Nightlife-Guru: 18 Jahre Root Down im Waldsee

Nightlife-Guru

18 Jahre Root Down! Klar, dass unser Nightlife-Guru da vorbeischaute - zumal er unbedingt mal Rainer Trübys Gast-DJ Motor City Drum Ensemble live erleben wollte. Ob ihm der Abend getaugt hat:



Die Jungs an der Türe

Als ich den Berg zum Waldsee kurz nach Mitternacht erklimme, herrscht auf der Straße gähnende Leere - und auch die Einfahrt auf das Gelände wirkt merkwürdig ruhig. Etwas irritiert über die fehlende Kasse am Haupteingang laufen ich und meine Begleitung direkt zum Dancefloor-Eingang - doch auch hier will niemand unser Geld. Die Kasse wurde im Durchgang zwischen Schankraum und Tanzfläche aufgebaut. Für mich ist die Position völlig unverständlich und unglücklich gewählt.

Toiletten und Sitzgelegenheiten befinden sich nämlich im Raum nebenan; so muss man sich durch den verengten Durchgang vorbei an den Zahlenden drängen. Was ist verkehrt am wunderschön geeigneten Windfang des Haupteingangs? Vielleicht will man bei Bedarf das Ich-hock-aufm-ZMF-lieber-auf-dem-Hügel-neben-dem-Zelt-Gefühl möglich machen.

Sonst ist das Kassenpersonal freundlich, der Eintritt mit zehn Euro völlig gerechtfertigt, und die Security hält sich dezent im Hintergrund. Was will man in Freiburg mehr?

Wer war da?

Hier trifft der jung gebliebene Dozent auf seine Studierendenschaft. So wirkt die gut gefüllte Venue auf mich, denn so groß habe ich das Altersspektrum auf einer elektronischen Veranstaltung noch nicht erlebt. Im Schnitt vielleicht von 30, doch mit so vielen Ausreißern in beide Richtungen, dass es mir eine Freude ist, wie gut das doch funktionieren kann. Hier tanzen Leute, die gewiss schon von der Frührente zu träumen beginnen, Seite an Seite mit Kids, deren Volljährigkeit ich, wäre ich ein Türsteher, zu Recht anzweifeln würde.

Wenn ich den vorherrschenden Style in wenigen Schlagworten verorten müsste, käme ich an Begriffe wie "schlicht" und "gesetzt" nicht herum. Aber Nerd-Brillen scheinen einfach nicht aus der Mode zu kommen. Neumodische Print-Leggins, Brandshirts oder bunte Hosen mutierten hier zur Extravaganz. Rainer Trübys wichtigstes aber auch sympathisches Accessoire ist mit Sicherheit sein Weinglas.



Partyatmo und Klangwarten-TÜV

Ich und meine Begleitung verschwenden nicht viel Zeit. Heute Abend geht es nicht ums Rumsitzen und Trinken. Der Grund unseres Besuchs ist schließlich nur ein Mann: Motor City Drum Ensemble. Wir versorgen also zügig unsere Jacken an den öffentlichen Garderoben. Schön zu sehen dass, das funktionieren kann. Aber trotzdem wäre eine geführte Kleidungsabnahme an einem kalten Winterabend angebracht. Der ein oder andere wüsste ein potenziell wertvolles Stück, egal ob finanziell oder emotional, dann doch gerne überwacht.

Dann noch ein Bier in den Hals und sich ein Plätzchen vorne in der Crowd suchen - und tanzen. Trüby und MCDE spielen den Abend über Abwechselnd in kurzen Abständen. Angesagt ist Disco, Funk und House in Perfektion. Alt, neu, editiert, hauptsächlich von Platte. Extrem tanzbar, und einfach verdammtnochmal gut gemacht. Hier und da holperts, aber das macht so einen Sound doch erst richtig charmant!

Im Allgemeinen erscheint das Publikum, passend zum Kleidungsstil, eher zurückhaltend. Ein brodelnder Hexenkessel erschiene mir in Anbetracht dieser Soundgewalt deutlich angebrachter. Aber wer reißt schon mit Weinglas die Arme hoch? Und wer weiß: Vielleicht sind sie auch alle in ihrer eigenen Welt versunken und genießen die Musik.



An der Bar

Hier bin ich nur selten. Die paar Bier für meinen Abend erhalte ich zügig und freundlich. Was meine Ansprüche für einen Abend auf dem Dancefloor vollständig erfüllt.

Auf dem Klo um halb zwei

Vor dem Frauenklo bilden sich lange Schlangen. Die sanitären Anlagen scheinen mir etwas überfordert mit einem gut gefüllten Floor. So tummelt sich den Abend über das ein oder andere Mädchen im Waschraum der Männertoilette, um in einem sicheren Moment in die Kabine zu verschwinden. Hier gerade ist dies nicht möglich. Der unfreiwillige männliche Spion muss berichten, dass gerade ein bulliger Typ mit russischem Akzent verkündet hat, das er jetzt dringend in diese Kabine müsse.

Aufregerle

Der eine Typ, der viel zu nah in meiner Wohlfühlzone die Außmaße seiner Extase visuell darstellen will - mit Hilfe seiner großzügig gestalteten Extremitäten. Zu allem Überfluss lässt er es sich nicht nehmen, immer wieder fröhliche High Fives in seinem Umkreis zu verteilen.

Außerdem überreizt die ansonsten völlig tanzbare Anlage des Waldsees die ein oder andere sehr hohe Stimme und High Hat ein wenig. Aber darüber kann man hinweghören.

Aufheiterle

Die Musik wird ausgemacht, Rainer schließt seinen Kopfhörer an den Mikrofoneingang (ja, das geht) und raunt in sexy Stimme: "Es wird Zeit für etwas Besinnliches." Danach erleben wir eine lange soulige Nummer. Gänsehaut.

Fazit

Super Klangware, angenehmes Publikum und eine schöne Party mit ihren obligatorischen Schönheitsfehlern.

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