Niederlande vs. Mexiko: So feierten die Fans

David Weigend

Gude Laune, Alder! Großartige Stimmung gestern Abend im Dreisamstadion: Mexikaner und Holländer feierten Seit an Seit den Auftritt ihrer Mannschaften beim Wolkenbruch-Freundschaftsspiel. Wir haben uns unter die Gäste gemischt.



Normalerweise ist die Gegengerade im Dreisamstadion nicht der Ort des frenetischen Fantums. Gestern Abend war das anders -  beim Freundschaftsspiel zwischen den Niederlanden und Mexiko, das 2:1 für den, nun ja, Gastgeber endet. Das Ergebnis ist vielen Zuschauern allerdings nicht ganz so wichtig. Es kommt ihnen mehr auf die Stimmung an, auf die WM-Vorfreude, La Ola und Trötentest.


 



Nehmen wir zum Beispiel Winfried Witjes, den „Oranje Generaal“. Um seine exponierte Stellung unter den 600, teilweise wirklich im Wohnwagen angereisten Hollandfans zu verstehen, muss man zurückgehen ins Jahr 1988. EM-Finale im Münchner Olympiastadion, Niederlande gegen die Sowjetunion.

In der 54. Minute bediente der niederländische Mittelfeldspieler Arnold Muhren mit einer Flanke quer über das Feld Marco van Basten, der mit seinem Volleyschuss das entscheidende 2:0 für Holland erzielte und die Oranjes, bis zu diesem Zeitpunkt die ewigen Zweiten des Weltfußballs, zum Europameister machte. Jener Passgeber Arnold Muhren ist der Neffe von Generaal Witjes, der jetzt ganz vorn auf der Gegengerade steht und dem zweifachen Torschützen van Persie zujubelt.

Seit 1988 hat er achtzig Prozent aller Hollandspiele im Stadion miterlebt, in voller Montur. Allerdings steht er heute unmittelbar neben den mexikanischen Fans, die auf der Strandbadseite ebenfalls stark vertreten sind. „Das sind wunderbare Menschen. So ähnlich wie Iren. Ich habe kein Problem damit, dass wir hier mit ihnen im gleichen Block stehen.“ Dann tippt er mich an und deutet hinauf in den Block F. „Sehen Sie die orangefarbenen Frauen da oben? Die machen Stimmung, was? Wir brauchen mehr Mädels im Stadion. Die sind einfach klasse.“



Der Blick des Generaals verfolgt wohlwollend das Treiben jener Hobby-Cheerleader. Sie erinnern ein wenig an das Ballett Cin Cin aus „Tutti Frutti“, bloß, dass nur Aprikosen mittanzen. Sie tragen Glitzer-Cowboyhüte, Hotpants und bewegen sich, soweit das zwischen den engen Stuhlreihen möglich ist, zu Coverversionen, die eine Oranjekapelle spielt, „You can leave your hat on“ von Joe Cocker zum Beispiel.

Auch zwei Freiburger Stadionbesucher, Mittdreißiger, die eigentlich Mexicoschals tragen („Mir sin immer für de Kleinere und die Rivalität gegen den Erzfeind Holland gehört ja auch e weng gepflegt“), interessieren sich für dieses Geschehen dann doch mehr als für den Kick auf dem Rasen.



Immerhin die Mexikaner lassen sich von den Camping-Sirenen vorerst nicht ablenken. Als Hernandez in der 74. Minute den verdienten Anschlusstreffer köpft, flippen die Anhänger der Tri komplett aus. Phonstarker Vorgeschmack auf die WM – im Dauerregen.

Juan aus Juarez im Bundesstaat Chihuahua trägt eine mexikanische Wrestlermaske und sagt: „Die holländischen Fans sind cool, aber ihnen fehlt ein wenig der Enthusiasmus. Es ist egal, ob wir heute gewinnen oder nicht. Ich genieße es einfach nur, hier sein zu dürfen. Die Atmosphäre ist großartig.“ Dann stimmt er wieder ein in den mexikanischen Fangesang Cielito Lindo: „Ay, ay, ayaaaaaa, canta y no llores, porqué cantando se alegran, cielito lindo los corazones.“ Es klingt großartig aus den vielen hundert Kehlen, man wähnt sich auf dem Zocalo von Oaxaca, fehlt nur noch der Mezcal.

 



Enrique (rechts) aus Guadalajara, sein Lieblingsteam sind die Chivas, steht neben Juan, dem Wrestler. Sein Gesicht hat er Grün-Weiß-Rot bemalt, auch er strahlt vor positiver Energie und verkörpert so ziemlich das gegenteilige Bild vom mexikanischen Bandengangster, wie er dieser Tage im Kinofilm „Sin Nombre“ zu sehen ist: „Ich bin aus Pforzheim hierher gekommen, dort mache ich gerade einen Austausch. Mit dem Trinken habe ich gerade erst angefangen. Wo geht noch was, nachher in der Stadt?“



Einige der hier anwesenden Fans, zumindest die betuchten, werden direkt zur WM weiterreisen. Man erzählt, dass eine mexikanische Bank ihren wichtigsten Mitarbeitern die Flüge sponsert, auf dass sie die Tri in Südafrika gebührend unterstützen. Auch De Oranje Generaal wird am 14. Juni in Johannesburg im Stadion stehen. Dann geht’s im ersten Gruppenspiel gegen Dänemark. Rückflug? „Erst nach dem Finale.“

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