Nightlife Guru: Abbaparty der Saxo-Silesia Burschenschaft

Nightlife-Guru

Die Abba-Fete der Saxo-Silesia auf dem Lorettoberg am Samstag hat im Vorfeld eine gewisse Brisanz bekommen, nachdem zwei Autos, ein Porsche Cayenne und ein Mini, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag vor der Tür der Burschenschaftler in Flammen aufgingen. Auf indymedia.org tauchte ein entsprechendes Bekennerschreiben auf. Unser Nightlife-Guru ging der Sache nach.



Die Jungs an der Tür

Schon die Serpentinen, die ich und mein bereits stark alkoholisierter Begleiter in der Mercystraße zu bewältigen haben, tragen nicht zur Verbesserung der Partymotivation bei. Um kurz nach 23 Uhr sind wir oben.

Unschlüssig stehen wir an einer Kreuzung, umgeben von den Herrschaftshäusern und Gründerzeitvillen des Lorettobergs. Musik ist nicht hörbar. Plötzlich, aus der Dunkelheit, ruft es: „Party ist hier!“

Die Herren an der Tür sind, obwohl man es nach den unlängst brennenden Autos nebenan anders erwarten könnte, sehr zuvorkommend. Sofort kommen wir ins Gespräch, unter anderem auch mit Jörg, einem alten Herren der Verbindung. Man komplimentiert uns ins Haus und bittet uns sogar noch, Freunde und vor allem Freundinnen anzurufen. Viel los sei nämlich noch nicht. Überrascht erklimmen wir die letzten Treppenstufen bis zum eigentlichen Eingang der riesigen Villa.



Inneneinrichtung und Deko

Das Heim der Saxo-Silesia ist ein Burschenschaftshaus, wie man es sich vorstellt. Von den Wänden blicken einen die gerahmten Gesichter sämtlicher Mitglieder seit der Gründerzeit an, das Wappen und viele Fahnen hängen im großen Speisesaal. Das Jugendstilhaus hat vier Etagen, die Party findet im Keller statt. Doch vor dem Gang in selbigen bringen mich direkt in der Eingangshalle die bunten, selbst gebastelten Prilblumen neben der altehrwürdigen Burschenschaftsfahne zum Schmunzeln.

Ich habe mir alles wesentlich schlimmer vorgestellt. Der Keller ist ein typischer Kneipraum mit eigener Bar. Schwach beleuchtet und vor allem kaum gefüllt, hat man Zeit, das Interieur mit den schweren Eichentischen und den Kaiserbildern zu bewundern. Ob der Kaiser sich über Prilblumen und ABBA gefreut hätte?

Wer war da?

Wenige. Einige Burschenschaftler mit ihren schwarz-weißen Schärpen am Tresen, ein, zwei Gäste aus anderen Burschenschaften wie etwa der Frankonia und auch ein paar adrette Damen, die offenbar in Begleitung der sehr gepflegt auftretenden Burschen gekommen sind. Die jungen Herren mit den sauber gekämmten Scheiteln, mit gebügelten Hemden und weißen Anzügen wirken erst sehr suspekt, aber man schließt sie dann doch irgendwann ins Herz.



Insgesamt dürfte die Besucherzahl bei knapp 25 Mann liegen, inklusive Gastgeber. Jörg, der Alte Herr von der Tür, spendiert uns Bier und organisiert eine komplette Hausführung: „Wir sind keine Sekte, wir haben nichts zu verbergen.“ So haben wir die Gelegenheit, viel über die Geschichte der Verbindung und das Haus zu erfahren. Man erklärte uns die Satzung (sehr viel liberaler als vermutet) und erläutert, warum so martialisch wirkende Bräuche wie das Fechten auf dem Paukboden hier immer noch gepflegt werden.

The Cars are on Fire

Natürlich kommen auch die brennenden Autos zur Sprache. Die beiden Burschen, mit denen wir reden, zeigen wenig Verständnis für solche Aktionen. „Die beiden Autos gehörten nicht einmal uns, sondern den Nachbarn“, erklärt uns Marcus, ein Burschenschaftler im dritten Semester. „Wir haben nur noch die Feuerwehr gerufen.“

Strafanzeige habe man gestellt, allerdings nur wegen weiterer Drohungen der Linksautonomen im Internet. „Sowas muss doch nicht sein. Wie ihr vielleicht merkt, sind wir ganz normale Menschen hier und keine Rechtsradikalen.“

Gleichwohl muss man feststellen, dass die Polizei es bislang nicht als erwiesen ansieht, dass es sich tatsächlich um einen Brandanschlag von Linksautonomen handele. "Wir stecken mitten in den Ermittlungen", sagt Ulrich Brecht von der Freiburger Polizei. Auf Indymedia wird kolportiert, die brennenden Autos seien eine Antwort zu "Bullengewalt auf Demos", was sich wohl insbesondere auf die Konfrontation in den Oberlinden bezieht.



Partyatmosphäre

Obwohl wir bis 3 Uhr nachts am Tresen mit Jörg, übrigens in orangefarbenem Hemd und bunter Krawatte gekleidet, ausschweifend über Politik und Burschenschafts-Mythen diskutieren, scheint sich in all der Zeit gästetechnisch wenig zu tun.

So wähnt man sich eher auf einer Ü-30-Party in einer urigen Kellerpinte. Gemütlich jedenfalls, wenn man davon absieht, dass die Veranstalter ihr Wort halten und Stunde um Stunde ABBA aus den Boxen plärren lassen. Von "Take a Chance on Me" bis "Waterloo".

Kurz bevor mein Kopf implodiert, kommt ein anderer 70er-Evergreen. Vorübergehend zum klaren Denken zurückfindend, kann man zu „Hey Mr. Tambourine Man“ wieder auf das Bild von Kaiser und Generalstab schauen. Zu der Musik trauen sich allerdings nicht einmal die Alten Herren auf die Tanzfläche.

Catering & Getränkekarte

Der Eintritt ist frei, Bier und Weinschorle kosten jeweils einen Euro. Auch Bowle wird serviert, ebenfalls für einen Euro. Longdrinks stehen gar nicht erst auf der Karte, bei Burschenschaften sind sie wahrscheinlich auch ziemlich verpönt. Kulinarische Kleinigkeiten wie ein Toast Hawaii und belegte Brötchen kann man für 1,50 Euro erwerben.

Jörgs Gattin steht hinterm Tresen und wenn sie gerade abwesend ist, muss man sich das Bier eben selber zapfen. Oder man schickt einfach den Fuchs, also den jüngsten der Burschen, zum Bierholen. Der Fuchs ist schon deswegen symphatisch, weil er einer der wenigen auf dem Haus ist, der nicht BWL studiert.

Aufregerle

Mein persönlicher Aufreger war, dass meine Vorurteile einfach nicht bestätigt wurden. Ich hatte so auf plötzlich erhobene rechte Arme gehofft, eine Hetzjagd auf Linksradikale oder wenigstens eine Aufforderung zum Duell. Stattdessen hat die Saxonia-Silesia chinesischstämmige Mitglieder, schaltet lieber die Polizei ein, als selbst auf die Jagd zu gehen, und bei jedem Duell zwischen Burschenschaftlern sind immer mindestens zwei Ärzte dabei. Absolut unskandalös, leider. Vielleicht bin ich aber auch der Charmeoffensive der jungen und alten Herren erlegen.



Aufheiterle

Das Kaiserbild! Herrlich!

Fazit

Die Party war zwar kein Renner, aber ich hatte die Gelegenheit, eine als rechtsradikal verschriene Burschenschaft mal von innen kennen zu lernen. Ihre Mitglieder sind zwar etwas anders. Seltsam anmutende Sitten, ungewöhnlicher Kleidungsstil. Aber sie sind um einiges toleranter als Menschen, die Autos abbrennen müssen (oder sich zumindest damit brüsten), um ihre Stimme gegen das vermeintliche Großkapital zu erheben.

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