Neueröffnung: Coworking-Space Wunderland am Siegesdenkmal

Savera Kang

Im ehemaligen Bertelsmann hat sich vorübergehend ein Kollektiv aus freischaffenden Kreativen eingemietet. In einer Mischung aus Bürogemeinschaft und Galerie wollen sie in den nächsten sieben Wochen erproben, was passieren kann, wenn Tatendrang und Ideen unter einem Dach aufeinanderprallen:



Licht und Platz, man möchte bleiben. Doch in sieben Wochen sollen die Räume einem Neubau weichen. Bis dahin haben die rund 20 Menschen, die hinter dem „Wunderland“ stecken, einiges vor. „Wir starten mit vier Wochen Verspätung, jetzt wollen wir keine Zeit verlieren“, sagt Boris Hoepf, Grafikdesigner und Netzwerker der Gruppe.

Angefangen hatte alles damit, dass Dietmar Helfrich, Chefdrucker, die Räumlichkeiten in einem Inserat entdeckt. Es folgt ein Bericht über Telefonate, Amtsgänge und Lokalpolitik und schnell wird klar, dass das, was am Ende so unbürokratisch und locker aussieht, nichts für Halbentschlossene ist.



Blumen hängen von der Decke, ein Pizzakarton verspricht die baldige Rückkehr des Verzehrers und einige Bilder haben auch schon an die frisch geweißten Wände gefunden. Im Teppich fehlen ein paar Stücke, Jonas Ehrhardt lacht: „Das passiert, wenn man die Street-Art-Jungs mal machen lässt.“ Er selbst ist vielleicht Fotograf, will sich aber auch nicht festlegen: „Ich setze visuell um, was ich jahrelang beobachtet habe.“ Das kann verschiedene Formen annehmen, und er freut sich auf unerwartete Symbiosen.

Anders als die Jazz- und Rockschulen und die hKDM nebenan ist das Wunderland nämlich offen für spontane Zusammenarbeiten: Theoretisch kann man reinspazieren und sein Können zeigen oder - wenn man nicht vor Ort ist - ein Päckchen schicken. Ein paar solcher Sendungen sind bereits unterwegs und finden bald Platz neben Ölbildern, T-Shirts und LED-Installationen. Das Auswahlkriterium fasst Kristian Gäckle zusammen: „Es sollte sympathisch sein.“ Egotrips sollen hinter Ideen zurücktreten, und das Kollektiv hofft, dass sich bald neue Arbeitsgruppen zusammenfinden.

Kristian ist Teil von „Not Another Brick in the Wall“ und räuspert sich extra laut, um seine geräuschempfindlichen LED-Fäden zum Leuchten zu bringen. Sie hängen im Keller, in dem neben einer live steuerbaren Lichtwand auch bald ein paar Schreibtische das „Büro“ in „Bürogemeinschaft“ unterstreichen sollen.



Doch alles bleibt modular, jeden Freitag soll es markante Veränderungen geben, reinschauen wird sich immer lohnen. Schon jetzt steckt ein Grundschuljunge seinen Kopf durch die Tür: „Entschuldigung, mein Freund will wissen, was ihr hier macht?“ Sie können wohl schon lesen, und „Wunderland“ ist was, das sie mögen.

Wie erklärt man ein Konzept, das so offen und ambitioniert ist? Und: Wie behält man den Überblick? Dafür ist unter anderem Patricia Schulz als Organisatorin zuständig. Sie sorgt aber nicht nur für eine Linie, sondern weiß auch, wo das letzte Bier versteckt ist und fasst ihr Talent, zu trösten, so zusammen: „Wenn Männer sich verletzen, bin ich da“.

Übermäßig gewerkelt wurde aber noch nicht, der Raum hat seinen Charme behalten, nur „Team Farbe“, bestehend aus Henning Luckert und Daniel Schmieder, hat vorgestern schon mal für (überwiegend) weiße Wände gesorgt.



Seit das Kollektiv am Montag zum ersten Mal in die Räume konnte, haben sich viele Begegnungen ergeben. Ältere Menschen schauen durch die riesigen Fenster und fragen: „Machet ihr Kunscht?“ - die Stadt ist Teil des Projekts, Innen und Außen sind aufeinander angewiesen. Die Macherinnen und Macher werden auf allen Kanälen angesprochen, man habe was gehört und was das denn nun sei, viele wollen mitmachen. Schon vor dem Start bietet der Coworking-Space seinen Mitgliedern das, was es letztendlich so spannend macht: ein sich stets weiterspinnendes Netzwerk.

„Freiburg ist strukturschwach“, deutet Jonas Ehrhardt seine Kritik an, und Boris Hoepf ergänzt: „Alle gehen nach Berlin.“ Was hier entsteht, hat unser gemütliches Städle bisher vermissen lassen und man darf gespannt sein, was in den kommenden Wochen am Friedrichsring 1, aber auch am Siegesdenkmal insgesamt, passiert, an dem nun drei Zwischennutzungsprojekte in unmittelbarer Nachbarschaft erproben, was bis vor kurzem noch sehr unwahrscheinlich schien: Freiräume mitten in der Stadt.

Kontakt


Wunderland - Raum für Projekte und Zeitgeist

Friedrichsring 1 (Ex-Bertelsmann)
79098 Freiburg  

Öffnungszeiten

Mittwoch bis Freitag
13 bis 23 Uhr

Samstag
12 bis 23 Uhr

Mehr dazu:

 

Fotogalerie: Savera Kang

 
Tipp:
Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.