Zelt-Musik-Festival

New Model Army & Toy Dolls: Nicht zu alt für diesen Abend

Carolin Buchheim

Die Fun-Punk-BandToy Dolls gibt's seit 1979, die Indie-Punk-Rock-Crew New Model Army seit 1980. Am Samstagabend gaben sie einen Doppelgig auf dem ZMF. Können Punker und Indierocker in Würde altern?

Punk ist nicht tot, aber die Konfettikanone: Sie ist mit Tape an eine zwei Meter große Aufblas-Champagnerflasche geklebt – und nach zwei Versuchen gibt Toy Dolls-Gitarrist Michael "Olga" Algar auf und wirft beides kurzerhand unausgelöst ins Publikum. Egal, weiter, Spaß!


Die T-Shirts der Konzertbesucher erinnern an die Jugend

Zum Doppelpack-Konzert der legendären englischen Fun-Punkband mit der nicht minder legendären Indierock-Band New Model Army sind 1800 Leute aufs ZMF gekommen. An den Körpern der Konzertbesucher werden T-Shirts von historischer Bedeutung ("Thunder and Consolation – 1989") oder die Haltung der Welt gegenüber ("Old is not dead", "Entschuldigung für nichts") zur Schau getragen; mancher zieht das neue NMA-Shirt schnell übers Karohemd mit Kragen. Später ziehen viele die Shirts wieder aus: Nicht nur, weil’s im Zelt ordentlich warm ist. Noch mal so springen und feiern wie in der Jugend, das ist schweißtreibend.

Auch wenn die Champagnerflaschen-Konfettikanone nicht feuert, Toy Dolls tun das vom ersten Moment an: Die Band war seit ihrer Gründung 1979 immer mit weitaus mehr Virtuosität als im Genre üblich bei der Sache und hat nichts davon verloren. Ermüdungserscheinung? Nein! Mit Quäkgesang und rasanten Riffs peitscht Olga sich und das Publikum durch Punk-Knaller wie den Hit "Nellie the Elephant" und die eigene Interpretation von Bachs Toccata in d-Moll. Dazu wird synchrongehüpft und die Gitarre am Gurt kreisen gelassen, vereinzelt stürzen sich Stagediver ins Publikum, Bierbecher fliegen. "Glaubt ihr, ich bin hierfür zu alt?", fragt Olga, 54, das Publikum: "Glaubt ihr, ihr seid hierfür zu alt?"

Zu "I love the World" noch mal ausrasten wie 1993

Auch Justin Sullivan, Sänger von New Model Army und 61, ist nicht zu alt für diesen Abend. Prägend für den Sound seiner Band, der mit Punk-, Folk, und Goth-Elementen immer zwischen den Genres stand, war seine charakteristische Stimme. Und die ist kein bisschen gealtert. Nach drei Songs hat er das Publikum gewonnen. Sein Ton ist verschwörerisch, mitreißend, beinahe schamanisch, seine Band zackig und genau – nur ab und zu ist das Drumming ein bisschen zu dick aufgetragen und rutscht unangenehm in Richtung Mittelalter-Rock. Die neuen Songs sind gut, aber die Hits sind die Hits: "Vagabonds" und "Green and Grey" werden von den Fans in den ersten Reihen kultisch zelebriert.

"51st State" von 1986, ein Protestsong gegen die Amerikanisierung Englands und an diesem Abend mit einem dicken Offbeat-Break versehen, kommentiert Sullivan trocken: "Das ist alles, was wir zum verfickten Brexit sagen werde." Nicht nur Punker und Rocker altern offensichtlich gut: manche Protesthaltung auch.