Neuigkeitsfreie Zone

Diana Himmelspach

fudder-Mitarbeiterin Diana hat ihr Herz an die indonesische Inselwelt um Raja Ampat verloren. Von uns aus gesehen ist es das andere Ende der Welt; ohne Telefonempfang, dafür mit ganz viel Meer und unzähligen Sternen am Himmel. Mitte August macht sich Diana wieder auf die lange Reise nach Papua. Zuvor berichtet sie von ihrem ersten Aufenthalt auf Batbitim im November vergangenen Jahres, vom Sound der Stille und den faszinierenden Bewohnern der Unterwasserwelt.



"Nun ist es an der Zeit, eine letzte SMS an die Außenwelt zu schicken", heißt es nach etwa vier Stunden Fahrt auf dem kleinen, überladenen Speedboot mitten durchs offene Meer, "dann sind wir abgeschnitten von der Zivilisation."


Für etwas über einen Monat werden wir, eine Gruppe von acht Kollegen einer Tauchschule in Thailand, weder Internet noch Handy nutzen können, lediglich ein Satellitentelefon gibt es auf der Insel. Nur für Notfälle, versteht sich.
Ich schreibe noch eine letzte SMS an meine Familie und an ein paar Freunde. Dann sind wir out of phone range. Es ist ein befremdliches Gefühl, das ich kaum in Worte fassen kann. Ich packe mein Handy in den Rucksack.

Die Stimmung auf dem Boot ist gespannt. Keiner weiß so recht, was uns im Survival Camp erwartet. So nennen wir unsere Mission halb scherzhaft. Ein bisschen mulmig ist uns allen. Auf Batbitim werden wir bei der Entstehung des Misool Öko-Resorts und einer dazugehörenden Forschungsstation mithelfen. Im Gegenzug erhalten wir Kost und Logis; vor allem auch die Möglichkeit, zu tauchen.



Eigentlich sind wir alle Individual- und Alleinreisende. Ob wir uns auch als gruppentauglich erweisen? Auf einer kleinen Insel ohne Strom und Funk?

Hinter mir liegt bereits eine weite Reise. Bis zum letzten Tag vor der Abreise gen Batbitim hatte ich in der Tauchschule als Divemaster gearbeitet.

Dann ging es von Koh Tao erst nach Bangkok, dann über Kuala Lumpur nach Bali, wo wir einige Tage verweilten und in Tulamben das faszinierende Schiffswrack der Liberty betauchten. Von Bali folgten dann vier weitere Inlandsflüge, bis wir schließlich in Papua ankamen. Am kleinen Hafen von Sorong hatten wir in brütender Hitze unser Boot beladen und uns auf die achtstündige Reise auf engstem Raum quer über den Ozean vorbereitet.

Nach etwa sieben Stunden Bootsfahrt blicke ich zu einem Sternenhimmel auf, der mir irreal vorkommt. Im Umkreis von etwa 200 Kilometern existiert keine künstliche Lichtquelle, nur das Meer und unzählige, unbewohnte Inseln. Willkommen in der Schatzkiste von Mutter Natur!

Ich bin sprachlos. Außerdem bin ich beeindruckt, wie unser indonesischer Kapitän das Boot so zielsicher durch die nächtliche Inselwelt und die zum Teil sehr flachen Riffe manövriert. "Compass, stars, the sea and me, we know each other!" antwortet er mir in brüchigem Englisch auf meine Frage nach der Navigation und lacht: "Sometimes I need to sing!"

Am Hauptstrand von Batbitim, wo sich auch das Basislager des entstehenden Ökoresorts und Forschungscenters befindet, erwartet uns die Crew gespannt. Sie arbeitet schon seit einigen Monaten auf der Insel, abgeschnitten vom Rest der Welt.

Ich fühle mich wie Alice im Wunderland, als ich bis zum Bauch im kristallklaren Wasser der Bucht stehe und die ersten Fische an mir vorbeiziehen.

Wir entladen das Boot und räumen unsere Backpacks in die einfach gebauten Zelte, denn früh am nächsten Morgen wird uns das Boot wieder verlassen. Was uns bleibt, um Trinkwasser und Reis vom nächsten Dorf zu transportieren, ist unsere "Badewanne", ein kleines Motorboot.



"Raja Ampat" bedeutet "4 Könige" und ist der Name einer Inselgruppe mitten in einem einzigartigen Ökosystem mit einer höheren Artenvielfalt, als man sie selbst am Great Barrier Reef in Australien verzeichnen kann. Ein Tauchertraum.

Leider wurde in einigen Gebieten unter anderem mit Dynamit gefischt, was katastrophale Auswirkungen auf das empfindliche Ökosystem unter der Wasseroberfläche hatte. Noch immer werden Haie gefangen, die Flossen bei lebendigem Leibe entfernt und der restliche Körper zurück ins Meer geworfen; die Haie ertrinken schließlich. Doch noch immer boomt der Natural Viagra-Markt und die Flossen werden mit viel Gewinn nach Japan und China verkauft. Für die Einheimischen leider noch ein lukratives Geschäft.

Diesem und vielen anderen Themen zum Schutz von Flora und Fauna will sich das entstehende "Conservation"-Center annehmen.



Doch noch ist auf Batbitim nichts, was an Derartiges erinnern könnte. Tauchen und Verpflegung für Mitarbeit ist der Deal und so machen wir uns in brütender Hitze an die Arbeit.

Das Motto ist "Back to the roots". Duschen unter Sternenhimmel in gewöhnungsbedürftiger Eigenkonstruktion. Das Regenwasser muss selbstverständlich erst mühsam mit selbstgebauten Regenrinnen an unseren Behausungen gesammelt werden. Auch an die Öko-Holzklos muss man sich erst gewöhnen. Wäsche waschen geht nur mit Regenwasser. Unser zweites Motto: Looks dirty – but it’s clean!

Unser Alltag ist geschäftig. Wir fangen Fische für das tägliche makan (essen), schleppen und schälen Baumstämme, erschließen Wege und mischen Zement für den Treppenbau.



Unter tropischer Sonne und mit wenigen modernen Hilfsmitteln ist das nicht unbedingt angenehm. Zwischen 12 und 15 Uhr ist an Arbeit nicht zu denken. Ich nutze die Siesta und gehe Schnorcheln. Aufmerksam beobachten wir täglich die Gezeiten, Wind, Wetter, Strömungen und Regenmengen, tragen die Daten in ein Buch ein, um Prognosen und Statistiken für dieses Gebiet anfertigen zu können.

Belohnt werden wir für unsere Arbeit immer wieder unter dem Meeresspiegel, wo eine Welt voller Wunder und bizarrer, farbenprächtiger Bewohner auf uns wartet.

Schildkröten, Haie, Rochen und sehr viele äußerst seltene Riffbewohner beäugen uns teils scheu, teils interessiert und bescheren uns unbeschreibliche Tauchgänge.

Vor allem nachts ist unter Wasser Party angesagt. Shrimps, Krebse, Hummer und Kleinfische in allen nur erdenklichen Kostümen, Farben und Formen, jagende Großfische in tieferen Gewässern, als schwereloser Beobachter taucht man in ein unvergleichliches Spektakel ein.



"Man braucht nicht viel um glücklich zu sein", denke ich jedem Morgen, wenn ich aufwache und aufs Meer hinausschaue, mich in meiner Hängematte räkele und im warmen Flachwasser bereits diverse Rochenarten beobachten kann. Fernab von Elektrosmog, Handyklingeln und Hektik kann man einfach sein.

Man lebt hier anders. Was mir auf Dauer wahrscheinlich auf Batbitim fehlen würde, sind Neuigkeiten und Einflüsse von der Außenwelt. Und vor allem hin und wieder gute Musik aus ordentlichen Boxen!

Der Abschied von der Crew, den einheimischen Arbeitern und von dieser atemberaubenden Landschaft fällt mir sehr schwer. Die Rückkehr in die mir vertraute Welt ist ein kleiner Kulturschock.

Ende 2007 wird das Misool Eco Resort endlich eröffnet. Ich werde dabei sein. Mitte August geht es für mich los, und irgendwann werde ich, nach zehn verschiedenen Flügen, wieder im Boot Richtung Raja Ampat sitzen.

Ihr hört von mir.



Mehr dazu:

  • Im Oktober wird ProSieben zwei einstündige Folgen der Sendung  "Lebe Deinen Traum" zeigen. Die Filme sind während meines Aufenthalts auf Batbitim gedreht worden.