Nightlife-Guru: 5 Jahre Sinnestäuschung im Stinnes Areal

Nightlife-Guru

Wenn Tech-Heads und House-Hipster zusammenkommen, darf auch unser Nightlife-Guru nicht fehlen. Deshalb setzte er sich am Freitag zum fünften Jubiläum von Sinnestäuschung ins Taxi und sagte die Zauberworte "Bitte einmal zum Alten Stinnes Areal". Was er dort vorgefunden hat: glühende Airmax und Gruppengymnastik.



Jungs an der Tür ...

… rufen mir und meinen Begleitungen schon aus sicherer Entfernung "Ausweise" zu. Es ist schon 2 Uhr morgens, eine Schlange gibt es um diese Uhrzeit nicht mehr. Ich werfe meine Wasserflasche in den bereitgestellten Müll, erfahrungsgemäß sind die Männer an der Tür ja sehr genau beim Überprüfen von Tascheninhalten. Den Stempel gibt's für 15 Euro - ziemlich happig, selbst für dieses Line-up. Stempel auf den Unterarm und los geht's - rein in das Paralleluniversum Stinnes Areal.  

Wer war da?

Das Stinnes Areal, Freiburgs Techno-Bunker, ist heute Nacht voll. Nicht brechend, aber perfekt für eine Nacht voller Schweiß und Techno. Das Publikum ist heute allerdings speziell.

Neben den Profi-Ravern, die sich hauptsächlich auf dem großen Techno-Club-Floor versammelt haben, ist der Mainfloor voll mit einer Mischung aus Hipster-House-Liebhabern und Ibiza Boys and Girls. Die Garderobe der männlichen Keinemusik-Label-Jünger ist ziemlich einheitlich: Charhartt-Beanie, Röhrenjeans, New-Balance-Sneakers, T-Shirts mit großem Ausschnitt, das ganze abgerundet mit einem gepflegten Drei-Tage-Bart.

Das weibliche Pendant trägt Tank-Top mit irgendeinem höchst philosophischen Aufdruck, den ich sofort wieder vergessen habe. Dazu Leggins und sportliche Schuhe der Marke "unbekannt". Es herrscht eine große Männerdominanz in diesem Bereich des Stinnes. Die Frage, wo denn Rampa und Re.You auflegen, erledigt sich von selbst - es gibt kein anderes Gesprächsthema um mich herum.

Ich wage mich den neongrellen Gang entlang und stehe dann auf dem Club Floor. Hier sind Hackler & Kuch schon voll zu Gange. Sofort fallen mir die typischen Raver in weißem Unterhemd auf, mit kurzen Haaren, heller lockerer Jeans und Nike Airmax. In der Hosentasche eine Wasserflasche und in der Hand eine Zigarette.

Auf diesem Floor herrscht Gender-Ausgewogenheit. Von den Raverinnen fällt mir besonders eine ins Auge. Sie trägt Pferdeschwanz, die gleichen Schuhe wie Mr.-Profi-Raver, eine dunkle Jeans-Leggins und ein enganliegendes schwarzes Oberteil, das mit Löchern übersät ist. Mit Wasserflasche und Zigarette bewaffnet begegnet sie mir im laufe der Nacht jedes Mal, wenn ich auf den Techno-Floor gehe.

Partyatmo und Klangwaren-TÜV

Genug geschaut, der Bass wummert mir schon die Ohren voll, ab auf die Tanze. Synthies rein, Bass bisschen raus, Bass rein, die High-Hat knallt los, und eine Wand aus Techno bläst einem die Gehörgänge frei.

Es ist nicht eng, doch ständig bekomme ich einen Rempler von links, einen Rempler von rechts. Ich entschuldige mich, doch es kommt nichts zurück - komisch. Ich ziehe mich ein bisschen zurück. Um mich herum wird gezappelt und geshuffelt, dass die Airmax glühen. Hackler und Kuch bringen das Raver-Blut zum kochen, und der Sound ist superfein. Selbst für Nicht-Tech-Heads sind Hackler und Kuch ein Erlebnis.



Es ist jetzt gleich 3 Uhr. Das heißt: Rampa und Re.You aka RAR live auf dem Mainfloor. Der Weg vorbei an all den fuchsteufelswild Tanzenden gestaltet sich als Spießrutenlauf, schließlich will man keinen beim Tanzen in die Quere kommen. Endlich angekommen auf dem Mainfloor. Ein DJ, den ich nicht identifizieren kann, steht noch an den Tellern, neben ihm sehe ich zwei Beanie-bedeckte Köpfe - ganz klar, RAR bereiten sich vor. Gleich geht's los! Die Euphorie ist deutlich zu spüren - Kopf aus, Beine an.

Ruhig, abgeklärt und sehr konzentriert liefern der gebürtige Freiburger und der gebürtige Ulmer ein wunderbares Live-Set ab. Kein simples Remix-Abgedudel findet hier statt. Die Musik ist weich, lässt Platz zum Verarbeiten, kurz Luft holen, wenn ein Vocal Sample kommt. Die verspielten Percussions nehmen das Brachiale etwas heraus. Dann verschwindet alles außer dem Bass. Wupp, die High-Hat kommt rein, und mit ihr sind Percussions und Melodie wieder präsent. Alles tanzt, Pfiffe, lautes Johlen beim Drop. Und es wird weiter getanzt.

Auf dem Podest neben der Tanzfläche steht eine Abordnung total verdrehter Tech-Heads, die, von roten Scheinwerfern angestrahlt, eine Performance hinlegen, die mich auch Tage später noch erheitern wird. Sie rudert mit den Armen, ihr Top flattert durch die Gegend. Die Beine bewegt sie im Scherenschritt. Es erinnert mich an eine typische 90er Bauch-Beine-Po-Sendung mittwochmorgens. Neben ihr steht ein glatzköpfiges Muskelpaket, das ein Tank-Top von Oliver Koletzkis Label "Stil vor Talent" trägt. Stil vor Talent scheint auch sein Motto zu sein, denn sein wildgewordenes Zappeln mit allen Körperteilen ist ein wahrer Augenschmaus. Und das auf einem Podest, in rotem Licht - schlichtweg wunderbar! Nach einer Stunde ist es wieder vorbei. Schade. War jedoch auch ein Live-Act, da ist selten mehr drin.



4 Uhr, die Tanzfläche auf dem Mainfloor leert sich - für einen kleinen Moment. In der Lounge ist es durchgehend nicht voll, ein Paar tanzen, doch es ist eben viel zu hell und Lounge/Bar Stimmung, ein bisschen ruhigere Musik hätte es hier auch getan.

Zu späterer Stunde wage ich mich noch einmal auf den Club Floor. Hier ist die Tanzfläche konstant voll. Das Witzige: Es sieht ein wenig aus wie auf einem Exerzierplatz, denn die Tanzenden stehen in Reihen hintereinander. Gruppengymnastik vom Allerfeinsten. 

An der Bar ...

... ist nicht viel los. Der Tequila kostet 2 Euro und wird freundlich mit gut gefülltem Salzstreuer serviert.

 

Auf dem Klo um halb vier …

... erwartet einen eine Schlange - vor den Wasserhähnen. Ein Kerl führt mit gleich vier leeren Wasserflaschen eine Druckbetankung durch, Händewaschen ist heute Nacht anscheinend nicht so angesagt.

 

Aufregerle

Eine Schlägerei bei einem Sinnestäuschung Event, Pöbelei und Drohungen bei einem ungewollten Rempler:

Liebe Partystimmungs-Versauer, bleibt zu Hause, keiner mag euch, niemand braucht euch, wirklich niemand.

Aufheiterle

Ein Kerl, Anfang 20, gefolgt von zwei Altersgenossen: "Kannst du mir weiterhelfen?" - "Hahaha, du Profi, nein." Er: "Och Menno!" Sagt's, zieht 'ne bemitleidenswerte Rehaugenschnute und zieht ab.  

Fazit

Line-up topp, Sound topp, super Abwechslung, das Gelände des Stinnes Areals super ausgenutzt. Die durchgängige Euphorie, die bei solchen Veranstaltungen an der Tagesordnung ist, bleibt jedoch aus. Dafür gehen die Daumen etwas runter.

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