ihres intellektuellen Anspruchs schätzen, sondern auch wegen Deutschlands sexy Kurven, zum Beispiel beim Leistungsbilanzüberschuss. Schaubilder zum deutsche-Seele-streicheln. Wer weiß.

Wenn man unterstellt, dass Luckes wirtschaftliche Ausführungen zutreffen, was ich nicht beurteilen kann, da ich nicht der VWL-Guru bin, dann besteht da eventuell tatsächlich Handlungsbedarf. Vielleicht könnten die anderen Parteien das Problem ja beheben, bevor der Leistungsträgerkreuzzug einen Haufen Manwirdjawohlsagendürfen-Psychopathen in wichtige Ämter spült.

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